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Interaktive Karte
Umfrage-Analyse: Wo sich in Europa rechte Abgründe auftun – AfD nur im Mittelfeld
Rechtspopulisten gewinnen in Europa vielerorts an Boden – das zeigt eine Umfrage-Stichprobe der FR. Betroffen sind auch einflussreiche Staaten.
Als Donald Trump im Frühjahr Wladimir Putin kaum verhohlene Avancen machte, da schien er noch einmal drastisch zu schrumpfen, der Raum der liberalen Demokratien in der Welt. Was, wenn nun schon die USA Justiz und Minderheitenrechte einschränken, nationales Interesse über Völkerrecht stellen und offenes Gefallen an Autoritarismus finden?
Tatsächlich ist gar kein Blick über den Atlantik nötig. Auch in Europa haben Rechtspopulisten und -extremisten mit ihren politischen Positionen vielerorts Hochkonjunktur. Das verdeutlicht eine aktuelle interaktive Karte der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. Den Daten zufolge hatten die scharf Rechten im Juni zwar nirgendwo in den 29 betrachteten europäischen Staaten eine absolute Mehrheit in den Sonntagsfragen. Aber in fünf Staaten liegen sie über oder nahe der 40-Prozent-Marke. Und in vielen weiteren ist ihr Stimmanteil in den Erhebungen zuletzt gestiegen.
Was ist da los? Die Situationen in den einzelnen Staaten sind naturgemäß ganz unterschiedlich gelagert. Und die Hintergründe oft komplex. Beim Klick auf das Kartenelement erhalten Sie genauere Daten – und die Vergleichsmöglichkeit mit der Vorgängeranalyse aus dem Frühjahr 2024. Wir beleuchten zudem eine Reihe prägnanter Einzelfalle mithilfe von Daten und Expertenstimmen.
Der höchste absolute Wert für Rechtsaußen: Trügerisches Patt in Polen
Auf 43 Prozent Stimmanteil im Falle einer hypothetischen Wahl am folgenden Sonntag taxierte das Institut IBRiS im Juni die frühere Regierungspartei PiS und die noch extremere Konfederacja in Polen. Das ist der Höchstwert in den ausgewerteten Ländern. Das scharf rechte Lager in Polen rangiert schon länger in diesen Sphären. Dabei hatte die letzte Parlamentswahl Hoffnung unter Pro-Europäern geschürt: Das Bündnis um den Konservativen Donald Tusk und seine PO gewann – und wollte die teils rechtsstaatsfeindlichen Reformen der PiS zurückdrehen. Das Problem nur: Der PiS-nahe Präsident Andrzej Duda blockierte das Ansinnen. Und sein frisch gewählter Nachfolger Karol Nawrocki wird das wohl auch tun.
Laut Bastian Sendhardt vom Deutschen Polen-Institut ist die Lage gerade deshalb prekär. Bereits jetzt sei zu sehen, dass sich viele Wählerinnen und Wähler vom alten Kontrahenten-Duo PiS und PO abwenden, sagt er der FR: „In früheren Zeiten hatte es 80, 90 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigt.“ Bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl im Mai seien noch etwa zwei Drittel der Stimmen an das sogenannte Duopol gegangen. Präsidenten- und Parlamentswahl seien nicht unmittelbar vergleichbar – aber es sei ein Indiz, dass PO und PiS bis zu ein Drittel ihrer früheren Wähler verloren gehe. Es spreche einiges dafür, dass gerade diese Gruppe der Unzufriedenen künftig Wahlausgänge entscheidend beeinflusse.
Rechtspopulisten in Europa: Methodik und Daten des Umfragevergleichs
Für die Daten des Artikels und der interaktiven Karte haben wir stichprobenartig Umfragen aus 29 europäischen Ländern ausgewertet, konkret aus EU, Norwegen, Schweiz, Island und UK. Wo vorhanden, kamen aktuelle Erhebungen aus dem Juni 2025 zum Einsatz – nach Möglichkeit aus derselben Quelle wie bei der Analyse aus dem Frühjahr 2024. Die verwendeten Institute sind in der Karte vermerkt, sie erscheinen ebenso wie die genauen Daten beim Berühren des jeweiligen Landes mit dem Mauszeiger. Im rechten Reiter der Tabelle können Sie zum direkten Vergleich zu den Umfragedaten aus dem Januar 2024 umschalten. Die Werte sind auf ganze Zahlen gerundet.
Grundlage für die Auswahl der betrachteten Parteien ist die „PopuList“, ein Projekt mehrerer europäischer Universitäten – und hierbei die als klar „Far-right“ (rechtsradikal) ausgezeichneten Vereinigungen. Ergänzt sind lediglich zwei dort noch nicht erfasste Parteien: die klar rechtsextreme S.O.S Romania und die ebenso radikale Hnutie Republika aus der Slowakei, eine Abspaltung der in der PopuList aufgeführten rechtsextremen Kotleba.
