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Details der Reform unklar

Bürgergeld-Streichung für „Totalverweigerer“: Merz-Versprechen wackelt

Die CDU drängt auf Bürgergeld-Streichung für „Totalverweigerer“, während das Arbeitsministerium die Umsetzung noch prüft. Merz steht vor einer möglichen Hürde.

Berlin – Die neue Regierung will in den kommenden Jahren Milliarden Euro beim Bürgergeld sparen. Ein Vorhaben, das so letztendlich nur geht, wenn eine große Anzahl von Erwerbslosen in Arbeit kommt. Die Mehrheit der Empfänger will das auch selbst schaffen. In der Diskussion um die Grundsicherung geht es jedoch vor allem um eine Gruppe: die sogenannten „Totalverweigerer“. Ihnen sollen die Leistungen vollständig gestrichen. Das war eine der zentralen Forderungen der Union zur „neuen Grundsicherung“. Die drohen nun zum Teil zu platzen.

Kern der neuen Grundsicherung: Bürgergeld-Streichung für „Totalverweigerer“ noch völlig offen

Das Bundesarbeitsministerium arbeitet nun an der Reform der neuen Grundsicherung – und dabei auch an der Ausgestaltung des „vollständigen Leistungsentzugs“, wie es im Koalitionsvertrag heißt. Dabei sitzt jedoch nicht etwa CDU-Generalsekretär und Bürgergeld-Hardliner Carsten Linnemann am Ruder, der gerne Arbeitsminister wäre, sondern Bärbel Bas.

Merz hat im Wahlkampf erklärt, „Totalverweigerern“ das Bürgergeld streichen zu wollen. Im Herbst soll der Reform-Entwurf stehen, doch wie die Umsetzung der Sanktionen laufen soll, ist unklar. (Montage)

Die SPD-Chefin ist als Arbeitsministerin für die Ausgestaltung der neuen Grundsicherung – inklusive der CDU-Wahlversprechen – zuständig. Dabei sind wichtige Details jedoch noch völlig offen, wie Antworten der Regierung auf eine Grünen-Anfrage zeigen. Das gilt auch für die Bürgergeld-Streichung für „Totalverweigerer“.

Ministerium prüft Totalsanktionen im Bürgergeld – dabei drängt die Zeit

„Wie der Auftrag des Koalitionsvertrages umgesetzt werden kann, wird derzeit geprüft“, erklärt das Ministerium. Ähnlich lautet die Antwort auf die Frage, wie die verschärften Mitwirkungspflichten ausgestaltet werden. „Sanktionen müssen schneller, einfacher und unbürokratischer durchgesetzt werden können“, heißt es im Koalitionsvertrag. Auch hier prüfe die Regierung die Umsetzung, heißt es in der Antwort auf die Grünen-Anfrage.

Dabei drängt die Zeit, wenn die selbst gewählte Frist der Koalition eingehalten werden soll. Grund ist, dass die Koalition hofft, schon 2026 1,5 Milliarden Euro beim Bürgergeld zu sparen. Das geht nur über eine geringere Zahl an Bedürftigen. Linnemann hat gerade erst Druck gemacht. „Es wird ein Herbst, der sich gewaschen hat“, sagte Linnemann der Welt.

CDU-Sozialpolitiker Whittaker bekräftigt „konsequente Sanktionen“

Auch Kai Whittaker, Vorsitzender des Arbeitskreises „Reform der Sozialversicherungen“ in der Unionsfraktion, bekräftigt das Vorhaben gegenüber IPPEN.MEDIA: „Die Grundsicherung darf kein Freifahrtschein für Totalverweigerer bleiben.“

„Wer arbeiten kann und jede zumutbare Stelle ablehnt, darf nicht dauerhaft auf Kosten der Steuerzahler leben. In solchen Fällen braucht es konsequente Sanktionen – schnell, unbürokratisch und wenn nötig bis zum vollständigen Leistungsentzug“, sagte Whittaker. „Das Bundesverfassungsgericht lässt diesen Spielraum zu und wir werden ihn nutzen.“

