Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies.
Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu.
Weitere Informationen
Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.
Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für
. Danach können Sie gratis weiterlesen.
Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.
Test für Anarchokapitalisten
Wahl in Argentinien: Es wird knapp für Trumps Kumpel Milei
Kettensägen-Countdown: Am Sonntag entscheidet Argentinien über Javier Mileis politische Zukunft – und indirekt über neue Finanzhilfen aus USA. Eine Analyse.
Buenos Aires – Javier Milei wurde 2023 mit der Idee von „Freiheit“ zum argentinischen Präsidenten gewählt. Er versprach das Ende von Korruption, Inflation und Armutsspirale – und den Beginn einer Ära des freien Marktes. Mehr als 55 Prozent der Stimmen erhielt Milei damals, vor allem junge Menschen setzten ihre Hoffnung auf den Exzentriker. Der selbsternannte Anarchokapitalist – mit Kettensäge gegen den Staatsapparat in der Hand, dem Löwen als Symbol der Stärke, kampflustigen Parolen gegen die linkspopulistische „Politkaste“ und Unterstützung aus den USA – sollte Argentiniens verblassten Glanz aufpolieren. Doch geht sein Plan auf? Vor den argentinischen Parlamentswahlen am Sonntag (26. Oktober) sind Experten uneins.
Milei sucht das Allheilmittel in ultraliberaler Wirtschaftspolitik. Er ist selbst Ökonom und Anhänger der Österreichischen Schule, die freie Märkte und Privateigentum als Basis einer funktionierenden Wirtschaft definiert. Die Theoretiker dieser Schule sind Mileis Idole. Bei einem kürzlichen Auftritt als präsidialer Rockstar ließ er ein Foto des Wirtschaftswissenschaftlers Ludwig von Mises auf sein Schlagzeug drucken. Mileis Botschaft ist simpel: Regulierungen, Subventionen und Sozialstaat zerstören. Der freie Markt als quasireligiöse Lösung für alles – symbolisiert durch allgegenwärtige Details wie die Umbenennung eines staatlichen Kulturzentrums in „Palacio Libertad“ (deutsch: Freiheitspalast).
Mit oder ohne Trumps Hilfe – Ökonomen uneins zu Argentiniens Wirtschaft
Der deutsche Ökonom Philipp Bagus, Autor des Buches „Die Ära Milei: Argentiniens neuer Weg“, sieht Argentiniens Präsidenten auf dem richtigen Weg, wie er der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media sagt. „Die Rezession ist zu Ende, die Wirtschaft wächst, die Inflation geht zurück, die Armutsquote sinkt, der Haushalt ist ausgeglichen.“ Luci Cavallero, eine feministische Ökonomin aus Buenos Aires, zweifelt hingegen am Erfolg Mileis und warnt vor einer Finanzierungskrise. „Das ist ein Produkt der Politik, die sich an Profiten für Finanzmärkte und Spekulanten orientiert“, sagt sie und verweist auf den „Carrytrade“ – eine Wechselkursstrategie, die der argentinischen Regierung billige Dollars sichert und so die Inflation künstlich bremst. Der Nachteil: Hohe Verschuldung, Abhängigkeit von IWF und USA und Rezession der nationalen Wirtschaft.
Der libertäre Ökonom Bagus sieht die linkspopulistische Opposition als größte Gefahr: „Es besteht das politische Risiko, dass die Peronisten die Staatsausgaben erhöhen, ein Defizit erzeugen und die Notenpresse wieder anwerfen. Dann geht es zurück für Argentinien in Inflation und Armut“, sagt er. Alles hänge vom Wahlergebnis des libertären Parteibündnisses „La Libertad Avanza” ab. „Bekommt Milei da mindestens ein Drittel der Sitze, dann kann er seine Vetos gegen die Opposition verteidigen und seine libertären Reformen fortführen“, sagt Bagus.
Von Maduro bis Milei: Die lange Liste der Populisten Lateinamerikas
Bei der Wahl geht es also nicht nur um Innenpolitik. Auch neue Finanzhilfe aus den USA hängt davon ab. Donald Trump hat im Vorfeld klargemacht: Weitere US-Milliarden für Argentinien gibt es nur, wenn Milei die Wahlen gewinnt, China vom argentinischen Markt verdrängt, Zugang zu Rohstoffen wie Uran, Öl oder Lithium sichert sowie Profite für US-Finanzdienstleister sichert. Das könnte wie Erpressung wirken. Oder wie erzwungene Ausweitung wirtschaftlicher Abhängigkeit. Argentiniens Wählerinnen und Wähler entscheiden, wie sich das Land im globalen Machtsystem positioniert. Es ist auch eine Entscheidung für oder gegen die USA.
