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Frankfurter-Rundschau-Interview

„Gefoltert und missbraucht“: Iran-Oppositionelle schildert Schreckliches – und fordert neue Trump-Schläge

Die iranische Oppositionelle Behzadi sieht die Völkerrechtsdebatte zum Iran-Krieg kritisch. Sie hofft auf die Hilfe der EU. Ein Interview.

Der Iran dominiert die Nachrichten. Im Fokus steht der Konflikt des iranischen Regimes und des US-Präsidenten Donald Trump. Ein Akteur kommt im Westen selten zu Wort: die iranische Opposition. Die Oppositionelle Sanaz Behzadi erklärt im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media, warum sie die israelisch-amerikanischen Angriffe nicht als Krieg versteht. Die in der südwestlichen Provinz Chuzestan geborene Iranerin kritisiert den Streit um die völkerrechtliche Bedeutung der Schläge – und sagt, welche Hilfe die EU leisten könnte. Behzadi lebt in Bremen und arbeitet als Analystin für iranische Angelegenheiten.

Verschiedene Bündnisse und Organisationen protestieren auf dem Goetheplatz in Frankfurt gegen das Regime im Iran.
Frau Behzadi, Unterstützen Sie den israelisch-amerikanischen Angriffskrieg gegen den Iran?
Wir sehen dies nicht als Krieg. Wir sehen es als Rettungsmission – eine Rettung aus einem Krieg, den wir seit 47 Jahren in unserem Land führen. Eine Rettung vor dem islamistischen Regime, das den Staat besetzt hält, alle nationalen Institutionen unter seine Kontrolle gebracht hat und die finanziellen, natürlichen und menschlichen Ressourcen des Landes nutzt, um seine terroristischen Stellvertreter wie Hamas und Hisbollah zu unterstützen und seine Ziele in der Region und darüber hinaus zu verfolgen. Nein, wir sehen dies nicht als Krieg – geschweige denn als Angriffskrieg. Und er richtet sich nicht gegen den Iran. Er richtet sich gegen das islamische Regime, das weder der Iran noch seine Vertreter sind. Dieses Regime hat in nur zwei Tagen zehntausende Demonstranten getötet. Wenn die Frage also lautet, ob ich Maßnahmen gegen ein solches Regime und seine Stellvertreterstrukturen unterstütze, lautet die Antwort: Ja. Denn es geht darum, ein System zu beenden, das eine ganze Nation jahrzehntelang als Geisel gehalten und gleichzeitig andere in der Region bedroht hat.

Iran-Krieg: Oppositionelle kritisiert Völkerrechtsdebatte

Im Westen, auch in Deutschland, argumentiert eine Mehrheit der Politiker und Experten, der Angriff auf den Iran sei nicht völkerrechtlich gedeckt. Andere meinen, das Völkerrecht könne keine Regierung schützen, die ihre Bürger unterdrückt und hinrichtet. Wie sehen Sie das?
Das Völkerrecht sollte nicht dazu missbraucht werden, ein Regime zu schützen, das sein eigenes Volk tötet und unterdrückt. Im Iran haben wir keine Regierung, die den Willen des Volkes widerspiegelt. Es ist kein Nationalstaat. Gleichzeitig sind viele der Politiker, die dieses Argument vorbringen, mit Lobbynetzwerken verbunden, die dem islamischen Regime nahestehen. Daher beschränkt sich ihre Position oft darauf, jegliche Aktionen gegen das Regime zu verurteilen. Für mich ist diese Debatte daher nicht nur juristisch, sondern auch politisch motiviert und wendet das Völkerrecht selektiv an.
Wie geht es der iranischen Zivilbevölkerung momentan? Was hören Sie über die jüngsten Hinrichtungen im Iran?
Nach den Protesten am 8. und 9. Januar, als Millionen Iraner dem Aufruf von Prinz Reza Pahlavi folgten, wurden allein an diesen zwei Tagen über 40.000 Menschen getötet. Viele weitere wurden verhaftet, verschwanden oder wurden später hingerichtet. Die Hinrichtungen dauern täglich an, und ich möchte einige der unschuldigen Menschen nennen, die sich derzeit im Todestrakt befinden: Artin Salari, Mohammad Abbasi, Babak Kharbou, Erfan Nabian, Naser Bekrzadeh und viele andere. Ich appelliere an alle, die etwas tun können, sich für diese unschuldigen Iraner einzusetzen, die mittellos auf der Suche nach Freiheit waren und nichts falsch gemacht haben. Selbst diejenigen, die versuchten, verletzten Demonstranten zu helfen – wie Ärzte und Krankenschwestern – wurden verhaftet, gefoltert und in vielen Fällen hingerichtet.

