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Arbeitsaufnahme stockt

Bürgergeld-Verschärfung: Warum der Merz-Plan zum Scheitern verurteilt ist

Bürgergeld-Beziehende sollen durch mehr Härte zum Arbeiten bewegt werden. Eine Umfrage zeigt: Die Merz-Pläne gehen an der Realität vorbei.

Berlin – Bei der sogenannten „neuen Grundsicherung“ will die Regierung von Kanzler Friedrich Merz wieder das „Fördern und Fordern“ stärken. Die Betonung liegt dabei eindeutig auf dem „Fordern“. Zwar sehen Union und SPD eine bessere Ausstattung der Jobcenter für die Eingliederung in Arbeit vor. Doch Kern der Debatte – und damit der Bürgergeld-Reform – ist die Verschärfung der Sanktionen.

Friedrich Merz und seine CDU wollen den sogenannten „Totalverweigerern“ das Bürgergeld streichen, doch die Politik der Härte geht an den Problemen der Mehrheit vorbei.

Jobcenter sollen nach den Plänen der Merz-Regierung Bürgergeld-Beziehenden schneller Sanktionen von 30 Prozent des Regelsatzes aussprechen dürfen, bisher ist das schrittweise möglich. Dazu sieht der Koalitionsvertrag einen „vollständigen Leistungsentzug“ gegen die sogenannten „Totalverweigerer“ vor, einer verschwindend geringen Anzahl von Leistungsberechtigten, die „wiederholt“ Arbeitsangebote ablehnen.

Härtere Bürgergeld-Sanktionen steigern Beschäftigungschancen von Erwerbslosen „allenfalls indirekt“

Ob durch höhere Kürzungssätze mehr Personen als bisher den Bürgergeld-Bezug verlassen würden, ist jedoch fraglich. Das stellen nun Forschende des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) fest. „Die Beschäftigungschancen von vielen Bürgergeld-Beziehenden sind mit Leistungsminderungen vermutlich allenfalls indirekt adressierbar“, heißt es in einer neuen Studie.

Die Fachleute von der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit (BA) haben Anfang 2025 1200 Bürgergeld-Beziehende befragt, warum sie die Grundsicherung beziehen und wie sie den Kontakt mit dem Jobcenter wahrnehmen. Fast die Hälfte – 44 Prozent – der Befragten nennen gesundheitliche Einschränkungen als Grund für ihren Bürgergeld-Bezug. Psychische Probleme sind mit 21 Prozent am häufigsten genannt; 20 Prozent gaben körperliche Einschränkungen an. Schon ab drei Stunden am Tag, welche die Betroffenen arbeiten können, zählen sie als erwerbsfähig. Doch das reicht häufig nicht für einen existenzsichernden Job, so dass sie auf Bürgergeld angewiesen sind. Häufig arbeiten diese Personen deshalb in Minijobs.

Bürgergeld-Beziehenden fehlen passende Stellenangebote – und die Kinderbetreuung

Der am zweithäufigsten genannte Grund für die Abhängigkeit von der Grundsicherung ist, dass die Betroffenen keine passende Stelle finden. Das liegt etwa daran, dass es ohnehin nicht ausreichend Jobs für alle offiziell arbeitslos Gemeldeten gibt. Dazu suchen Unternehmen häufig Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung. Fast zwei Drittel der Bürgergeld-Beziehenden haben das jedoch nicht. Sechs Prozent gaben bei der IAB-Umfrage zudem an, dass ihr Abschluss in Deutschland nicht anerkannt wird.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

Bei Frauen ist die Pflege von Kindern oder Angehörigen ein Grund, weshalb sie den Bürgergeld-Bezug nicht verlassen. 27 Prozent von ihnen nennen das als Hindernis. 13 Prozent von ihnen sind mit der Betreuung von Kindern vor dem Schulalter beschäftigt. Auffällig: Nur ein Prozent der Männer nannte das als Hindernis.

Sanktionen ändern nichts an Krankheiten und Qualifikationsdefiziten von Bürgergeld-Beziehenden

„Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen Bürgergeld bekommen, und solche mit Qualifikationsdefiziten dürfte es meist an passenden Jobangeboten fehlen“, erklären die IAB-Forschenden. „Daran dürften Leistungsminderungen nur wenig ändern.“

Die genannten Gründe für den Bürgergeld-Bezug zeigen damit die Grenzen der von der Merz-Regierung geplanten Härte auf. Das IAB stellte zwar fest, dass die Kürzungen von Sozialleistungen tatsächlich Aufnahme von Arbeit beschleunigen. Sie könnten „insbesondere dann helfen, Menschen in Arbeit zu bringen, wenn es sich aus ihrer Sicht nicht lohnt, eine Arbeit aufzunehmen, wenn sie angebotene Stellen unpassend finden oder wenn sie schlicht keine Lust haben, zu arbeiten“, so die Forschenden. Arbeit dürfte dann attraktiver erscheinen, wenn der Abstand zwischen Bürgergeld und Lohn nach einer Leistungsminderung größer ausfalle. Dabei nannte jedoch nur ein Prozent der Befragten es als Grund, dass sich (Mehr-) Arbeit nicht lohne. Zu harte Sanktionen könnten jedoch den Kontakt zum Jobcenter gefährden.

Dazu besteht die Gefahr, dass der höhere Druck auf die Erwerbslosen zwar tatsächlich die Arbeitsaufnahme steigert. Doch diese führt häufig in prekäre Beschäftigung. Damit sind die Betroffenen weiterhin von Sozialleistungen abhängig. Oder sie rutschen relativ schnell wieder in die Grundsicherung ab.

Große Mehrheit will den Bürgergeld-Bezug verlassen – hat aber mit Hürden zu kämpfen

Und schon rein zahlenmäßig sind die Bürgergeld-Beziehenden, die Arbeit ablehnen, gering. Das lässt sich auch an den verhängten Sanktionen erkennen. Im gesamten Jahr 2024 sprachen Jobcenter nur rund 23.400 Sanktionen wegen abgelehnter Arbeits-, Ausbildungs- und Maßnahmenangeboten aus. Im Vergleich zu 1,8 Millionen arbeitslos Gemeldeten sind das rund 1,3 Prozent. Das IAB erklärte zudem, dass lediglich eine „niedrige zweistellige“ Personenzahl die im März 2024 eingeführte vollständige Streichung des Regelsatzes nach zwei abgelehnten Angeboten hinnehmen musste.

Das deckt sich auch mit der aktuellen IAB-Umfrage, bei der 90 Prozent der Befragten erklärten, ihr Bestes zu tun, um den Bürgergeld-Bezug zu beenden. In einer früheren Studie des Vereins Sanktionsfrei vom Juni 2025 wünschten sich zudem mehr Weiterbildungen. 57 Prozent glaubten damals nicht, vom Jobcenter individuell gefördert zu werden. (Verwendete Quellen: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Bundesagentur für Arbeit, Sanktionsfrei e.V.) (ms)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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