Wichtig zu beachten ist: Umfragen bilden nur eine Momentaufnahme ab, sie sind keine Prognosen für Wahlergebnisse. Zugleich handelt es sich nur um ein beispielhaftes Sample, nicht um eine Auswertung großer Datenmengen verschiedener Institute.
„Wir haben es generell mit einem Rechtsruck in Polen zu tun“, warnt Sendhardt: „Natürlich könnten von einer anhaltenden Blockadepolitik des Präsidenten die Oppositionsparteien des rechten Lagers bei den kommenden Parlamentswahlen 2027 profitieren.“ Schon kleine Verschiebungen könnten ausreichen, denn Tusks Sieg Ende 2023 fiel denkbar knapp aus – und in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl punkteten Kandidaten wie die Rechtsextremen Grzegorz Braun und Sławomir Mentzen. Leichtes Spiel hätte die PiS mit solchen Partnern gleichwohl nicht. Das rechte Lager sei sich „überhaupt nicht einig“, urteilt Sendhardt. Schon wirtschaftspolitisch hätten die PiS und die auf diesem Feld libertäre Konfederacja völlig unterschiedliche Vorstellungen.
Die massivsten Zuwächse für Extremisten: Denkzettel-Flut in Rumänien
Das Nato- und EU-Land Rumänien hat seit Ende 2024 Reihen von Schockwellen über den Kontinent gesandt: erst ein vermeintlicher Erstrunden-Sieg für einen Verschwörungstheoretiker bei der Präsidentschaftswahl – dann ein Stopp vom Verfassungsgericht wegen russischer Einflussnahme auf den Urnengang. Schließlich musste das demokratische Lager massiv mobilisieren, um den rechtsextremen AUR-Politiker George Simion in der finalen Stichwahl noch abzufangen. Die AUR und die noch radikalere SOS Romania kommen im Juni in einer INSCOP-Umfrage auf über 40 Prozent der Stimmen. Das sind zusammen rund 20 Prozentpunkte mehr als im Frühjahr 2024.
Die Länder mit den höchsten Umfragewerten für Rechtspopulisten und -radikale:
Umfrage Juni 2025
Umfrage Januar 2024
Polen - PiS und Konfederacja
43% (+7)
36%
Rumänien - AUR und SOS Romania
41% (+21)
20%
Italien - Fratelli und Lega
39% (+3)
36%
Frankreich - RN und Reconquete
37% (+4)
33%
Ungarn - Fidesz, Mi Hazank, Jobbik
35% (-20)
55%
Nach Ansicht von Raimar Wagner, Projektbüroleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung, hat sich in Rumänien nicht zuletzt Ärger über die lange Jahre regierenden großen Parteien aufgestaut. Es gebe Verdruss über einen Anschein der Korruption, sagte er der FR. Den Ausgang des ersten Anlaufs zur Präsidentschaftswahl bezeichnete Wagner als „Sieg der Antisystemkandidaten“.
Die Präsidentschafts-Stichwahl im Mai gewann schließlich der parteilose Liberale Nicușor Dan. Das ließ das proeuropäische und prodemokratische Lager aufatmen. Doch Rumänien wird wohl weiter am Abgrund balancieren. Die Annullierung der ersten Präsidentschaftswahlrunde polarisiert laut Wagner noch immer, und die Mehrheitsfindung im Parlament war nicht ganz einfach – Parteien von der linken bis zur rechten Mitte stützen Ministerpräsident Bolojan von der Nationalliberalen Partei, ab 2027 soll ein Kandidat der Sozialdemokraten übernehmen. Im Falle von Neuwahlen könnte das rechte Lager seinen Stimmenanteil nach aktuellem Stand massiv ausbauen.
Politische Schwergewichte an kritischen Marken: Frankreich und Großbritannien
Eine rechtspopulistische Regierung in einem europäischen G7-Land – neu wäre das nicht. In Rom regiert seit 2022 Giorgia Meloni. Das funktioniert auf internationaler Ebene bis auf Misstöne in der Migrationspolitik erstaunlich katastrophenfrei. Das liegt aber auch daran, dass Meloni insbesondere mit Donald Trump transatlantische Bande pflegt und klare Kante gegenüber Wladimir Putin zeigt. In Italiens Umfragen legten die Rechten eher noch zu. Fratelli und Lega könnte zupass kommen, dass sie keine Kompromisse mit gemäßigteren Partnern schließen müssen. Ein parlamentarischer Rechtsruck in Frankreich oder Großbritannien könnte angesichts der weltpolitischen Lage unangenehmer für Europa werden.
