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Bayerns Friedensflotte ahoi

Vom Rathaus aufs Segelboot: Wasserburgs Bürgermeister als Co-Skipper mit wichtiger Mission

Die Kölbls und ihre Crew: unten links Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl, oben links Ehefrau Margarete.
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Die Kölbls und ihre Crew: unten links Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl, oben links Ehefrau Margarete.

100 Schiffe, 1000 Personen: Derzeit ist die Friedensflotte, das weltweit größte Segelprojekt für benachteiligte Jugendliche, wieder unterwegs. Einer, der auch an Bord gegangen ist: Franz Wallner aus Bruckmühl, Organisator für Bayern. Mit Co-Skipper Michael Kölbl, Bürgermeister von Wasserburg, berichtet er über die Mission von „mirno more“.

Wasserburg/Bruckmühl/Mühldorf – Seit 2018 schlüpft Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl ein- bis zweimal im Jahr in eine andere Rolle: Aus dem Rathauschef wird ein Co-Skipper und Betreuer von jungen Menschen mit Handicaps, unterwegs auf dem Meer vor Kroatien.

Die Friedensflotte auf See.

An Bord ist Kölbl „der Michael“, ein Teammitglied wie jedes andere. Gemeinsam geht es von Hafen zu Hafen, über mal ruhiges, mal stürmisches Meer, das auch Kölbl schon einmal zum Speien brachte, Tag und Nacht auf engstem Raum beisammen. An Bord sind auch Menschen, die es nicht leicht haben in ihrem Leben: weil sie körperlich oder geistig beeinträchtigt sind, psychische Erkrankungen haben oder aus sozial benachteiligten Familien stammen. Zu den Teammitgliedern gehören unter anderem auch Betreute der Stiftung Attl in Wasserburg und Stiftung Ecksberg mit Hauptsitz in Mühldorf, aus den Werkstätten in der Region Oberbayern, dem Heilpädagogischen Zentrum Ruhpoling sowie dem Einrichtungsverbund Steinhöring.

„Wir leben Inklusion“

„Wir leben Inklusion“, sagt Co-Skipper Kölbl, „jeder an Bord bringt sich ein mit seinen Fähigkeiten, egal ob mit oder ohne Beeinträchtigung.“ Denn es gebe genug zu tun für jeden: einkaufen, kochen, Kojen beziehen, abwaschen, saubermachen, die Route planen, das Schiff steuern, die Segel setzen, die Wetterkarten lesen, anlegen und ausfahren. „Jeder findet hier seinen Platz, jeder ist wichtig“, weiß Kölbl aus Erfahrung.

Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl (Zweiter von links, hinten) und seine Crew.

Mit dem Rollstuhl die wackelige Gangway hinunter, als blinder Mensch am Ruder in den Hafen steuern, als hyperaktiver Jugendlicher die wohltuende Ruhe des Meeres kennenlernen, als Kind aus armer Familie zum ersten Mal die See erleben: All dies sind laut Wallner Erlebnisse, die die meist jungen Menschen mit Beeinträchtigungen positiv prägen. „Viele wachsen über sich hinaus, lernen ganz neue Seiten an sich kennen“, weiß Franz Wallner, der bereits seit vielen Jahren die Fahrten der Friedensflotte in Bayern organisiert, erst als Mitglied im Führungsteam des Einrichtungsverbunds Steinhöring, jetzt als nach wie vor im Bereich Freizeit für Menschen mit Behinderungen ehrenamtlich tätiger Rentner.

„Ein Schiff ist ein Katalysator“

„Ein Schiff ist ein Katalysator: Tag und Nacht auf engstem Raum. Das geht nur, wenn man sich aufeinander verlassen kann und sich auf andere einlässt“, betont Kölbl. Auch er profitiert nach eigenen Angaben von den Reisen der Friedensflotte: „Ich genieße diese Tage auf dem Meer sehr. Es sind bereichernde Begegnungen“, sagt er.

Kölbl schwärmt von abwechslungsreichen Tagen auf See, von der großen, nautisch anspruchsvollen Formationsfahrt am Ende jeder Reise, bei der bis zu 100 Schiffe gleichzeitig das Segel setzen, von herausfordernden Nachtfahrten, fröhlichen Stegpartys, Gastgebern in Kroatien, die hunderte von Teilnehmer am Hafen aufnehmen. Und von einer Woche, in der Menschen unterschiedlichen Alters und Begabungen, mit und ohne Handicaps, auf engstem Raum beieinander leben. „Das habe einen therapeutischen Ansatz“, findet Wallner, es gehe um den Umgang mit Nähe und Distanz, um das Miteinander, darum, Vertrauen aufzubauen und Teamfähigkeit zu beweisen. „All das muss man mögen, ebenso wie das Element Wasser“, räumt Kölbl ein.

