Exklusiv: Neue Mieter stehen fest
Ende von Juwelier „InnTime“: Das sind die Nachfolger – Warum es sie von Gars nach Wasserburg zieht
Das Rätselraten hat ein Ende: Das ehemalige Juwelier- und Uhrmacher-Geschäft „InnTime“, 27 Jahre betrieben von Moritz Hasselt, hat Nachfolger gefunden. Die Neuen sind in der Region keine Unbekannten. Warum sich Andreas Gerzer und Laura Schott aus Gars in Wasserburg einen Traum erfüllen.
Wasserburg am Inn/Gars am Inn – Die Auslagen in den Schaufenstern sind ausgeräumt, der Schlussverkauf ist beendet: Das Uhren- und Juweliergeschäft „InnTime“ in Wasserburg ist Geschichte. Droht jetzt ein Leerstand? Mitnichten, die Stadt Wasserburg als Vermieterin der Immobilie in Bestlage der Altstadt hat schnell eine Nachnutzung für das Ladenlokal gefunden. Am 1. August startet hier Raumausstatter Andreas Gerzer mit dem Umbau des Geschäfts.
Das Traditionsunternehmen, Spezialist für Polster, Möbel, Vorhänge und Stoffe, verlegt das operative Geschäft und damit den Laden von Gars am Inn nach Wasserburg. In Gars wird laut Gerzer in diesem Zusammenhang die Werkstatt erweitert. Denn der Raumausstatter führt auch eine eigene Möbelmanufaktur. Spezialität: Sofas. In Gars bleibt auch das Nähatelier.
Ein Traum geht in Erfüllung
Gerzer konzentriert also die Einzelhandelstätigkeiten in Wasserburg, das Handwerk bleibt in Gars. Damit geht für ihn ein Traum in Erfüllung, berichtet er. Schon 1998, als er sehr jung damals seinen Meister machte, spielte der heute 50-Jährige mit dem Gedanken, das Geschäft nach Wasserburg zu verlegen. Dort hat er selber einige Jahre gewohnt, die Stadt damals lieben gelernt. Der Standort biete für ihn mehr Entwicklungsmöglichkeiten als Gars, ist Gerzer überzeugt. Wasserburg sei eine Einkaufsstadt mit zahlreichen inhabergeführten Fachgeschäfte und viel Laufkundschaft, die zum Bummeln in die Altstadt komme. Auch im Bereich Tagestourismus sei die Stadt stark aufgestellt. Mehr Frequenz im Laden sei deshalb garantiert, ist Gerzer überzeugt.
Doch Gars am Inn ist und bleibt ein wichtiger Standort des Betriebes: Hier ist das Unternehmen Gerzer bereits seit über 200 Jahren beheimatet, entstanden aus einer Wagnerei. Gerzers Großvater hat hier eine Sattlerei und Polsterei aufgebaut, sein Vater eine Schreinerei, der Sohn lernte Raumausstatter, ein Beruf, der viele Handwerkerleistungen vereint. Gerzer bringt es so auf den Punkt: Raumausstatter kümmern sich um alle Gestaltungselemente im Innenbereich, die mit Textilien zu tun haben: Polster, Vorhänge, Möbelstoffe, Stoffbespannungen für Kissen und Wände, textile Bodenbeläge.
Textilien erleben Renaissance
Textilien sind in der Innenarchitektur derzeit stark im Kommen, freut sich Gerzer. Die Zeit der Puristik, in der viele sogar auf Vorhänge an den Fenstern verzichteten, sei vorbei. In der Raumausstattung sei wieder mehr Mut zur Farbe und zu Textilien, die Akzente setzen würden, gefragt. Auch der Schall- und Hitzeschutz seien wichtige neue Themen, bei denen der Raumausstatter eine bedeutende Rolle spiele.
Zeigen, was möglich ist, wollen er und Partnerin Laua Schott (32), seit 2023 ebenfalls Raumausstatter-Meisterin, demnächst in Wasserburg in der Gerblgasse. Als sie über einen Freund aus der Innstadt erfuhren, dass das ehemalige Juweliergeschäft „InnTime“ schließt, witterten sie die Chance und wurden sich mit der Liegenschaftsabteilung der Stadt unter Leitung von Robert Mayerhofer einig. „Wir sind überglücklich, dass wir endlich in dieser charmanten Stadt mit ihrer großen Historie vertreten sein können“, sagt Laura Schott.
