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Frankfurter-Rundschau-Gespräch
Putins Bedrohung und ein Bundeswehr-„Wunder“: Litauens einziger jüdischer Abgeordneter hofft – und mahnt
Die Bundeswehr baut angesichts der Bedrohung aus Russland eine Brigade in Litauen auf. Grund zur Sorge? Ein Gespräch mit einem besonderen Zeitzeugen.
Vilnius – Dass kaum jemand in Deutschland den Namen Emanuelis Singeris kennt – es verdeutlicht, wie wenig sich EU-Länder untereinander kennen. Singeris ist eine Art Urgestein der litauischen Politik, mit starken, teils schmerzhaften Verbindungen zu Deutschland zudem: 1990 gehörte er zu den Unterzeichnern des „Aktes zur Wiedererrichtung der Unabhängigkeit Litauens“, seit 1990 ist er neunmal ins Parlament gewählt worden, den Seimas. Er ist Sohn einer Holocaust-Überlebenden, der einzige Seimas-Abgeordnete jüdischen Glaubens und Bruder des international bekannten Lyrikers Markas Singeris. Seine Muttersprachen: Litauisch und Jiddisch.
Deutschland und das unabhängige Litauen – Zeitzeuge Singeris erinnert sich
Als Anfang Juni die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung in Vilnius ein neues Büro eröffnet, gehört Singeris zu den Gratulanten. Im Gepäck hat er eine gerahmte Kopie des „Akts der Unabhängigkeitserklärung Litauens“, mit seiner Unterschrift zwischen vielen anderen. Beim Gespräch mit der Frankfurter Rundschau vor der Tür, unweit des prächtig restaurierten Rotušės aikštė, des Rathausplatzes, warnt er in fließendem Deutsch mit Nachdruck vor dem Regime im Kreml.
Vor einiger Zeit habe er einen Brief an Wladimir Putin persönlich geschickt, erzählt Singeris stolz – mit der Aufforderung, den Holocaust nicht länger mit niederträchtigen Vorwürfen an vermeintliche ukrainische „Faschisten“ zu relativieren. Und er erinnert sich lebhaft an seine Erfahrungen mit deutschen Bundesregierungen.
Schon 1990 war Singeris zu Gast beim damaligen Chef des Auswärtigen Ausschusses, dem CDU-Politiker Hans Stercken. „Man hat uns immer wieder gesagt: Gorbatschow war und ist für uns eine gute Sache, aber für euch ist Jelzin der richtige Mann. Lasst uns zuerst die Wiedervereinigung bewerkstelligen und den Warschauer Pakt auflösen – dann helfen wir euch.“ Tatsächlich überrollten noch 1991 Panzer der von Gorbatschow befehligten Sowjetarmee friedliche Demonstranten am Fuße des Fernsehturms von Vilnius und versuchten das verbarrikadierte Parlament anzugreifen. Ein folgendes Unabhängigkeitsreferendum erkannte Gorbatschow nicht an.
Als im August 1991 in Moskau ein Militärputsch gegen den gerade zum Präsidenten der russischen Teilrepublik gewählten Boris Jelzin scheiterte, erkannten schlagartig viele Staaten Litauens Unabhängigkeit an – darunter auch Deutschland. Vorreiter war die Bundesrepublik nicht; den ersten Schritt hat deutlich vorher Island gemacht. „Aber die Nicht-Anerkennungspolitik der Sowjetbesatzung über all die fast 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, offizielle Politik des Auswärtigen Amtes, war ganz wichtig“, erinnert sich Singeris. Das ist die eine Seite.
Mahnung aus Litauen: „Diese ‚Militarisierung‘ Europas muss einen Inhalt haben“
Es gibt eine andere: „Ich gehöre zur zweiten Generation von Holocaust-Überlebenden“, sagt der Politiker, „meine Mutter war im Nazi-KZ in Stutthof. Dort hat sie Bomber der Alliierten über das Lager fliegen sehen“. Singeris erinnert sich an eine ihrer Erzählungen. „‚Ich habe mich im Lager so verlassen gefühlt‘ sagte sie, ‚aber sie haben uns nie geholfen, nie die Zäune des Lagers angegriffen.“ Die Schlussfolgerung seiner Mutter: „Wir sollten niemals verletzliche Gefangene im Stich lassen.“
Er selbst denke bis heute auf Jiddisch.