Israel und USA attackieren Mullah-Regime – Bilder aus dem Iran-Krieg

Rauchsäule in teheran
Der Iran-Krieg beginnt am 28. Februar 2026 mit Angriffen aus Israel und den USA auf Teheran. Noch am ersten Tag wird auch Irans oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei getötet. Seit dem Angriff hat sich der Konflikt auf die gesamte Golfregion ausgeweitet. © AFP
Iran-Krieg - Iran
Immer wieder schlagen Raketen in der iranischen Hauptstadt Teheran und der Umgebung ein. Die Menschen vor Ort berichten von zitternden Fenstern, in sozialen Medien kursieren Bilder von Rauchschwaden. In Teheran leben rund 15 Millionen Menschen.  © Vahid Salemi/dpa
Angriff auf den Iran - Iran
Präzisionsschläge auf relevante militärische Ziele – erstmals auch mit Drohnen, die von den Shaheds kopiert worden sind: „LUCAS kostet etwa 35.000 US-Dollar pro Plattform und ist ein kostengünstiges, skalierbares System, das modernste Fähigkeiten zu einem Bruchteil der Kosten herkömmlicher US-Langstreckensysteme mit vergleichbarer Wirkung bietet“, sagt der Marineoffizier Tim Hawkins gegenüber dem Magazin The War Zone (TWZ). US-Präsident Trump hat sich für den Angriff gegen den Iran vermutlich von den Waffen seines Gegners inspirieren lassen: Erstmals haben die USA Kamikaze-Drohnen eingesetzt, veröffentlicht das „US Central Command“ (CENTCOM).  © dpa
Angriff auf den Iran - U.S. Navy
Die Angriffe gehen ohne Unterlass weiter. Dieses Standbild aus einem vom U.S. Central Command zur Verfügung gestellten Video zeigt den Start einer Rakete von einem Schiff der U.S. Navy zur Unterstützung der Operation „Epic Fury“. © dpa
Raketenabwehrsystem Iron Dome
Der Iran antwortet mit Gegenangriffen auf Israel. Das israelische Raketenabwehrsystem Iron Dome fängt zahlreiche Geschosse ab. Über Tel Aviv kommt es zu entsprechenden Explosionen. © Jack Guez/AFP
Angriff auf den Iran - Israel
Auch am Tag feuert das israelische Luftabwehrsystem, um Raketen während eines iranischen Angriffs abzufangen. © Ohad Zwigenberg/dpa
Angriff auf den Iran - Tel Aviv
Dennoch kommt Israel nicht ungeschoren davon. Hier verbinden Rettungskräfte einen verwundeten Mann und leisten erste Hilfe am Ort eines direkten Einschlags einer iranischen Rakete in Tel Aviv. © Tomer Neuberg/dpa
Angriff auf den Iran - Tel Aviv
An einer anderen Stelle in Tel Aviv ist ein Feuerwehrmann dabei, ein brennendes Auto zu löschen. © Tomer Neuberg/dpa
USA Iran
Dieses offizielle Foto des Weißen Hauses, veröffentlicht am 28. Februar 2026 auf dem Account „White House X“, zeigt US-Vizepräsident JD Vance (Mitte), die Direktorin des Nationalen Nachrichtendienstes, Tulsi Gabbard (zweite von links), und US-Finanzminister Scott Bessent (rechts) im Lagezentrum in Washington, D.C. © AFP
Trump Iran
Ein weiteres offizielles Foto des Weißen Hauses zeigt Donald Trump im Gespräch mit Stabschefin Susie Wiles (rechts), während US-Außenminister Marco Rubio (Mitte) die Aktivitäten der „Operation Epic Fury“ gegen den Iran von einem nicht genannten Ort aus überwacht. „Chamenei, einer der bösartigsten Menschen der Geschichte, ist tot“, schrieb Trump später auf „Truth Social“. © AFP
Angriff auf den Iran - Israel
Was ist das Ziel der Operation Epic Fury (Einsatz Gewaltiger Zorn)? US-Präsident Trump begründet die Luftangriffe mit dem iranischen Atom- und Raketenprogramm und mit der iranischen Unterstützung für bewaffnete Milizen, wie etwa die Hisbollah im Libanon. Durch beides sieht Israel seine Existenz bedroht. Daneben will Trump aber auch die USA vor „direkten Bedrohungen“ durch den Iran schützen. © Leo Correa/dpa
Un-Sicherheitsrat
Der US-Angriff ruft die Vereinten Nationen auf den Plan: Der Sicherheitsrat ist zu einer Notfall-Sitzung zusammengekommen. UN-Generalsekretär António Guterres warnte die Botschafter, die Aktion berge die Gefahr, „eine Kette von Ereignissen auszulösen, die in der instabilsten Region der Welt niemand mehr kontrollieren kann“, wie die UN berichten. Israels Botschafter Danny Danon hatte die Angriffe als gerechtfertigt dargestellt und als einen notwendigen Akt, um eine existenzielle Bedrohung abzuwehren. © Spencer Platt/AFP
Minab-Mädchenschule
Das UN-Menschenrechtsbüro hat nach den Berichten über einen Angriff auf eine Mädchenschule im Iran mit fast 200 Toten eine umfassende Untersuchung verlangt. Nach Angaben einer Sprecherin könne es sich um ein Kriegsverbrechen handeln. Bei dem Angriff in Minab im Süden des Landes waren nach iranischen Angaben mindestens 168 Schülerinnen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren, 26 Lehrerinnen sowie vier Eltern ums Leben gekommen. Vertreter des israelischen Militärs hatten gesagt, ihnen seien keine Angriffe zu dem Zeitpunkt in der Region bekannt.  © Ali Najafi/AFP
Proteste in London
Weltweit gehen noch am ersten Abend des Iran-Kriegs Exil-Iranerinnen und -Iraner auf die Straßen und feiern den Tod von Ajatollah Chamenei. Dieses Bild zeigt eine Demonstration vor der iranischen botschaft in London. © Vuk Valcic/Imago