Wasserburg ist Wunsch-Standort
Partner Andreas Gerzer betont, sie hätten sich auch andere Orte angeschaut: Dorfen und Mühldorf beispielsweise. Doch keine Kommune habe sie als Laden-Standort so angesprochen wie Wasserburg. Außerdem sei die Innstadt nah bei Gars, dem Stammsitz. Da lasse sich gut hin- und herpendeln von Mitarbeitende, auch Kunden, die im Laden etwas bestellen würden, könnten ohne viel Zeitaufwand bei Bedarf nach Gars fahren, wenn sie dort beispielsweise Ware in der Werkstatt anschauen wollten. Beispielsweise das „Steckenpferd“ des Betriebes: das Sofa aus der eigenen Manufaktur.
Der Laden in Wasserburg, der im Rohbau übernommen wird, biete außerdem mehr Platz: 138 Quadratmeter. In Gars an der Hauptstraße sind es 100 Quadratmeter Laden und Büro, plus 120 Quadratmeter Werkstatt. Bei Gerzer sind zwei Meister, eine Gesellin, ab September zwei Azubis, eine Näherin und zwei Büromitarbeiterinnen in Teilzeit beschäftigt. In Wasserburg übernimmt Laura Schott die Leitung. Ein Eröffnungstermin stehe noch nicht fest.
So antwortet Gerzer auf die Billigkonkurrenz
Gerzer sieht im stationären Einzelhandel die Zukunft, trotz eines Marktes, der auch von bekannten Billig-Möbelanbietern wie Ikea & Co sowie von Online-Plattformen geprägt ist. „Wir setzen dazu bewusst einen Gegenpol“, sagen Andreas Gerzer und Laura Schott. Ihr Credo nach eigenen Angaben: intensive Beratung, individuelle Lösungen, handwerkliche Qualität, die auch nach 30 Jahren noch einen Wert habe. Großmutters Schätzchen beispielsweise, der alte Wohnzimmer-Sessel, könne mit einem neuen Stoff bespannt wieder aussehen wie neu, findet Gerzer.
Er und Laura Schott setzen auf den Trend zum „schöner wohnen“ – „nachhaltig“. In der Pandemie war dies als Folge des erzwungenen Rückzugs ins Private schwer angesagt, die Raumausstattung erlebe seitdem eine Renaissance, die nach wie vor ungebrochen sei, berichtet Gerzer. Hier will er gemeinsam mit Laura Schott anknüpfen.
So entscheidet die städtische Liegenschaftsverwaltung
Grundlage für eine Neuvermietung größerer Läden in städtischen Immobilien ist ein Beschluss des Haupt- und Finanzausschusses. Die acht Stadträte und der Bürgermeister entscheiden über den Vorschlag, den ihnen das Liegenschaftsamt der Stadt unterbreitet, erklärt Amtsleiter und Stadtkämmerer Robert Mayerhofer.
Der Kommune sei es wichtig, eine Mietzeitdauer fest zu vereinbaren. Im Fall Gerzer fünf Jahre, mit einer Option für weitere fünf Jahre, so Mayerhofer. Wenn neue Mieter die Anfangsrenovierung selber übernehmen würden, so wie es beim Nachfolger von „InnTime“ der Fall sei, werde diese Leistung bei der Vertragsgestaltung berücksichtigt. Generell begrüße die Stadt, dass sich Neumieter bei der Renovierung einbringen würden, weil dies die Bindung zum Objekt stärke.
Der Liegenschaftsverwaltung sei es außerdem wichtig, dass Nachfolgenutzungen für städtische Gebäude mit Läden der Branchenvielfalt in Wasserburg dienen würden. Die Stadt lege Wert auf ein schlüssiges Einzelhandelskonzept mit Qualität. „Gewinnmaximierung um jeden Preis“ sei nicht das kommunale Ziel, es gehe darum, die Einkaufsstadt nachhaltig mit Mehrwert weiterzuentwickeln.
Für das ehemalige Juweliergeschäft „InnTime“ in der Gerblgasse hatten sich laut Mayerhofer vier Interessenten beworben. Das Haus war in den 80er Jahren mit Städtebaumittel saniert worden. Es ist ein Einzeldenkmal. Bei der Wahl der Nachfolgenutzung habe das Liegenschaftsamt gemeinsam mit dem Hauptausschuss auch Wert darauf gelegt, einem Bewerber den Zuschlag zu geben, der den Laden nicht nur als Ausstellungsfläche nutze, sondern als Einzelhandelsgeschäft mit Handwerksbetrieb und Verkauf mit Leben erfülle.
