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„Kein Land der Welt“

Viele Ukrainer im Bürgergeld: Deutschland im EU-Vergleich weit vorne – aus bestimmtem Grund

„Kein Land der Welt“ behandele Ukrainer so gut wie Deutschland mit dem Bürgergeld, sagt Markus Söder. Darum hätten so wenige Beschäftigung. Was steckt dahinter?

München – Markus Söder möchte Ukrainerinnen und Ukrainern das Bürgergeld streichen. Die Geflüchteten sollten die Sozialleistung nicht mehr erhalten, „und zwar am besten nicht nur die, die in der Zukunft kommen, sondern alle“, sagte der bayerische Ministerpräsident am Sonntag, 3. August, im ZDF-Sommerinterview. Der CSU-Chef begründete die Forderung mit der sich veränderten wirtschaftlichen Lage durch Trumps Zölle. Die Koalition brauche ein „Update, was wirtschaftlich notwendig ist“.

Kein Bürgergeld für Geflüchtete aus der Ukraine: Söder springt auf AfD-Forderung an

Söder stieg damit in die Debatte ein, die von der AfD erneut angeheizt worden war. Die Rechtsaußen hatten von der Bundesregierung wissen wollen, wie hoch die Ausgaben für ausländische Bürgergeld-Beziehende sind. Von insgesamt rund 47 Milliarden seien im vergangenen Jahr 24,7 Milliarden an Deutsche und 22,2 Milliarden Euro – oder 47,4 Prozent der Ausgaben – an Menschen ohne deutschen Pass geflossen, so die Antwort des Bundesarbeitsministeriums. Die Erkenntnisse sind damit nicht neu, immerhin lag auch der Anteil der ausländischen Bürgergeld-Beziehenden im Jahresschnitt bei 47 Prozent.

Wegen Putins Angriff auf die Ukraine sind zahlreiche Menschen nach Deutschland geflüchtet. Über die Hälfte bezieht Bürgergeld. (Symbolfoto)

Die Mehrheit der ausländischen Bürgergeld-Empfänger sind aus der Ukraine. Im April 2025 kamen rund 700.000 von 1,6 Millionen Leistungsberechtigten aus der Ukraine. Hintergrund ist die EU-Massenzustromrichtlinie, die allen Ukrainerinnen und Ukrainern direkt einen Aufenthaltsstatus garantiert, ohne dass sie ein Asylverfahren durchlaufen müssen. Wer Asyl erhält, hat dann Zugang zum Arbeitsmarkt – und eben Anspruch auf Sozialleistungen.

Söder erklärt: Geflüchteten aus der Ukraine gehe es in „keinem Land der Welt“ besser als mit dem Bürgergeld

„Ausländern ist der Zugang zum Bürgergeld grundsätzlich zu verwehren“, forderte AfD-Politiker René Springer als Reaktion auf die Zahlen. Söder geht es zunächst um die Menschen aus der Ukraine. Es gebe „kein Land der Welt“, das im Falle von ukrainischen Geflüchteten so verfahre wie Deutschland beim Bürgergeld, so der Ministerpräsident. „Deswegen sind bei uns auch so wenige Menschen aus der Ukraine in Arbeit, obwohl sie gute Ausbildungen haben.“

Eine Analyse aus dem vergangenen Jahr hatte gezeigt, dass Ukrainerinnen und Ukrainer in Deutschland mit durchschnittlich 954 Euro vergleichsweise viel Geld erhalten. Allein in Belgien gibt es mit rund 1100 Euro. In Norwegen erhalten sie 670 Euro und Wohnungsbeihilfen. Die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz wären mit 441 Euro für Alleinstehende niedriger.

Erwerbsquote von ukrainischen Geflüchteten in Deutschland im EU-Vergleich tatsächlich gering

Dabei ist auch die Erwerbsquote unter den Ukrainerinnen und Ukrainern in Deutschland relativ niedrig. Während in Polen und Tschechien im Oktober 2023, also über ein Jahr nach Kriegsbeginn, schon rund zwei Drittel der Geflüchteten einer Arbeit nachgegangen sind, lag der Anteil in Deutschland bei 18 Prozent. Im Mai 2025, also mehr als drei Jahre nach Kriegsbeginn, lag die Quote laut Bundesagentur für Arbeit bei rund 35 Prozent.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

Lediglich ein Drittel der Ukrainerinnen und Ukrainer in Deutschland geht damit einer Beschäftigung nach. Mit 57,4 Prozent bezog im April 2025 über die Hälfte Bürgergeld. Die Erwerbsquoten seien jedoch wegen unterschiedlicher Definitionen und Methode sowie Unterschieden bei den Integrationsansätzen nur bedingt vergleichbar, erklärte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Deutscher Integrationsansatz priorisiert Sprache und Qualifizierung, statt schnellen Bürgergeld-Ausweg

Deutschland verfolgt einen Ansatz, der das Erlernen der Sprache priorisiert. Unter Ländern mit einem „nachhaltigen Integrationsansatz“ sei Deutschland führen, so eine IAB-Studie. Eine schnelle Arbeitsaufnahme ohne Spracherwerb und weiteren Qualifikationen führe oft zu prekären Beschäftigungsverhältnissen. Dagegen könne „ein zügiger Spracherwerb und der Erwerb von länderspezifischen Qualifikationen langfristig zu stabileren Arbeitsmarktkarrieren und höheren Einkommen führen“, so die Forschenden.

Fehlende Deutschkenntnisse sind auch eines der Hindernisse für Geflüchtete auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Dazu sei die Erwerbsquote der Geflüchteten aus der Ukraine so niedrig, weil viele Frauen mit Kleinkindern darunter seien. Kinderbetreuungsangebote seien „eine wichtige Voraussetzung für die (Arbeitsmarkt-) Integration der geflüchteten Frauen mit Kindern“, hatten die IAB-Forschenden IPPEN.MEDIA erklärt. Ein weiteres Problem ist die zögerliche Anerkennung von beruflichen Qualifikationen.

Arbeitsmarktforscher will Geflüchtete ins Bürgergeld stecken – um sie schneller in Arbeit zu bringen

Um die Hürden zu beseitigen, fordert IAB-Arbeitsmarktforscher Enzo Weber genau das Gegenteil von Markus Söder: „In die Grundsicherung rein, um aus der Arbeitslosigkeit rauszukommen“, titelte der Ökonom auf Linkedin. „Geflüchtete brauchen Beratung, Vermittlung, Qualifizierung“, so Weber. Das gebe es in der Grundsicherung. Es solle als „Fitmacher“ statt als Problem gesehen werden.

Weber forderte „zügige Verfahren“, Kinderbetreuung, Anerkennung von Abschlüssen. Sprachförderung und Qualifizierung solle es auch berufsbegleitend geben. Damit ähnelt der Ansatz auch der von Weber anvisierten Reform der Grundsicherung. Auch hier sieht er eine bessere Betreuung der Arbeitssuchenden neben einer stärkeren Verbindlichkeit als eine Lösung an. Dadurch könnte das Mismatch aufgelöst werden, denn bisher haben viele Bürgergeld-Beziehende nicht die auf dem Arbeitsmarkt geforderten Qualifikationen.

Rubriklistenbild: © Sachelle Babbar/Imago

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