Emotionale Debatten vorprogrammiert
Schneemann? Disco-Kugel? Das steckt hinter der coolen Aktion der „Rebellen“ in Wasserburg
Mitten im Sommer wird in Wasserburg vor dem Rathaus ein Schneemann aufgebaut. Oder ist es gar keiner, sondern eine Disco-Kugel? Das steckt hinter der „coolen“ Aktion zweier „Rebellen“.
Wasserburg – Er gilt als „Kunst-Rebell“: Torsten Mühlbach aus München eckt mit seinen Werken oft an, provoziert, rüttelt auf. Aufmerksamkeitsstark sind auch seine Ausstellungen, die er gemeinsam mit Künstlerkollege Gregor Passens durchführt, 2023 auch im Ganserhaus in Wasserburg. „Die beiden haben sich in Wasserburg verliebt und wir uns in ihre Arbeiten“, erklärt Katrin Meindl, Vorsitzende der Künstlergemeinschaft AK 68, warum diese Mühlbach und Passens mit einem Werk beauftragt hat.
Wird der Schneemann, den die beiden Künstler Ende Juli vor dem Wasserburg Rathaus aufbauen, diesem Ruf gerecht? Eigentlich klingt seine Beschreibung, Thema im Haupt- und Finanzausschuss, eher „harmlos“: 2,5 bis drei Meter hoch soll die Figur sein, bestehend aus verspiegelten Platten, innen ein stabiles Holzgerüst. Die Skulptur wird sich drehen und Lichtspiele entwickeln, je nach Sonnenstand. „Der Schneemann wird extra für die Große Kunstausstellung des AK 68 angefertigt“, freut sich Vorsitzende Katrin Meindl.
Caterpillar, Pudel, Schneemann
Alljährlich zieht der von ihr geleitete Verein mit einer Skulptur die Aufmerksamkeit auf die Große Kunstausstellung, die im Rathaus stattfindet. Davor wirbt stets ein auffälliges Objekt für die Präsentation im Innern. Oft ist es ein Werk, das zum Stadtgespräch wird: 2024 beispielsweise der Pudel von Designer Lorand Lajos. Oder 2022 „das Ei des Kolumbus“. So soll es auch sein, denn Kunst muss nicht unbedingt jedem gefallen, darf auch anecken, zu Diskussionen aufrufen, lautet Meindls Credo.
Zwei Künstler sorgen für Debatten
Das wird sicherlich auch der Schneemann tun. Torsten Mühlbach, geboren 1974 in Torgau/Sachsen, lebt und arbeitet in München. Sein Werk reicht von Skulpturen bis zu Installationen, von Videos bis zu Collagen, von Fotografien bis zu sogenannten Materialbildern. Das sind große Arbeiten, die sich mit gesellschaftskritischen Themen beschäftigen und aus Mülltüren auf Pappelsperrholz getackert werden. Mühlbach widmet sich gerne Comic-, Pop-, Science-Fiction und Trash-Kulturmotiven. Er thematisiert gesellschaftspolitische Entwicklungen weltweit.
Sein Kollege Gregor Passens, ebenfalls Jahrgang 1974, lebt und arbeitet auch in München, und in Buenos Aires. Er hat ebenfalls an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert. Seine Arbeiten: Objekte, Installationen, Kunst am Bau. Auch er sorgt mit seinen Werken oft für Diskussionen, selbst in Wasserburg. Denn hier zeigte er 2021 seinen „Caterpillar“, einen Panzer aus Wellblech und Dachrinnenrohren. Er stand vor dem Rathaus, wo Ende Juli der gemeinsam mit Mühlbach entwickelte „Schneemann“ aufgebaut wird.
Was er ausdrücken will, können die Kunstfans ab dem 27. Juli herausfinden. Meindl hofft auf tolle Lichteffekte und findet es „einfach richtig frech, mitten im Sommer den Winter einkehren zu lassen“.
Begeisterte Reaktionen
Die Stadt ist insofern involviert, als sie die Zweckentfremdung des Marienplatzes zur Open-Air-Galerie genehmigen muss. Das tut sie jedes Jahr gerne, auch wenn Zweiter Bürgermeister Werner Gartner (SPD) wieder viele Diskussionen erwarten wird. Genau dies sei jedoch Ziel der Präsentation. „Wir haben uns als Stadt inhaltlich noch nie eingemischt“, bestätigt Bürgermeister Michael Kölbl (SPD), dass es im Stadtratsausschuss angesichts der künstlerischen Freiheit nur um die Genehmigung gehe.
Die Mitglieder überboten sich mit begeisterten Vorschuss-Lorbeeren: Heike Maas (CSU) fand, der Schneemann sei ein „toller eye-catcher“ und eine „pfiffige Sache“. Steffi König (Grüne) findet ihn „cool“. Wolfgang Janeczka (SPD) fand, das Werk sei genau richtig in einer Zeit des Klimawandels, in der die Temperaturen verrückt spielen würden. Norbert Buortesch, Fraktionssprecher von Bürgerforum/Freie Wähler Reitmehring-Wasserburg und ÖDP, freute sich vor allem darüber, dass sich die Figur dreht: Sie ähnliche mit ihrem Material einer Disko-Kugel. Und die drehe sich bekanntlich ja auch. Georg Machl, Fraktionssprecher von CSU und Wasserburger Block, forderte trotz aller Vorfreude, die Statik und Sicherheit genau zu prüfen. Buortesch stieß in ein ähnliches Horn angesichts der Tatsache, dass Elektrik im Spiel ist. Meindl weist auf Anfrage darauf hin, dass die Glasscherben, die den Schneemann bilden, vernietet sind. Eine Verletzungsgefahr bestehe deshalb nicht.
Heuer eine kleine Biennale
Die Große Kunstausstellung sei heuer etwas ganz Besonderes, betont sie. Da das Ausstellungsgebäude des AK 68, das Ganserhaus wegen Renovierung geschlossen ist, findet die Präsentation ab dem 27. Juli bis zum 24. August in der Ersatzgalerie, der alten Polizeiinspektion, und im Rathaus statt. „Außerdem veranstalten wir eine kleine Biennale“, erklärt sie, will heißen: Weitere ungewöhnliche Ausstellungsräume werden mit Werken bestückt: darunter zwei Gotteshäuser, die Achatzkirche und die Heilig-Geist-Spitalkirche. Außerdem wird das Museum Wasserburg zur Galerie. Meindl sieht in diesem neuen Weg ein Symbol für die gute Vernetzung der Künstlergemeinschaft in der Stadt.
Sie hat sich neu aufgestellt: Der Vorstand bildet jetzt ebenfalls mehr gesellschaftliche Gruppen in der Innstadt ab, findet sie. Meindl als Vorsitzende wird vertreten von Rudolf Finisterre, Marina Schöne ist für die Finanzen zuständig, Steffi Utschig Schriftführerin. Weitere Vorstandsmitglieder sind Josefine Pytlik, Robert Lang und Ingolf Hatz (künstlerische Vorstände), im Beirat sitzen Matthias Meindl, Anna Kruse, Harry Niederlöhner und Mischa Schubert. Pytlik ist Studentin der Akademie der Bildenden Künste in München. Mit dem Akademieverein hat der Ak 68 laut Meindl eine Kooperation beschlossen. Eine Klasse der Akademie werde jährlich auch in Wasserburg ausstellen.