Singeris betont: Europa müsse einen Kampf gegen den russischen Totalitarismus unter Putin führen. Noch in diesem Jahr hätten die Justiziare des Kreml den Krieg gegen die Ukraine als innerstaatliche Angelegenheit bezeichnet – ein Zeichen eines aus Sowjetzeiten rührenden brutalen Machtanspruchs. Litauen bereitet das große Sorge.
Zur Person: Emanuelis Singeris
Singeris wurde 1957 als Sohn der Holocaust-Überlebenden Polina Tatarskytė-Zingerienė geboren. Sie war ebenso wie ihre Mutter Sarah Gefangene im Konzentrationslager Stutthof, Singeris‘ Großvater und Onkel im KZ Dachau.
Ab 1989 gehörte er zur litauischen Unabhängigkeitsbewegung Sajudis. 1990 wurde er Abgeordneter des „Obersten Rates“, seit 1992 sitzt er im Seimas – lediglich mit einer Unterbrechung in den Jahren 2000 bis 2004. In dieser Zeit war er Direktor des Jüdischen Museums „Vilna Gaon“ in Vilnius. Singeris ist Mitglied der litauischen Christdemokraten und Vize-Chef der Fraktion der Europäischen Volkspartei in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates. Dort amtiert er seit 2023 auch als Berichterstatter zur Situation von Menschenrechtsverteidigern und Whistleblowern im Rechts- und Menschenrechtsausschuss.
Es sei nun enorm wichtig, Putin in allen Teilen Europas etwas entgegenzusetzen, betont Singeris. Er meint damit auch: militärische Aufrüstung. Mit der Hilfe der Bundesrepublik. Aber er hat eine deutliche Mahnung. „Diese ‚Militarisierung‘ Europas muss einen Inhalt haben. Wir hoffen, dass sich Deutschland in einem guten Sinne ‚wiederbewaffnet‘ – mit einem Verständnis für Geschichte und Versöhnung. Mit dem Verständnis, was Holocaust und ein totalitäres Regime bedeuten. Wir müssen eine echte Bürgergesellschaft bauen.“ Dazu gehörten auch „echte europäische Wahlen“ – ohne Einflussnahme aus Diktaturen wie Russland, Belarus, China oder Iran.
„Ich spreche das als Mitglied einer Holocaust-Überlebenden-Familie aus“, betont er. „Gerade hier um die Ecke ist die jüdische Gasse in der Altstadt. Die Deutschen und Ihre Kollaborateure haben 94 Prozent der Jüdinnen und Juden in Litauen umgebracht.“ Er sehe aber den richtigen Geist bei den Bundeswehr-Vertretern, die jetzt auch häufig in Vilnius sind. Die bundesdeutsche Armee errichtet derzeit Basen in wenigen Kilometern Entfernung von der Hauptstadt.
„Wir hoffen, dass die deutschen Kollegen einsatzbereit sind“ – die Bundeswehr in Litauen
„Deutsche Offiziere kommen zu unseren Sitzungen in der jüdischen Gemeinde, in das Toleranzhaus, in das jüdische Museum, das ich mitaufgebaut habe“, berichtet Singeris. Und es gebe eben auch ein „Gefühl der Nähe nach 700 Jahren deutscher Nachbarschaft“ – die Nazi-Zeit ausgenommen. Das erste litauischsprachige Buch sei 1547 deutschen Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, gedruckt worden. Seine Vorfahren seien Uhrmacher-Meister gewesen: „Mein Großvater hat gesagt, das jüdische Zeitverständnis ist noch korrekter als das deutsche.“ Mit den deutschen Uhrmachern seien sie im fruchtbaren Wettstreit gestanden – als Teil „dieser präzisen Welt eines tüchtigen, pflichtbewussten Vorkriegs-Europa“.