In Hafenhandbuch von Friedensflotte gelesen

Kölbl mag es, mehr noch: Er spricht von einem Virus, das ihn im positivsten Sinne angesteckt habe und ihn nicht mehr loslasse. 2017 hat es ihn zum ersten Mal erfasst. Damals absolvierte der Wasserburger Bürgermeister den Sportküstenschiffer-Schein und ging zum ersten Mal auf Segeltour in Kroatien. In einem Hafenhandbuch las er über die Friedensflotte Bayern. Der Bericht weckte sein Interesse. So entstand der Kontakt zu Wallner aus Bruckmühl, damals Organisator der Reisen im Einrichtungsverbund Steinhöring.

Freunde mit Leidenschaft für das Segeln: Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl (links) und Franz Wallner aus Bruckmühl.

„Wir haben fünf Minuten miteinander telefoniert. Da wusste ich schon: Den Michael, den können wir gebrauchen“, berichtet Wallner. 2018 ging Kölbl zum ersten Mal mit auf See, als Fahrer des Reisebusses bis zum Starthafen, als Co-Skipper und Betreuer. Seitdem ist er mindestens einmal im Jahr dabei: heuer als Crewmitglied in der Frühjahrsflotte. Doch auch für die Herbstreise, die in dieser Woche vom 13. bis 20. September auf der Adria bei Kroatien stattfindet, hat der Wasserburger Bürgermeister einen Beitrag geleistet: als Organisator von 100 Paar Wienern, gespendet von einer örtlichen Metzgerei.

Eine Freundschaft entstand

Wallner hat in Kölbl einen Mitstreiter gefunden, der mit ihm vieles gemeinsam hat: die Leidenschaft für das Meer und das Segeln sowieso, aber auch die Freude an der Inklusion und am Vernetzen. Beide haben sehr gute Kontakte in der Region Oberbayern: Wallner als bekannte Persönlichkeit des Einrichtungsverbunds Steinhöring, Kölbl als gut vernetzter Bürgermeister. Aus dem gemeinsamen Tun entstand eine Freundschaft zweier Männer, die sich aufeinander verlassen können und Meister im Organisieren sind.

Das ist das A und O der beiden Segelreisen, die die Friedensflotte alljährlich unternimmt. Schließlich gibt es viel zu managen: vom Überungssegeln bis zur Anfahrt , von der Verpflegung bis zur Betreuung der vielen Menschen mit unterschiedlichen Begabungen und Stärken. Wallner, jahrzehntelang in Steinhöring Ansprechpartner für Kultur und Ehrenamt sowie Freizeitaktivitäten, war es nach eigenen Angaben ein Anliegen, auch Menschen mit Behinderung einen Urlaub anbieten zu können. „Wir alle brauchen diesen Ausstieg aus dem Alltag, diese Zeitpunkte, auf die wir uns das ganze Jahr über freuen können. Das ist Lebensqualität“, findet er.

Peace-Flaggen als Symbol

1997 lernte er den Gründer der Friedensflotte kennen: Christian Winkler aus Wien hatte den internationalen Verein Anfang der 90iger Jahre aus der Taufe gehoben. Die Ursprungsidee: „den Kriegshandlungen im ehemaligen Jugoslawien eine konkrete Friedensinitiative entgegenzusetzen.“ Kinder aus Familien, die stark unter dem Krieg gelitten hatten, darunter auch Flüchtlinge und Kriegswaisen, sollten ein paar Tage Entspannung, Ruhe und Erholung auf dem Meer erleben. Mit dieser Mission startete 1994 die ersten drei kleinen Segelboote, geschmückt mit Peace-Flaggen, entlang der kroatischen Küste.

Mittlerweile sind unter dem Motto „mirno more“, zu Deutsch: „friedliches Meer“, 100 Schiffe unterwegs. An Bord: bis zu 1000 Menschen aus etwa 20 Nationen. Darunter auch junge und erwachsene Betreute vieler Einrichtungen aus der Region Oberbayern, unterstützt dank eines eng geknüpften Netzwerks von Charterfirmen, privaten Bootseignern, Wohlfahrtsverbänden sowie vielen begeisterten Seglern und Schiffsleuten.

Segel setzen für die Inklusion

Mit an Bord sind auch Crewmitglieder wie Margarete Kölbl, die sich vom Friedensflotten-Projekt ebenfalls hat anstecken lassen. Auch sie bringt sich mit ihren Talenten ein: vor allem kreativ, etwa bei einem Malprojekt, bei dem eine neue Flagge gestaltet wurde, oder mit ihren Kochkünsten.

Die Friedensflotte wird weitersegeln. Leider ist ihre ursprüngliche Mission, für den Frieden zu werben, weiterhin aktuell, bedauern Kölbl und Wallner angesichts des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine und des Nahostkonflikts. Und auch die Inklusion ist eine Aufgabe, für die es immer wieder die Segel zu setzen heißt, finden die Vertreter der Friedensflotte Bayern.

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