Angriff auf den Iran - Berlin
Auch auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor in Berlin gehen die Menschen spontan auf die Straße. © Christophe Gateau/dpa
Demo in der Türkei
Anders sieht es in der Türkei aus: Vor dem israelischen Konsulat in Istanbul machen Demonstranten Donald Trump und Israel für die Eskalation verantwortlich. Sie protestierten gegen den Angriff auf den Iran und die Tötung von Ajatollah Chamenei, indem sie eine US-Flagge verbrennen. © Ozan Kose/AFP
Angriff auf den Iran - Indien
578889050.jpg © Mukhtar Khan/dpa
Angriff auf den Iran - Dubai
Der Iran-Krieg zieht auch die arabischen Länder mit in den Konflikt hinein. Mit Hunderten Raketen und Drohnen greift der Iran seit Ende Februar unter anderem Kuwait, Katar, Bahrain, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate an. Hier steigt Rauch nach einem iranischen Drohnenangriff im Hafengebiet von Dubai auf. © Fatima Shbair/dpa
Angriff auf den Iran – Katar
Folgen der Rache des Iran: Die USA betreiben in al-Udeid eine Militärbasis. Die liegt im Fokus des Iran – allerdings befindet sich rund 30 Kilometer entfernt die Stadt Doha; und die wird kaum durch die Luftabwehr der US-Basis abgedeckt.  © dpa
Iran-Krieg - reaktionen
US-amerikanisch-israelische Luftschläge – Schockwellen in der gesamten Welt: Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet hätten Demonstranten im pakistanischen Karatschi vor dem Konsulat „Tod Amerika! Tod Israel!“ skandiert; Reuters-Reporter hätten Schüsse gehört und in den umliegenden Straßen Tränengas wahrgenommen. Die Nachrichtenagentur spricht von mindestens 23 getöteten Demonstranten; davon zehn im Hafen von Karatschi, wo Sicherheitskräfte des US-Konsulats gefeuert hätten auf Demonstrierende nach deren Durchbruch durch die äußere Mauer. Elf Menschen seien demnach in der nördlichen Stadt Skardu ums Leben gekommen – die Menge soll ein UN-Büro in Brand gesetzt haben; zwei Tote verzeichnet Reuters in Pakistans Hauptstadt Islamabad. © Imago
Weitere Bilder der Straßenschlachten, die sich in Teilen Pakistans nach dem US-Angriff auf den Iran ereigneten.
Explosionen im Iran, Beben in Pakistan: „Pakistans Westgrenzen befinden sich im Kriegszustand“, sagt Muzzammil Aslam gegenüber Arab News. Der Finanzminister der nordwestlichen Provinz Khyber Pakhtunkhwa an der Grenze zu Afghanistan fürchtet wirtschaftliche Verwerfungen, sollte der Iran seine Rachegelüste gegenüber dem Westen ausleben und damit den gesamten Nahen Osten in den Abgrund reißen. Die Wirtschaftskraft des Landes hängt an den Arbeitern in den Golfstaaten, die im Visier des Iran liegen und Anschläge auf ihre Energieindustrie befürchten müssen.  © dpa
Angriff auf den Iran - Irak
578899115.jpg © Hadi Mizban/dpa
Beirut
Der Iran-Krieg führt auch zu einer neuen Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah. Die Schiiten-Miliz feuert als Reaktion auf die Tötung von Ajatollah Ali Chamenei Raketen in Richtung Israel ab. Daraufhin greift das israelische Militär zahlreiche Ziele im Libanon an, vor allem im Süden des Landes und in den Vororten der Hauptstadt Beirut (im Bild). Diese Gebiete gehören zum Einflussgebiet der Hisbollah. © AFP
Angriff gegen den Iran - Luftverkehr
Der Iran-Krieg legt zu Beginn auch den Flugverkehr teilweise lahm. Hier prüft ein Reisender die Abflugzeiten am internationalen Flughafen Beirut Rafik Hariri, da viele Fluggesellschaften nach den Angriffen auf den Iran ihre Flüge gestrichen haben.  © Hassan Ammar/dpa
Stra0ße von Hormus
Dieses Satellitenbild, aufgenommen von 2026 Planet Labs PBC am 2. März 2026, zeigt Rauchwolken, die nach einer Explosion im Hafen von Bandar Abbas an der Straße von Hormus von einem Schiff aufsteigen. Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus, durch die ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggashandels läuft, ist weitgehend zum Erliegen gekommen.  © 2026 Planet Labs PBC/AFP
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Zwei Krankenschwestern in Teheran wurden verhaftet, schwer gefoltert und sexuell missbraucht – nur weil sie Demonstranten behandelten. In einem anderen Fall wurde die Krankenschwester Saleheh Akbari sogar nach ihrem Tod misshandelt. Sicherheitskräfte entsperrten ihr Handy mit ihrem Fingerabdruck und schickten Fotos an ihren Mann, der daraufhin Selbstmord beging. Das ist die Realität im Iran. In dieser Situation verschlimmert jede Vereinbarung mit dem Regime oder jede Lockerung des Drucks die Lage der Bevölkerung. Menschenrechtsorganisationen dokumentierten mindestens 400 Hinrichtungen zwischen Januar und Ende März. Doch das ist nichts Neues – die Islamische Republik hat seit Langem eine der höchsten Hinrichtungsraten weltweit. Hinzu kommt das stille Töten, verursacht durch schlechte Regierungsführung, Armut, Umweltverschmutzung und vermeidbare Krisen. So blockierte das Regime beispielsweise während der Corona-Pandemie die Einfuhr von Impfstoffen, was viele Menschenleben kostete.

