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Spannung ums Sparen

Mit Gehhilfe gegen Javier Milei – wie Rentner der argentinischen Kettensäge trotzen

Javier Milei setzt in Argentinien eine radikale Sparpolitik durch. Doch die Rentner des Landes stellen sich der Kettensäge des Präsidenten entgegen.

Buenos Aires – Die Metallbarrikaden vor dem Kongress baut in Buenos Aires seit Wochen niemand mehr ab. Zu regelmäßig gibt es Proteste gegen Javier Mileis Kettensäge. Vor allem kurz vor den argentinischen Parlamentswahlen am 26. Oktober, bei denen der selbsternannte Anarchokapitalist weiter an legislativer Macht verlieren könnte.

Pablo Daniel (65,) und Don Marco (89, r.) sind Teil der massiven Rentenproteste, jeden Mittwoch vor dem argentinischen Kongress in Buenos Aires.

Die wöchentlichen Rentenproteste sind zum Symbol des Widerstands gegen die radikale Sparpolitik geworden. Jeden Mittwoch versammeln sich die Alten Argentiniens und fordern würdige Renten und Rechtsstaatlichkeit und einen Stopp des Privatisierungsfeldzugs. Sie sind alles andere als fragil. Mit Trillerpfeifen, Gasmasken und kollektiven Parolen stellen sie sich gepanzerten Beamten entgegen. Einer, der immer da ist, ist Don Marco. Er wird in wenigen Tagen 90 Jahre alt, doch der Mittwoch ist ein Pflichttermin für ihn. „1.749“, sagt er triumphierend – die Zahl seiner Protestwochen – rund 33 Jahre.

Rentnerprotest gegen Mileis Kettensäge in Argentinien

Don Marco gehört zu einer Generation, deren Kampf für soziale Gerechtigkeit eine weit längere Geschichte hat als Mileis libertäre Regierung. Die ersten Alten, die in Argentinien eine politische Bewegung gründeten, waren die Großmütter der verschleppten Kinder der Militärdiktatur Ende der 70er Jahre. Der Kampf für würdige Renten wurde von der Kultaktivistin Norma Plá 1991 initiiert und lebt bis heute weiter. „Wir verteidigen das öffentliche Rentensystem!“, sagt Don Marco und erzählt vom großen Privatisierungsgesetz 1993, das ein Zweiklassensystem der Renten schuf und große staatliche Unternehmen wie die Ölgesellschaft YPF privatisierte.

Die Mindestrente in Argentinien beträgt aktuell rund 240 Euro pro Monat. Das ist weniger als der Durchschnittspreis für eine Einzimmerwohnung in Buenos Aires. Gleichzeitig explodieren Energie- und Lebensmittelpreise durch die radikale Deregulierung des Marktes – die Rentner wissen nicht mehr, wie sie überleben sollen, bisherige Erhöhungen sind verschwindend gering. Laut Don Marco leben rund fünf der sechs Millionen argentinischen Rentner in existenzieller wirtschaftlicher Not.

