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„Grenze, was zulässig ist“

Merz-Regierung verschärft Bürgergeld-Sanktionen: „Arbeitsverweigerer erhalten keine Leistungen mehr“

Die Merz-Regierung will bei den Bürgergeld-Sanktionen an die Grenze des rechtlich zulässigen gehen. Auf Beziehende kommen deutlich härtere Regeln zu. Die Übersicht.

Berlin – Union und SPD haben eine Einigung über die neue Grundsicherung erreicht. Sie werde „wirklich gut“, erklärte Friedrich Merz bei der Pressekonferenz am Donnerstag, 9. Oktober. „Das Thema Bürgergeld wird der Vergangenheit angehören“, sagte der Bundeskanzler weiter. „Wir sind wichtige Schritte gegangen“, sagte die zuständige Arbeitsministerin Bärbel Bas zudem.

Friedrich Merz und Bärbel Bas wollen bei Sanktionen in der neuen Grundsicherung an die Grenze dessen gehen, was verfassungsrechtlich zulässig ist.

„Wir sind uns einig, dass wir Einsparungen in der Grundsicherung vor allem dann erreichen, wenn wir mit der Reform mehr Menschen in Arbeit bringen“, sagte Bas zudem. „Dafür brauchen wir vor allem Wirtschaftswachstum“, räumte die SPD-Chefin ein. Dennoch setzt die Merz-Regierung auf die Verschärfungen – und hat die Einigungen aus dem Koalitionsvertrag noch einmal konkretisiert.

Bürgergeld-Umbau: Merz-Regierung setzt Beziehende bei Arbeitsaufnahme unter Druck

Bei der neuen Grundsicherung will die Regierung vor allem die schnelle Integration in Arbeit stärken. „Wir stärken ausdrücklich den Vorrang der Vermittlung in Arbeit“, erklärte Bas. „Wer gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, der soll eben auch schnell integriert werden.“ Damit hat die Annahme eines Jobs wieder Priorität über Maßnahmen zur Qualifizierung und Weiterbildung.

„Grundsätzlich gilt der Vermittlungsvorrang“, heißt es im Beschlusstext, der IPPEN.MEDIA vorliegt. Eine Ausnahme soll es jedoch geben. Wenn eine Qualifizierung „mit Blick auf eine dauerhafte Integration in den Arbeitsmarkt erfolgversprechender“ erscheine, soll eine Qualifizierung Vorrang haben. Das sei „insbesondere bei den unter 30-Jährigen“ der Fall. „Junge Menschen werden gebracht“, sagte Bas bei der Pressekonferenz. „Jedem und jeder“ solle eine Ausbildung ermöglicht werden.

Merz-Regierung verschärft Sanktionen „bis an die Grenze dessen, was verfassungsrechtlich zulässig ist“

„Wer nicht mitmacht, wird es schwer haben“, sagte Bas. Im Rahmen der neuen Grundsicherung soll mehr Verbindlichkeit in den Kooperationsplan zwischen den Jobcentern und den Bürgergeld-Beziehenden einkehren. Das bedeutet auch, dass bei fehlender Mitwirkung härtere Kürzungen drohen.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

„Wir verschärfen die Sanktionen bis an die Grenze dessen, was verfassungsrechtlich zulässig ist“, erklärte Bas. Bereits bei der ersten Pflichtverletzung soll der Regelsatz sofort um 30 Prozent für drei Monate gekürzt werden. Die bisherigen Bürgergeld-Regeln hatten dabei eine schrittweise Erhöhung vorgesehen. Beim ersten Verstoß gab es eine Minderung von zehn Prozent für einen Monat, anschließend 20 Prozent für zwei Monate und schließlich die maximale Kürzung von 30 Prozent. Die Regeln entfallen.

Bürgergeld-Streichung bei „Totalverweigerern“ soll in neuer Grundsicherung „praxistauglicher“ werden

Härtere Sanktionen soll es geben, wenn Bürgergeld-Beziehende Arbeitsangebote ablehnen. Von September 2024 bis August 2024 waren das rund 26.000. „Arbeitsverweigerer erhalten zukünftig keine Leistungen mehr“, sagte Bas. Die bestehenden Regelungen, wonach bei zwei abgelehnten Angeboten innerhalb eines Jahres der Regelsatz gestrichen wird, sollen „praxistauglicher“ werden. Bisher gab es laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) lediglich eine „niedrige zweistellige Anzahl“ an Streichungen. Grund waren die hohen Hürden.

Nun soll es dabei eine Mindestdauer von einem Monat geben, erklärte Bas. Die Kosten der Unterkunft, also für Miete und Heizung, übernehmen die Jobcenter weiterhin. Sie zahlen sie jedoch direkt an den Vermieter.

Beziehenden droht die vollständige Streichung bei verpassten Jobcenter-Terminen

Die Bundesregierung will zudem schärfer gegen „Terminverweigerer“ vorgehen, wie es Bas ausdrückte. Beim ersten verpassten Termin sollen Jobcenter „unverzüglich“ zum zweiten Termin einladen. Gehen Bürgergeld-Beziehende auch zu diesem nicht, „werden die Leistungen in Höhe von 30 Prozent gekürzt“. Wenn der dritte Termin ebenfalls verpasst wird, „werden die Geldleistungen komplett eingestellt“, heißt es. Das schließt zunächst nur den Regelsatz ein. Gehen die Betroffenen im folgenden Monat danach nicht ins Jobcenter, verlieren sie alle Leistungen. Auch die Miete- und Heizkosten werden dann nicht mehr gezahlt.

Bas erklärte jedoch, dass die Regierung „nicht die Falschen treffen“ wolle. „Wenn Hemmnisse, gesundheitliche Erschwernisse da sind“, sollen die Betroffenen keine Sanktionen erhalten. Heißt: Bei „gesundheitlichen oder anderen schwerwiegenden Gründen für das Nichterscheinen“, sollen die Bürgergeld-Sanktionen nicht greifen.

Neben den härteren Regeln bei Leistungsminderungen und dem Bürgergeld-Entzug schafft die schwarzrote Koalition auch die Karenzzeit beim Vermögen ab. „Leistungen soll nur bekommen, wer auf sie angewiesen ist“, sagte Bas. Erwerbslose müssen zunächst ihr eigenes Vermögen ausgeben, ehe sie Leistungen erhalten. Dabei gibt es weiterhin ein Schonvermögen. Dessen Höhe soll sich am Lebensalter orientieren.

Bas will Bürgergeld-Betrug bekämpfen

Auch die Bekämpfung von „mafiösem“ Bürgergeld-Betrug, wie es Bas zuvor ausgedrückt hatte, findet sich im Beschlusstext. Die Reform der Grundsicherung soll „verschärfte Maßnahmen gegen Schwarzarbeit, eine verstärkte Arbeitgeberhaftung, eine klarere Fassung des Arbeitnehmerbegriffs im Rahmen der Freizügigkeit, ein verbesserter Datenaustausch sowie Schritte gegen die Vermieter von sogenannten Schrottimmobilien“ enthalten.

Im Kern entspricht die Einigung damit dem, was CDU, CSU und SPD bereits im April im Koalitionsvertrag festgehalten haben. Bereits dort waren im Bereich der neuen Grundsicherung schnellere und härtere Sanktionen sowie der vollständige Leistungsentzug bei abgelehnten Arbeitsangeboten als Ziel benannt worden. Zwischenzeitlich hatte es jedoch Streit um die Frage der Totalsanktionen gegeben.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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