Iran-Regime geschwächt, aber nicht zwingend im Niedergang

Sehen Sie das Regime als geschwächt?
Ja, das Regime ist sicherlich geschwächt – insbesondere nach der Ermordung wichtiger Führungsfiguren, Angriffen auf seine militärischen Einrichtungen, dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und der Schwächung seiner regionalen Verbündeten wie Hamas und Hisbollah.
Könnte das Regime im Iran-Krieg fallen?
Das bedeutet nicht, dass es im Niedergang begriffen ist. Wir beobachten tatsächlich einen Wandel: Radikalere Differenzierungen, insbesondere innerhalb der Revolutionsgarden, ersetzen frühere Akteure. Und diese Akteure sind oft extremistischer. Das Regime besteht nun aus den Revolutionsgarden und ihrem Wirtschaftsnetzwerk und setzt weiterhin auf Repressionen im Inland: Hinrichtungen, interne Gewalt und externe Aggression nehmen oft zu, weil das System paranoider und gewaltbereiter wird. Daher sollten die Angriffe präziser und gezielter gegen die radikalsten Elemente gerichtet sein, um das Regime vollständig zu zerschlagen. Solange es das Revolutionsgarden-Mitglied Ghalibaf gibt, sollte das Ziel nirgendwo anders liegen. Oder Pezeshkian. Jeder von ihnen kann noch schlimmer als Khamenei agieren.
Iran-Krieg: Die iranische Oppositionelle Sanaz Behzadi lebt in Bremen.
Das Regime hat die Straße von Hormus als neues Machtinstrument entdeckt. Dieses Instrument stärkt die iranische Führung wirtschaftlich und politisch. Oder sehen Sie das anders?
Die Revolutionsgarden wissen, dass die Straße von Hormus Irans wichtigstes Druckmittel gegenüber den Vereinigten Staaten ist. Doch auch wichtige Abnehmer iranischen Öls, wie China und Indien, sind mit dieser Situation unzufrieden. Daher ist dieses Druckmittel begrenzt und wahrscheinlich nur vorübergehend. Europas Versäumnis, sich mit den USA und Israel zu verbünden, um mehr Druck auf das Regime auszuüben, hilft den Revolutionsgarden, die Straße von Hormus zu blockieren.