Von Maduro bis Milei: Die lange Liste der Populisten Lateinamerikas

Javier Milei (seit dem 10. Dezember 2023 Präsident Argentiniens) inszeniert sich als populistischer Revolutionär mit der Kettensäge als Symbol seiner radikalen Sparpolitik.
Javier Milei (seit dem 10. Dezember 2023 Präsident Argentiniens) inszeniert sich als populistischer Revolutionär mit der Kettensäge als Symbol seiner radikalen Sparpolitik. Er steht Elon Musk ideologisch nahe. Mileis „Kettensägen-Politik“ in Argentinien dient als Experimentierfeld für einen radikalisierten Anarchokapitalismus, der internationale Aufmerksamkeit von rechtslibertären Bewegungen erhält und als Teil einer neuen „internationalen Allianz“ zur Verteidigung des freien Marktes verstanden wird. © DIEGO LIMA/afp
Nicolás Maduro ist seit 2013 Präsident Venezuelas und führt das Erbe von Hugo Chávez fort.
Nicolás Maduro ist seit 2013 Präsident Venezuelas und führt das Erbe von Hugo Chávez fort. Aus dem ursprünglich linkspopulistischen Reformvorhaben seines Vorgängers ist unter Maduro ein autoritäres Projekt geworden. Er regiert heute als Diktator und setzt offen Wahlfälschung ein. Er verfolgt eine antiimperialistische Ideologie gegen die USA und erhält internationale Unterstützung durch China und Russland. © Pedro Mattey/afp
Kämpferisch: Venezueles Präsident Hugo Chavez.
Kämpferisch: Venezuelas verstorbener Präsident Hugo Chavez inszenierte sich als Retter Lateinamerikas gegen imperialistische Interessen aus den USA und wird in ganz Lateinamerika verehrt. © dpa
Jair Bolsonaro war von 2019 bis 2023 Präsident Brasiliens und wird als rechtsgerichteter Nationalist und Populist charakterisiert.
Jair Bolsonaro war von 2019 bis 2023 Präsident Brasiliens und wird als rechtsgerichteter Nationalist und Populist charakterisiert. Er äußerte etwa wiederholt Bewunderung für die brasilianische Militärdiktatur (1964 bis 1985), spricht sich gegen gleichgeschlechtliche Ehe aus und hält den menschengemachten Klimawandel für eine Lüge. © SERGIO LIMA/afp
Lula da Silva regierte Brasilien zwischen 2003-2011.
Während Bolsonaro die brasilianische Diktatur feiert, hat Luiz Inácio Lula da Silva unter den Militärs Verfolgung und Haft erlebt. Er regierte Brasilien von 2003 bis 2011. Das politische Projekt von Lula da Silva lässt sich als sozialdemokratische Synthese beschreiben, die eine Kombination aus Sozialpolitik zur Armutsbekämpfung, entwicklungsorientierter Wirtschaftspolitik und Umweltschutz mit dem Ziel verfolgt, Brasilien als gerechteren, ökologisch nachhaltigen und international respektierten Akteur zu positionieren. © EVARISTO SA/afp
Boliviens Ex-Präsident und Gewerkschaftsführer Evo Morales.
Boliviens Ex-Präsident Evo Morales, Regierungszeit 2006 bis 2019, war die Symbolfigur der einfachen Leute und positionierte sich gegen internationale Eliten. Er war der erste indigene Präsident Boliviens, kam aus ärmsten Verhältnissen und war Gewerkschaftsführer. © Jorge Saenz/AP/dpa
Ecuadors Präsidenten Rafael Corea (l.) und Cubas Fidel Castro.
Ecuadors Präsident Rafael Correa (links) war von 2007 bis 2017 im Amt und Teil der linkspopulistischen Welle zusammen mit Hugo Chávez und Evo Morales. In die Bild von 2009 ist er mit Fidel Castro, dem damaligen Máximo Líder von Kuba.  © dpa
Uruguays verstorbener Präsident José „Pepe“ Mujica
Uruguays im Mai 2025 verstorbener Präsident José „Pepe“ Mujica wurde oft als bescheidenster Präsident der Welt bezeichnet. Er saß als Guerilla-Kämpfer gegen die Militärdiktatur lange in Haft und verfolgte später als Präsident eher eine gemäßigt linke Politik. © Matilde Campodonico/dpa
Argentiniens Ex-Präsident Juan Domingo Perón.
Der Peronismus in Argentinien ist eine populistische Strömung, benannt nach Juan Domingo Perón, der zwischen 1946 und 1955 sowie 1973 und 1974 regierte. Zusammen mit seiner Frau Eva „Evita“ Perón war er prägend für den Peronismus. Bekannt war er für seine autoritäre Führung und seine Sozialpolitik. © imago
Eva Perón, liebevoll „Evita“ genannt
Seine Ehefrau Eva Perón, liebevoll „Evita“ genannt, hat heute in ganz Lateinamerika Kultstatus und steht für Grundrechte wie Wohnen, Bildung und öffentliche Gesundheitsversorgung für die Ärmsten. Doch während die einen sie als Heldin der Armen bewundern, kritisieren andere sie als „Populistin“, die das Land auf Irrwege geführt habe. Ihr Leben lieferte den Stoff für das Musical „Evita“ von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice, das mit Madonna verfilmt wurde. Evita Perón starb mit 33 Jahren an Krebs. © imago
Wahlkampf in Argentinien
Argentiniens linkspopulistischer Präsident Néstor Kirchner (im Amt von 2003 bis 2007) steht für Sojaboom und Aufschwung. Nach seinem Tod übernahm Cristina Kirchner (2007 bis 2015) das Amt der Präsidentin. Heute ist sie die populärste Kontrahentin des rechtspopulistischen Präsidenten Javier Milei. © Cezaro De Luca/dpa
Cristina Fernandez Kirchner
Die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner setzte die linkspopulistische Politik ihres verstorbenen Mannes Néstor Kirchner fort. Das Ehepaar prägte die argentinische Politik so stark, dass der moderne Peronismus in Anlehnung an ihren Namen Kirchnerismus genannt wird. Heute sitzt sie wegen Korruption verurteilt in Hausarrest. © Victor R. Caivano/dpa
Carlos Menem, ehemaliger Präsident Argentiniens
Carlos Menem, ehemaliger Präsident von Argentinien. Regierungszeit: 1989 bis 1999. Peronist, der neoliberale Reformen durchdrückte. Beispiel für den „Neopopulismus“ der 1990er Jahre und aus heutiger Sicht widersprüchlich, da seine Politik dem Kettensägen-Kurs Javier Mileis ähnelt – doch die Parteien als Gegner gelten. © Natacha Pisarenko