Argentinien-Wahl ist auch Entscheidung für oder gegen USA – Trump sieht das Land „sterben“
In einem Antiquariat, einen Block vom Kongress in Buenos Aires entfernt, ist eine Zeitungstitelseite aus dem Jahr 1971 ausgestellt. Die Themen: Abhängigkeit vom Dollar, Inflation, Einfluss der USA, Gewerkschaftsstreiks und die Positionierung gegenüber China. Es ist das ewige argentinische Dilemma der Weltmarktabhängigkeit und Währungsabwertung. Cavallero verweist auf Repressionen Mileis gegen sozialen Protest und warnt vor falschen Vorhersagen der Regierung. Das Haushaltsdefizit sei nicht das einzige Problem Argentiniens; problematisch seien vor allem die hohe Auslandsverschuldung und die strukturelle Armut. „Das ist die Aktualisierung kolonialer Abhängigkeitsverhältnisse.“
Argentinien: Chronologie der Amtszeit von Präsident Javier Milei
10. Dezember 2023: Vereidigung als Präsident Argentiniens
12. April 2024: Abschaffung der Kapitalverkehrskontrollen, flankiert von IWF-Kredit über 20 Milliarden Dollar
14. Februar 2025: Öffentliche Unterstützung der Kryptowährung Libra durch Javier Milei und anschließender Crash des Tokens um über 90 Prozent
20. August 2025: Veröffentlichung von Audioaufnahmen mit Korruptionsvorwürfen gegen Schwester Karina Milei
8. September 2025: Schwere Niederlage bei Provinzwahlen in Buenos Aires (34% vs. 46% für die Opposition)
5. Oktober 2025: José Luis Espert, Mileis Spitzenkandidat für die Kongresswahlen in Buenos Aires, wird vorgeworfen, 200.000 Dollar von dem in den USA wegen Drogenhandels angeklagten Unternehmer Federico Machado erhalten zu haben, was zu seinem Rückzug von der Kandidatenliste führte.
10. Oktober 2025: Währungsswap-Abkommen über 20 Milliarden Dollar mit den USA zur Stabilisierung der argentinischen Märkte
26. Oktober 2025: Parlamentswahl. Es werden 127 der 257 Abgeordnete und 24 der 72 Senatoren neu gewählt
Die Hoffnung auf Aufschwung durch Mileis libertären Kurs ist auch laut Hans-Jürgen Burchardt, Lateinamerikaexperte an der Universität Kassel, bereits zerschellt. Es sei nicht gelungen, internationale Investoren anzulocken, dagegen seien Importe massiv angestiegen und die lokale Wirtschaft breche ein. IWF, Weltbank und USA würden sich durch die neuen Milliarden für Argentinien Zugriff auf Wirtschaftspolitik und ökonomische Assets des Landes sichern, sagt Burchardt unserer Redaktion. Er warnt vor Verarmung und politischer Instabilität. „Das Schmerzhafte ist, dass es großen Teilen der Bevölkerung durch Sozialkürzungen und Haushaltsdefizit noch schlechter gehen wird. Milei macht Argentinien wieder zum Entwicklungsland.“
Neben der prekären Wirtschaft bröckelt das politische Vertrauen in Milei zusätzlich wegen mehrerer Skandale rund um Drogenhandel und Bestechung der Regierung. Umfragen zur Parlamentswahl in Argentinien sagen inzwischen ein knappes Rennen voraus. Mileis Kurs verbessert bisher weder den Alltag der Massen, noch stabilisiert er die Wirtschaft nachhaltig.
Selbst Trump hat Anfang der Woche zugegeben, dass Argentiniens Ökonomie am Boden liege. „Ich mag Milei, aber machen wir uns nichts vor“, sagte er. „Sie haben kein Geld, sie haben nichts, Argentinien stirbt.“ Diese Botschaft aus den USA beunruhigt sogar Mileis größte Kritiker, denn sie wissen aus der Vergangenheit, dass ohne Nachschub an US-Dollar ein Bankencrash und eine Inflationsexplosion drohen. (lm)