Singeris‘ Mutter starb 2002 im Alter von 100 Jahren, nach 45 Jahren Arbeit als Hebamme. In einem Podcast des litauischen Mediums Politika erzählte Singeris, sie habe jedes von Tausenden neugeborenen Kind mit denselben Worten begrüßt: „Hier ist meine Antwort an Adolf Hitler. Die Antwort heißt Leben.“ Die Pläne für die Stationierung der Bundeswehr habe sie noch miterlebt.
„Wir müssen Europa stärken, ohne militaristischen, hasserfüllten, radikalen Wortschatz – aber dann auch bereit sein, für dieses Europa zu kämpfen, auch das Feuer auf totalitäre Invasoren zu eröffnen“, fordert Singeris. „Das klingt nach dem Zweiten Weltkrieg schrecklich, aber wir müssen bereit sein, uns zu verteidigen – und der Ukraine zu helfen.“
Nach der Invasion in die Ukraine könne bald Litauen auf Russlands Liste stehen, warnt er; die 700 Kilometer lange Grenze zu Belarus mit seinem totalitären Machthaber und Putin-Verbündeten Alexander Lukaschenko ist keine 50 Kilometer von Vilnius entfernt. „Wir hoffen, dass die deutsche Brigade bald einsatzbereit ist, zusammen mit den litauischen, lettischen, estnischen, polnischen, finnischen Truppen“: Freiheit müsse verteidigt werden. „Meine Mutti, eine ehemalige Ghetto- und KZ-Gefangene, würde es so sagen.“
Deutschland wegen Russland wieder in Führungsrolle? „Reifes, demokratisches Verständnis!“
Eine andere Frage für Litauen und die Bundeswehr ist natürlich die militärische Dimension. Am Rande der Veranstaltung in Vilnius äußerten sich aber auch Fachleute optimistisch. Die deutsche Präsenz sei durchaus wichtig, sagte die finnische Verteidigungsexpertin Minna Ålander unserer Redaktion. „Sie ist vielleicht erstmal ein politisches Zeichen. Aber das sollte man nicht unterschätzen“ – Abschreckung sei schließlich vor allem ein psychologischer Effekt. „Alles, was man tun kann, um in Russland Unsicherheit über die mögliche westliche Reaktion zu schaffen, ist gut.“
Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken
Jonas Öhman, schwedisch-litauischer Gründer der Hilfsorganisation blue/yellow, schilderte ebenfalls einen positiven Eindruck von den Bundeswehr-Vertretern. „Die Angehörigen der Brigade, die ich getroffen habe, sind sehr seriöse, ernsthafte Soldaten.“ Es gebe in Deutschland den Anspruch, eine „moderne, zeitgemäße, effiziente Armee“ aufzubauen, sagte der Helfer, der in regelmäßigem Kontakt mit Fronteinheiten der Ukraine steht. Es sei nur vernünftig, wenn Deutschland 80 Jahre nach dem Krieg wieder eine Führungsrolle übernehme. Deutsche Ängste vor dieser Rolle, etwa auch beim Thema Taurus, verstehe er nicht, sagte Öhman.
Die letzte Frage an Emmanuelis Singeris: Wie also fühlt es sich an, 80 Jahre nach der Niederlage des Nazi-Regimes wieder deutsche Soldaten im Land zu haben? „Das ist ein Wunder für uns, die Gegenwart der Deutschen“, sagt Singeris. Eines sei aber nie zu vergessen: „In unserem wiederbewaffneten Europa müssen wir weiter unsere demokratische Welt gegen totalitäre Invasoren verteidigen. Wir sollten zur Freiheit bereit sein und dabei jedes Individuum in unserer Gesellschaft respektieren.“ Distanz zu allem Hass – und ein reifes, demokratisches Verständnis, ohne sowjetisches Hurra oder Nazi-Anklänge – „das muss die Lebensweise bleiben“. (Florian Naumann)