Wer trägt die Verantwortung?
Verwaltungs-Chaos und Finanzprobleme: Wie Kirchdorf und Reichertsheim um Ordnung kämpfen
Großer Schock für Kirchdorf und Reichertsheim: Viele unbezahlte Rechnungen, keine verbuchten Zahlungen und großes Verwaltungs-Chaos. Das wurde 2023 bekannt. Immer noch kämpfen die Kommunen mit den Folgen der Krise – auch im neuen Jahr.
Kirchdorf/Reichertsheim – Schon über ein Jahr ist es her, dass in Kirchdorf und Reichertsheim das Verwaltungs-Chaos und die großen, finanziellen Schwierigkeiten bekannt wurden. Doch nach wie vor sind die Gemeinden dabei, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen – und aufzuräumen.
Doch von Anfang an: Was ist geschehen? In den Gemeinderats-Sitzungen im Dezember 2023 war von „1.000 unbezahlten Rechnungen“ die Rede. Seit Mai 2023 seien keine Zahlungen mehr getätigt worden, hieß es. Gewerbesteuerbescheide seien zwischen Werbebriefen gefunden, Vorauszahlungen teilweise eingegangen, aber nicht im System verbucht worden. In Reichertsheim sah es ähnlich aus: Dort wurde moniert, Bürger hätten monatelang auf Zahlungen warten müssen. Es wurde von Anträgen berichten, die eingereicht, aber nie bearbeitet worden seien.
Verwaltungs-Chaos in der VG Reichertsheim und Kirchdorf
Nach und nach kamen die eklatanten Zustände in der Verwaltungsgemeinschaft Reichertsheim und Kirchdorf ans Licht. Kirchdorfs Rathauschef, Christoph Greißl, und Reichertsheims Bürgermeister, Franz Stein, sahen sich gezwungen, eine externe Firma zu beauftragen, um das Finanz-Chaos aufzuräumen. „Wir schaffen es derzeit nicht allein und schon gar nicht schnell genug, wieder Ordnung in die Geschäfte zu bringen“, räumte Stein im Gespräch mit der Redaktion ein.
Als Gründe für das Chaos, das ab Mitte des Jahres 2023 massiv aufgetreten sei, nannten die beiden Rathauschefs eine fatale Kombination zweier Ereignisse: Die Digitalisierung der Prozesse mit Umstellung von manueller Erledigung auf elektronische Bearbeitung, „die nicht so gehandhabt wurde, wie es sein sollte“, wie Greißl erklärte. Und große personelle Probleme in der Verwaltung. Viel Know-how sei als Folge der hohen Fluktuation weggebrochen, der Wust an liegengebliebenen Vorgängen sei nicht mehr zu bewältigen gewesen, bedauerten die beiden.
Greißl nimmt Verantwortung auf sich
Im März veranstaltete Greißl eine Bürgerversammlung zur aktuellen Lage. Rund 250 Anwesende hörten sich die Ausführungen an. Lang und breit erklärte Greißl die prekäre Situation: „Es gab liegengebliebene Rechnungen, langjährige Mitarbeiter, die gekündigt hatten oder entlassen wurden, unbearbeitete Vorgänge und ein miserables Arbeitsklima“. All das habe er zu spät erkannt, so der Rathauschef. Er habe die Warnungen überhört und sei „falsch damit umgegangen“. „Ich habe nicht so reagiert, wie ich es hätte tun sollen. Für die Zeit, in der ich VG-Vorsitzender war, trage ich dafür die volle Verantwortung“, verdeutlichte er.
Sein großer Wunsch nach einer funktionierenden Verwaltung habe ihn taub gemacht für alle Warnglocken. Er habe den „zwischenmenschlichen Aspekten“ zu wenig Beachtung geschenkt und sich auf die Verwaltungsleiterin verlassen. Als er „endlich erkannt“ habe, was passiert sei, war das für Greißl „ein Schlag ins Gesicht“. „Es hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen“, erklärte er den Anwesenden. „Nie hätte ich mit so etwas gerechnet“. Die Verwaltung sei das Problem angegangen, zudem seien rechtliche Schritte gegen die Geschäftsstellenleiterin eingeleitet worden. „Doch es fehlt Manpower“, bedauerte Greißl in der Versammlung. Es müsse vieles aufgearbeitet werden, gleichzeitig laufe der „Workflow“ weiter.
Bürger zeigen sich alles andere als begeistert
Eins steht fest: Die Kommune wird noch lange brauchen, bis wieder vollständige Ordnung in die Verwaltung eingekehrt ist. Das wurde auch in der Bürgerversammlung im Oktober dieses Jahres nochmal deutlich. „Der Haushalt für 2025 wird noch nicht passen. Erst 2026 rechnen wir wieder mit einem richtig aufgestelltem Etat, mit handfesten Zahlen“, erklärte Greißl den rund 100 Anwesenden. Die Bürger zeigten sich von den Ausführungen alles andere als begeistert. „Ich bin absolut entsetzt, wie mit dem Geld der Bürger umgegangen wird“, schimpfte Gemeinderatsmitglied Josef Schneider. Bisher seien schon 300.000 Euro für die externe Firma ausgegeben worden, „um aufzuräumen“. Das sah Gemeinderätin Petra Mittermaier ähnlich: „Mit diesem Geld hätte man etwas Schönes für die Kirchdorfer machen können“, sagte sie.
Dramatische Folgen auch für Reichertsheim
Auch für Reichertsheim hat das Chaos dramatische Folgen. Um den Fehlbetrag stemmen zu können, musste die Gemeinde jüngst 1,7 Millionen Euro Kredit aufnehmen. Das Landratsamt Mühldorf hat der Gemeinde deshalb höchste Haushaltsdisziplin auferlegt. Einige Projekte werden wohl warten müssen, bis sie realisiert werden können. Im Gemeinderat herrschte deshalb Enttäuschung. „Für die Bürger selbst ist nichts passiert“, meinte beispielsweise Gemeinderat Konrad Wölfl.
Einen Lichtblick gibt es aber: Die vakante Stelle des Geschäftsleiters konnte nachbesetzt werden. Seit Mitte Juni hat Holger Noll den Posten inne. Er habe elf Jahre in China gelebt, auch während der Corona-Pandemie. Deswegen sei er „unruhige Zeiten gewohnt“, scherzte er bei der Bürgerversammlung. Die Aufräumarbeiten nach dem Verwaltungs-Chaos sehe er „als Herausforderung, nicht als Krise“, so Noll. Er teilte weiter mit, dass nun wieder ausreichend Mitarbeiter im Rathaus vorhanden seien, um die Öffnungszeiten in Kirchdorf zu erweitern. Trotzdem werde es aber dauern, bis wieder Ordnung einkehre. Die Verwaltung ist auch 2025 noch vollauf damit beschäftigt.