Bundesverfassungsgerichtsurteil setzt hohe Hürden für Bürgergeld-Streichung

Die Rechtsprechung des Karlsruher Gerichts ist eine der Hürden bei den Sanktionen. Darauf verwies auch das Arbeitsministerium: „Bei der Umsetzung werden auch die engen Voraussetzungen des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) zu beachten sein.“ Entscheidend ist dabei das Urteil zu den Sanktionen unter Hartz IV vom November 2019. Kürzungen über 30 Prozent waren als unverhältnismäßig und verfassungswidrig erklärt worden.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

Höhere Sanktionen sind dennoch möglich, wie auch das Gericht in Karlsruhe erklärte. Doch gerade für den vollständigen Bürgergeld-Entzug gibt es strenge Anforderungen. Es ist etwa dann möglich, wenn die „betroffene Person ihr Existenzminimum durch die Aufnahme einer zumutbaren Arbeit tatsächlich und unmittelbar selbst sichern kann, die Arbeitsaufnahme aber willentlich und ohne wichtigen Grund verweigert“, hatte etwa Sozialrecht-Professor Ragnar Hoenig IPPEN.MEDIA erklärt. Dabei kommt es zudem auf die Auslegung der Begriffe an, etwa was unter einer „willentlichen Weigerung“ zu verstehen ist.

„Vollständiger Leistungsentzug“ für Bürgergeld-Beziehende verlangt „besonders Augenmaß“

Gerade bei der Streichung der Kosten der Unterkunft, also der Übernahme von Miet- und Heizkosten durch die Jobcenter, müsse laut Hoenig die Verhältnismäßigkeit genau betrachtet werden. „Das würde ein besonderes Augenmaß der Jobcenter verlangen.“ Denn das wäre ein Schritt weiter, als es bisher möglich ist. Zwar gibt es seit Frühjahr 2024 die Möglichkeit, den Bürgergeld-Regelsatz für zwei Monate komplett zu streichen. Miete und Heizung werden jedoch weiterhin gezahlt.

Bisher ist jedoch unklar, ob bereits Bürgergeld-Beziehende dadurch sanktioniert wurden. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Auch die Zahl der „Totalverweigerer“ ist offiziell unbekannt. Anhaltspunkte liefert nur die Zahl der Sanktionen wegen Weigerung, eine Arbeit, Ausbildung oder Eingliederungsmaßnahme anzufangen. 2024 hatte die Bundesagentur für Arbeit rund 23.400 Minderungen gezählt. Dabei ist unklar, ob eine Person mehrfach sanktioniert wurde und damit als Totalverweigerer zählt. Doch selbst wenn die rund 23.400 Minderungen zu den „Totalverweigerern“ zählen würden, würden sie nur knapp 1,3 Prozent der erwerbsfähigen Arbeitsuchenden ausmachen. Es würde sich also um einen geringen Anteil handeln.

Bei der Grundsicherung-Reform geht es „um mehr als nur die Totalverweigerer“ – sagt Whittaker

„Es geht bei der Reform um mehr als nur die Totalverweigerer“, betonte auch Kai Whittaker, der auch Berichterstatter der Unionsfraktion für die neue Grundsicherung ist. „Viele Menschen wollen raus aus dem System, aber das Bürgergeld lässt sie im Stich“, sagte der CDU-Politiker. Statt zu vermitteln, werde nur verwaltet. „Mit der Neuen Grundsicherung drehen wir das um: mehr Mitwirkung, spürbare Arbeitsanreize und gezieltere Vermittlung.“ Ziel sei, „dass die Menschen wieder auf eigenen Beinen stehen und raus aus der staatlichen Abhängigkeit kommen“.

Rubriklistenbild: © Jens Kalaene/Soeren Stache/dpa

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