In seiner Amtszeit ließ Fujimori Sicherheitskräfte rigoros gegen linke und angeblich subversive Kräfte vorgehen.
Perus Präsident Alberto Fujimori (Regierungszeit: 1990 bis 2000) kombinierte populistische Rhetorik mit neoliberaler Wirtschaftspolitik. Er führte 1992 einen „Selbstputsch“ durch und wurde später wegen Korruption und Menschenrechtsverletzungen verurteilt. In seiner Amtszeit ließ Fujimori Sicherheitskräfte rigoros gegen linke und angeblich subversive Kräfte vorgehen.  © Martin Mejia/ap
Getúlio Vargas Präsident Brasiliens 1930-1945 und 1951-1954.
Getúlio Vargas (Brasilien). Regierungszeit: 1930-1945 und 1951-1954 Gilt als einer der Begründer des klassischen lateinamerikanischen Populismus und führte eine starke staatliche Industrialisierungspolitik ein. © imago
José María Velasco Ibarra (Ecuador), fünfmaliger Staatspräsident Ecuadors.
José María Velasco Ibarra (Ecuador), fünfmaliger Staatspräsident Ecuadors, gilt als einer der klassischen populistischen Staatschefs. Bis zu seinem Tod 1979 war er der wichtigste Politiker des Landes. © imago
Bild von Salvador Allende, Präsident von Chile.
Salvator Allende regierte Chile zwischen 1970 und 1973 als erster demokratisch gewählter sozialistischer Präsident der Welt mit populistischen Elementen. Die Erinnerung an ihn besteht fort – auch während eines Marsches zum 50. Jahrestag des Militärputsches unter der Führung von Augusto Pinochet, der Allende in Santiago gestürzt hatte.  © IMAGO/Matias Basualdo
José Antonio Kast, ultrakonservativer chilenischer Anwalt und Gründer der Republikanischen Partei
José Antonio Kast gründete 2019 die Republikanische Partei Chiles. Der ultrakonservative Anwalt wird als rechtspopulistisch, rechtsextrem und neofaschistisch beschrieben. 2021 unterlag er in der Stichwahl um das Präsidentenamt seinem Kontrahenten Gabriel Boric. © ANDRES PINA/ATONCHILE/imago
Kolumbiens aktueller Präsident Gustavo Petro
Kolumbiens aktueller Präsident Gustavo Petro ist ein ehemaliger Guerillakämpfer und Ex-Bürgermeister von Bogotá, der als linkspopulistisch beschrieben wird. Er wurde 2022 als erster linker Politiker in der Geschichte Kolumbiens zum Präsidenten gewählt. © STRINGER/afp
Rodolfo Hernández, kolumbianischer Bauunternehmer und Multimillionär.
Rodolfo Hernández, ein parteiloser Bauunternehmer und Multimillionär, kam bei den Präsidentschaftswahlen in Kolumbien 2022 als rechtspopulistischer „TikTok-Opa“ überraschend in die Stichwahl gegen Gustavo Petro. Er erreichte mit einfachen Anti-Korruptions-Botschaften und Kampagnen auf den sozialen Medien fast 47 Prozent der Stimmen. © EVA MARIE UZCATEGUI
Der nicaraguanische Präsident Daniel Ortega
Der nicaraguanische Präsident Daniel Ortega (M.) während einer Kundgebung mit Sympathisanten in Managua 2018. Er ist seit 2007 amtierender, inzwischen diktatorisch regierender Präsident Nicaraguas und Vorsitzender der Frente Sandinista de Liberación Nacional, die früher selbst die Diktatur der Somoza-Dynastie stürzten. © Jorge Torres/imago
El Salvadors Präsident Nayib Bukele
Präsident Nayib Bukele regiert das kleinste mittelamerikanische Land E Salvador seit 2019 mit harter Hand und ist vor allem durch seine Megagefängnisse, seine ultraliberale Bitcoin-Politik und seine Beziehung zu Donald Trump in den Schlagzeilen gelandet. © Salvador Melendez/AP/dpa
Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum Pardo stellt sich aktiv der imperialistischen Politik Donald Trumps entgegen.
Claudia Sheinbaum Pardo ist seit dem 1. Oktober 2024 Präsidentin Mexikos. Die Physikerin, die in Energietechnik promovierte, beteiligte sich an zwei Berichten des Weltklimarats, der 2007 für seine Bemühungen gegen den Klimawandel den Friedensnobelpreis erhielt. Sheinbaum stellt sich aktiv der imperialistischen Politik Donald Trumps entgegen. © IMAGO/Luis Barron
Lázaro Cárdenas, mexikanischer Militärführer und Präsident
Der mexikanische Militärführer Lázaro Cárdenas war von 1934 bis 1940 Präsident des Landes. Er gilt als einer der klassischen populistischen Staatschefs Lateinamerikas und ist bekannt für Nationalisierungen und Umverteilungspolitik. Hier ist er bei einem Treffen mit Gewerkschaftsführern der Ölindustrie in Tamaulipas im Jahr 1938 zu sehen. © IMAGO
Fidel Castros führte die kubanische Revolution.
Fidel Castro (1926 bis 2016) war ein kubanischer Revolutionär und Politiker, der nach dem Sturz der Batista-Diktatur 1959 fast fünf Jahrzehnte lang als autoritärer Staatschef den ersten kommunistischen Staat in der westlichen Hemisphäre regierte und Kuba aus der Abhängigkeit von den USA führte. © dpa
Che Guevara
Ernesto „Che“ Guevara (1928 bis 1967) war ein argentinischer Arzt und marxistischer Revolutionär, der als Guerillaführer und Anführer der Rebellenarmee maßgeblich an der Kubanischen Revolution (1953 bis 1959) beteiligt war. Später wurde er bei dem Versuch, eine Revolution in Bolivien zu entfachen, im Alter von 39 Jahren getötet. © dpa
Paraguayo Cubas ist der bekannteste rechtspopulistische Politiker Paraguays.
Paraguayo Cubas ist der bekannteste rechtspopulistische Politiker Paraguays. Cubas wird als „populistischer Anti-Establishment-Kandidat“ mit „extremen antidemokratischen Ansichten“ beschrieben. Er bezeichnete sich selbst als „romantischen, republikanischen und nationalistischen Anarchisten“. Nach der Wahl 2023 behauptete er Wahlbetrug und organisierte Proteste, was zu seiner Festnahme führte. © NORBERTO DUARTE/afp