Die Länder mit den höchsten Zuwächsen für Rechtspopulisten und -radikale:
Zuwachs seit 1/24*
Rumänien
+ 21
UK - Reform UK
+ 17
Norwegen - Fremskrittspartiet
+ 8
Polen
+ 7
Portugal - Chega
+ 6
*Angabe in Prozentpunkten
In Frankreich ist immer noch das Rassemblement National (RN) um Marine Le Pen der große rechtspopulistische Player. Seit der Wahl 2023 hat das RN in Umfragen sieben Prozentpunkte zugelegt. Aktuell ist es schwierig, Parlamentsmehrheiten zu bilden. Bei weiteren RN-Mandaten könnte kaum mehr ein Weg mehr um Le Pens Leute herumführen. Bislang zeigt sich Frankreich unter Emmanuel Macron als treuer Verbündeter der Ukraine und stabiler Nato-Partner. Das RN aber sitzt im EU-Parlament nicht im Meloni-Lager, sondern mit Viktor Orbáns Prorussen bei den „Patrioten“. Dass unter einer Le-Pen-Regierung Frankreich die Nato sofort verließe, bezweifelte Expertin Ronja Kempin 2024 zwar: Wahrscheinlicher sei, dass das RN Zweifel an der Zuverlässigkeit zerstreuen wolle. Langfristig werde mit dem RN aber „nationales Interesse“ Oberhand haben, meint sie – und wer wisse schon, was in enger Zusammenarbeit mit MAGA-USA etwa an Nato-Umbauten denkbar wäre.
Großbritannien ist ein Spezialfall, das strikte Mehrheitswahlrecht entfaltet eine sehr eigene Wirkung. 34,1 Prozent der Stimmen reichten Labour 2024 für eine überwältigende Sitzmehrheit. Die rechtspopulistische Reform UK erhielt 14,3 Prozent – und fünf der 650 Sitze. Die Lage könnte sich ändern, wenn für scharf rechte Kandidaten in vielen Wahlkreisen Platz eins greifbar wird. Allgemeine Wahlumfragen geben nur vage Indizien in dieser Hinsicht. Sie zeigen aber: Der Zuspruch für Reform UK hat sich seit 2024 nahezu verdoppelt. Und das Institut YouGov kam Ende Juni zum Schluss, dass die Partei nun 271 Mandate gewinnen könnte. Nicht genug für eine Alleinregierung. Aber für ernste Sorgen, insbesondere mit Blick auf die europäische Verteidigungszusammenarbeit.
Versteckte Gefahren: Die Lage in Tschechien, Litauen oder Kroatien
Einige Länder scheinen auf der Karte vergleichsweise hell auf. Grund für Entwarnung ist das nicht immer. In Tschechien rangiert die scharf rechte SPD bei 11,5 Prozent. Doch daneben gibt es (noch) schwer zu kategorisierende, aber zumindest ins rechtspopulistische tendierende Parteien wie die „Motoristen“ – und die bislang eher allround-populistisch auftretende Partei ANO von Ex-Regierungschef Andrej Babiš liegt nicht nur bei satten 33,5 Prozent. Babiš hat sie auf EU-Ebene auch in die Arme der „Patrioten“ um Le Pen und Viktor Orbán geführt. An Orbán erinnert auch Babišs Plan, die öffentlich-rechtlichen Medien in Tschechien zu verstaatlichen. In der Slowakei bereitet Robert Fico Sorgen. Doch auch seine linksnationalistische SMER passt nicht astrein in die verwendete Rechtspopulismus-Definition.
Die AfD-Spitze im Wandel der Zeit: von Bernd Lucke bis Alice Weidel
Ein interessanter Fall ist Litauen. Dort gab es lange Zeit nur marginale Parteien am rechten Rand. Nun nähert sich Nemuno aušra in Umfragen der Zehn-Prozent-Marke. Eine finale politikwissenschaftliche Einordnung der Ende 2023 gegründeten Gruppe steht aus – Partei-Aushängeschild Remigijus Žemaitaitis fiel aber mit antisemitischen Äußerungen auf. Eindeutigen Bewertungen nach westlichen Maßstäben entziehen sich auch die postjugoslawischen Staaten, wie Experte Vedran Džihić unserer Redaktion erklärte. Kroatiens Ministerpräsident Andrej Plenković etwa sei kein Rechtspopulist. Aber dessen HDZ setze durchaus auf ein rückwärtsgewandtes Frauenbild und Ressentiments „gegen Islam, Ausländer und Serben“.
Einen ungebrochenen Rechtsruck erlebt Europa indes nicht: Die Karte zeigt auch Gegenbeispiele. Einen Blick auf Ungarn, die Entwicklung in Finnland und Schweden und weitere Hintergründe lesen Sie ab Sonntag in Teil 2 der Auswertung. (Text und Umfragedaten: Florian Naumann, Visualisierung und Datenjournalismus: Nils Tillmann)