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Frankfurter-Rundschau-Gespräch
Korruption in der Slowakei: Stoppt die EU ihre Hilfen?
Die EU sollte über eingeschränkte Finanzhilfen für die Slowakei nachdenken, meint der Abgeordnete Freund. An die Kommission stellt er eine klare Forderung.
Bratislava/Brüssel – Laut dem EU-Abgeordneten Daniel Freund sollte die Europäische Union in Betracht ziehen, Finanzgelder für die Slowakei einzufrieren. „Das ist dezidiert ein präventives Werkzeug“, sagte der Grünen-Politiker im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Er fügte hinzu: „Die EU könnte diesen Schritt möglicherweise gehen, damit sich die Situation in der Slowakei nicht weiter verschlimmert.“ Die Einschränkung von Finanzhilfen sollte nicht das erste Mittel sein, aber eine mögliche Konsequenz.
Prinzipiell wolle die EU ihren Mitgliedsstaaten keine Gelder wegnehmen. Allerdings sorgt sich Freund sehr über die Entwicklungen in der Slowakei. Zwar seien der Rechtsstaat und die kritische Öffentlichkeit weitestgehend intakt. Aber: „Wir erleben dort den schlimmsten Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit“, so Freund. Besonders problematisch sei die weit verbreitete Korruption. Diese verschärfe sich, da der slowakische Ministerpräsident Robert Fico eine wichtige Sonderstaatsanwaltschaft, die Korruption auf Bundesebene bekämpfte, abgeschafft hatte. Zudem beschloss die Regierung eine umfassende Strafrechtsreform, die das Korruptionsstrafmaß deutlich reduzierte. „Und das alles, um Regierungsverbündete zu schützen“, sagte Freund.
Freund: Slowakei nutzt EU-Hilfen für andere Zwecke
Er ist sich sicher, dass in der Slowakei EU-Gelder zweckentfremdet werden. Auch die slowakische Presse berichtet immer wieder über Fälle. Ein Beispiel ist eine Villa, die eigentlich zur Tourismusförderung kernsaniert worden sei. Das Problem: Mittlerweile könne sich niemand in das Gebäude einmieten. Dies hätten zahlreiche Journalisten versucht. „Es gibt kein Indiz, dass dieses Objekt jemals vermietet wurde“, sagte Freund.
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Die Europäische Union sei verpflichtet, zu überprüfen, wohin ihre Fördermittel – beispielsweise zur Schaffung von Jobs in ländlichen Regionen – tatsächlich fließen. Das europäische Fördersystem müsse funktionieren. Andernfalls verliere die EU viel Vertrauen in Europas Bevölkerung.
Der letzte Chef der mittlerweile abgeschafften Korruptionsermittlungsbehörde habe Freund im persönlichen Gespräch berichtet, dass seine ehemaligen Mitarbeiter jährlich 120 bis 150 Fälle bearbeitet hatten. Seit Jahresbeginn sei ein einziger Fall eingeleitet worden. „Das ist ein Rückgang von mehr als 95 Prozent. Und wir in der EU kriegen das gar nicht mit, weil niemand ermittelt“, sagte Freund.
Slowakei: Gerichte und Presse zunehmend unter Druck
Er sieht auch die Gerichte in der Slowakei zunehmend unter Druck. Wobei der aktuelle „Hauptangriff auf die Staatsanwaltschaft und Ermittlungsbehörden zielt“. Dies sei ein vorgelagerter Schritt, bevor Fico später möglicherweise Richterinnen und Richter stärker ins Visier nehme.
Zudem kritisiert Freund die Angriffe der slowakischen Regierung auf die freie Presse im Land: „Fico-Verbündete attackieren einzelne Journalisten aggressiv. Beispielsweise stellt die Regierung deren Kontaktdaten wie die Adresse ins Internet. Es handelt sich um öffentliche Aufrufe zu Hetzjagden. Verständlicherweise fühlen sich diese Journalisten sehr unsicher und können ihrer Arbeit nicht ungehindert nachgehen.“
Am 21. Februar 2018 wurde der slowakische Investigativ-Journalist Jan Kuciak von einem Auftragskiller erschossen worden – wegen seiner Arbeit. Der erst 27-Jährige starb in seinem Haus im Dorf Velka Maca in der westlichen Slowakei zusammen mit seiner Verlobten. Kuciak hatte über ein weit verzweigtes Korruptionsnetzwerk in dem EU-Land recherchiert. Seine Enthüllungen führten nach dem Mord zu Massenprotesten.
Slowakische Minister diskreditieren EU-Delegation
Auf einer gemeinsamen Delegationsreise in die Slowakei sei er als Mitglied des EU-Haushaltskontroll-Ausschusses vor wenigen Wochen nichts besonders freundlich empfangen worden, sagt Freund. „Einige slowakische Minister hatten sich bereits vor unserer Ankunft sehr diskreditierend geäußert. Es ist unüblich, dass EU-Delegationen so diffamiert werden“, sagte der gebürtige Aachener. Allerdings erlebten EU-Parlamentarier just in Viktor Orbáns Ungarn zuletzt Ähnliches.
Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico trifft zu einem Treffen mit dem russischen Präsidenten Putin im Kreml ein. Das Treffen fand am Rande der Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg statt.
Freund wünscht sich angesichts der negativen Entwicklungen einen „echten Dialog“ zwischen der EU-Kommission und der Slowakei. Bisher teile die Kommission nur mit, dass sie die Entwicklungen in dem Mitgliedsstaat beobachtete.
Freund bezeichnete die Slowakei noch nicht als Ungarn 2.0. Dort sei der Abbau von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit deutlich weiter fortgeschritten. Aber: Fico kokettiere mit diesen Ideen. „Bei Ungarn hatte die EU die damaligen Entwicklungen so lange laufen lassen. Diesen Fehler dürfen wir nicht noch einmal begehen.“
Zwischen Fico und Orbán: EU-Politiker Freund sieht zahlreiche Parallelen
Auch zwischen Fico und Orbán sieht der Parlamentarier einige Parallelen. Das Duo tritt häufig gemeinsam auf und liegt bei zahlreichen politischen Themen sehr nah beieinander – beispielsweise mit Blick auf Migration, Frauenrechte, Russland und die Ukraine-Unterstützung. Die EU hatte ihr 18. Sanktionspaket gegen Russland wegen des Krieges in der Ukraine unter anderem nicht wegen Fico und Orbán beschließen können.
„Der Sound der beiden Männer ist schon sehr ähnlich“, meint Freund. Fico und Orbán gelten als kremlnahe Freunde des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Als einziger EU-Regierungschef hatte Fico die russische Siegesparade in Moskau Anfang Mai besucht. (Interview: Jan-Frederik Wendt)