Kritik an Milei wird immer lauter: „Nichtmal ein Bonbon für deinen Enkel“

„Du machst den Kühlschrank auf und hast nichtmal ein Bonbon für deinen Enkel“, sagt sein Kumpel Pablo Daniel Luna, 65, während Don Marco zwischen Trommellärm und Schildern mit Anti-Milei-Parolen verschwindet. Als langjähriger Arbeiter vom Ölkonzern YPF kennt Luna die Auswirkungen neoliberaler Spar- und Privatisierungspolitik am eigenen Leib. Argentinien sei so reich an Öl und Gas, dass es theoretisch genug für alle da wäre, doch die aktuelle Regierung wolle alles nur für sich haben. Es sei wie in den 90er Jahren unter Präsident Carlos Menem, sagt Luna. Investoren, Finanzmärkte und multinationale Konzerne profitieren, das argentinische Volk blute.

Argentinien: Chronologie der Amtszeit von Präsident Javier Milei

10. Dezember 2023: Vereidigung als Präsident Argentiniens

12. April 2024: Abschaffung der Kapitalverkehrskontrollen, flankiert von IWF-Kredit über 20 Milliarden Dollar

14. Februar 2025: Öffentliche Unterstützung der Kryptowährung Libra durch Javier Milei und anschließender Crash des Tokens um über 90 Prozent

20. August 2025: Veröffentlichung von Audioaufnahmen mit Korruptionsvorwürfen gegen Schwester Karina Milei

8. September 2025: Schwere Niederlage bei Provinzwahlen in Buenos Aires (34% vs. 46% für die Opposition)

5. Oktober 2025: José Luis Espert, Mileis Spitzenkandidat für die Kongresswahlen in Buenos Aires, wird vorgeworfen, 200.000 Dollar von dem in den USA wegen Drogenhandels angeklagten Unternehmer Federico Machado erhalten zu haben, was zu seinem Rückzug von der Kandidatenliste führte.