Iran-Krieg: Wie Trump und die EU die Zivilbevölkerung unterstützen könnten

Gibt es Risse im Regime? Gibt es Kräfte innerhalb des Regimes, die einen Regimewechsel befürworten?
Ja, und diese Spaltungen sind bereits sichtbar und vertiefen sich. Mit Khameneis Tod ist die Führung weiter zersplittert, da er die zentrale Figur war, die verschiedene Fraktionen und korrupte Netzwerke zusammenhielt. Nun verschärfen sich die Machtkämpfe zwischen diesen Gruppen im Wettstreit um die Kontrolle. Dies schwächt die Mitte und verringert die Fähigkeit des Regimes, geeint zu bleiben und die Kontrolle zu behalten.
Was ist für einen Regimewechsel notwendig?
Erstens ist die Islamische Republik nicht nur ein einzelner Führer, sondern ein komplexes System aus Revolutionsgarden, Sicherheitsinstitutionen und angeschlossenen Netzwerken. Die Entfernung oder Ersetzung einer einzelnen Person schwächt das System, ändert aber nicht seine Struktur. Jegliche externe Unterstützung darf, um wirksam zu sein, nicht einseitig sein – sie muss umfassend sein und auf die Zerschlagung des gesamten Systems abzielen. Zweitens besteht ein Legitimationsverlust. Die Islamische Republik wird international nicht mehr als unbestrittener Vertreter des iranischen Volkes wahrgenommen, und diese Kluft ist grundlegend für jeden künftigen Übergang. Drittens geht es um die Führung und Koordinierung der Opposition. Prinz Reza Pahlavi hat am 26. Januar gezeigt, dass eine koordinierte landesweite Mobilisierung möglich ist. Dies ist keine symbolische Geste, sondern eine operative Fähigkeit.
Wie sollte der Westen die iranische Opposition unterstützen?
Ein entscheidender Schritt ist die Bereitstellung von Satelliteninternet. Seit über zwei Monaten haben viele Menschen keinen oder nur sehr eingeschränkten Internetzugang. Zahlreiche Online-Jobs sind weggebrochen, und wir haben keine Nachrichten von unseren Familien und Freunden im Land. Internetzugang wäre eine große Hilfe.
Welche Hilfe braucht es noch?
Gleichzeitig müssen Menschenrechtsverletzungen systematisch dokumentiert werden, um die Verantwortlichen künftig zur Rechenschaft ziehen zu können. Rechtliche Mechanismen, wie das Prinzip der Weltgerichtsbarkeit, sollten genutzt werden, um die Täter schwerer Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Jedes Abkommen mit dem Regime muss echte, durchsetzbare Garantien für ein Ende der internen Repressionen enthalten – andernfalls wird es solche Abkommen lediglich zur Festigung seiner Macht nutzen. Darüber hinaus dürfen diplomatische Kanäle nicht für Lobbyarbeit zugunsten des Regimes missbraucht werden, und jegliche diesbezügliche Aktivität der Botschaften sollte eingestellt werden. Parallel dazu sollten westliche Regierungen mit der iranischen Zivilgesellschaft und Oppositionsgruppen zusammenarbeiten, die sich für einen gewaltfreien Wandel und einen demokratischen Übergang einsetzen. Letztendlich ist Führung in einer Übergangsphase unerlässlich. Prinz Reza Pahlavi gilt Millionen Iranern als zentrale Koordinierungsstelle, und seine Unterstützung reicht über die Monarchisten hinaus – auch Republikaner sehen in ihm derzeit eine einigende Figur. Daher appelliere ich an die europäischen Länder, darunter Deutschland, seine Führungsrolle offiziell anzuerkennen. (Interview: Jan-Frederik Wendt)

Rubriklistenbild: © Boris Roessler/dpa/privat

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