10. Oktober 2025: Währungsswap-Abkommen über 20 Milliarden Dollar mit den USA zur Stabilisierung der argentinischen Märkte

26. Oktober 2025: Parlamentswahl. Es werden 127 der 257 Abgeordnete und 24 der 72 Senatoren neu gewählt

„Da muss man nicht viele Bücher lesen, um das zu verstehen.“ Trotz der aufheizten Stimmung kommt auch er jeden Mittwoch zum Kongress. Er verteidige sein konstitutionelles Recht auf Protest, Milei begegne ihm mit Tränengas und Schlagstöcken. „Ich habe schon oft Repression hier erfahren, sie haben mich sogar eingesperrt“, erzählt Luna. Auch heute wurde wieder ein Rentnerkollege gleich zu Beginn der Versammlung geschlagen und eingesperrt.

Polizeigewalt gegen Rentner in Argentinien schaden dem Image der Milei-Regierung

Die Bilder von massiver Polizeigewalt gegen schutzlose Rentner schaden dem Image der Milei-Regierung seit seinem Amtsantritt im Dezember 2023. Das wissen auch die Protestierenden. Wöchentlich gehen so Bilder um die Welt, die runzlige Rentner Gesicht an Gesicht mit stoischen Polizeibeamten zeigen, die die Beleidigungen entweder über sich ergehen lassen müssen oder auf Befehl repressiv gegen ihre Großelterngeneration vorrücken. Um diese Momente einzufangen, ist immer eine Schar aus Kameraleuten bei den Rentnerprotesten mit dabei.

Spätestens nachdem der Fotojournalist Pablo Grillo im März lebensgefährlich von einer Tränengasgranate der Polizei verletzt wurde, ist die Presse zu so etwas wie den Bodyguards der Rentner mutiert. Journalisten stehen mit Gasmasken in der ersten Reihe, dokumentieren die wiederkehrende Gewalt und mobilisieren durch die Sichtbarkeit zur Teilnahme an den Mittwochsprotesten, die inzwischen für weit mehr als Rentenerhöhungen stehen. Es mischen sich Bewegungen der Peronisten und Gewerkschaftler, mit Linken und Feministinnen, Pro-Palästina-Gruppen und Hooligans. Alle haben ein Anliegen: Argentiniens Demokratie und Sozialsysteme verteidigen. 

Furchtlos trotz Alter: Argentinische Rentner protestieren jeden Mittwoch gegen Javier Mileis Sparpolitik.

„Diese Freiheit ist ein Mist“ – Unmut über Milei in Argentinien wächst

Das hat mit der Geschichte des Landes zu tun. Inflation und Instabilität ist man gewohnt in Argentinien. Nicht aber ein kaputtes öffentliches System. So hoch der Wertverlust des Peso auch war, Renten, Gesundheit und Bildung gelten in Argentinien als Grundrecht und werden verteidigt. Der letzte Präsident, der diese Stütze neoliberal optimieren wollte, war Mauricio Macri (2015 - 2019) - er wurde nach einer Legislaturperiode wieder abgewählt.

So radikal wie Milei wollte allerdings noch nie jemand den Staat zerstückeln. Universitäten, Krankenhäuser, Sozialsystem, Kultur, Minderheiten- und Klimaschutz - vor seiner Kettensäge scheint nichts sicher. Das Ziel: Ultimative Freiheit für den Markt. Um seine libertäre Politik durchzusetzen, braucht Milei aber die Unterstützung seines Volkes, und das scheint nach zwei Jahren Sparkur müde zu sein. „Diese Freiheit ist ein Mist“, hat jemand, ein paar hundert Meter vom Kongress entfernt, an ein Garagentor gesprayt. Die Unzufriedenheit könnte Mileis Macht bald weiter schwächen, wie Umfragen zur Parlamentswahl in Argentinien zeigen. (lm)

Rubriklistenbild: © Paula F. Visentin

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