Megadeal in der Fleischbranche geplatzt
Tönnies-Übernahme gestoppt: Kartellamt zieht die Reißleine in Waldkraiburg
Ein Megadeal im Fleischgeschäft ist geplatzt: Die Übernahme des Vion-Schlachthofs in Waldkraiburg durch die Premium Food Group schien beschlossene Sache – doch nun grätscht das Bundeskartellamt dazwischen.
Waldkraiburg/Bonn/Boxtel/München – Die Übernahme des Vion Schlachthofs in Waldkraiburg schien bereits in trockenen Tüchern zu sein: Im Herbst letzten Jahres bekundete die frühere Unternehmensgruppe Tönnies, inzwischen Premium Food Group, ihr Interesse. Der Konzern wollte damit seine „Beef-Kompetenzen in Süddeutschland” erweitern, wie Unternehmenssprecher Fabian Reinkemeier erklärte. Doch das Vorhaben ist vorerst gescheitert.
In den vergangenen Monaten hat das Bundeskartellamt die Übernahmepläne nach Wettbewerbsgesichtspunkten geprüft. Tierschützer hatten bei der Behörde zudem eine Beschwerde gegen die geplante Fusion eingereicht. Nun ist die Entscheidung gefallen: Das Bundeskartellamt hat Tönnies untersagt, mehrere Standorte des Konkurrenten Vion zu übernehmen, darunter neben den Schlachthöfen in Buchloe und Crailsheim auch in Waldkraiburg.
Marktanteile von mehr als 40 Prozent durch Unternehmensfusion
„Die Übernahme der Vion-Standorte hätte die Marktposition von Tönnies zum Nachteil der Landwirtinnen und Landwirte und der verbleibenden kleineren Wettbewerber in den betroffenen Regionen bedenklich verstärkt”, begründete Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, die Entscheidung. Neben der Schweineverarbeitung hätte die Unternehmensgruppe so auch in der Rinderschlachtung eine Führungsposition erlangt. „Nachteile wären auch bundesweit für Abnehmer von Schlachtprodukten entstanden.”
Bei einer Übernahme des Vion-Standorts in Waldkraiburg würde Tönnies im Einzugsgebiet des Schlachthofs Marktanteile von deutlich über 40 Prozent erreichen – mit weitem Abstand zu den verbleibenden, deutlich kleineren Wettbewerbern, heißt es in der Pressemitteilung der Behörde.
Ehemaliger Tönnies-Konzern reagiert enttäuscht
In den Augen des Verbandsverwalters Josef Frank des Zuchtverbands Mühldorf hätte man dazu schon vor Jahren ansetzen müssen: „Man hätte nicht die ganzen kleinen Metzger kaputt machen und immer wieder die Auflagen verschärfen sollen – dann wären am Schluss nicht nur ‚zwei Große’ übrig”, kritisiert er. Für ihn stellt sich die Frage, wer den Standort sonst übernehmen könnte, welches Unternehmen überhaupt die finanziellen Möglichkeiten habe. „Da gibt es nicht viele Optionen und Tönnies ist ein gesundes Unternehmen, die werden das sicher gut machen.”
Die Premium Food Group selbst reagierte enttäuscht auf das Urteil. „Diese Entscheidung ist ein harter Schlag für die Landwirtinnen und Landwirte in Süddeutschland, die seit Monaten auf eine klare Zukunftsentscheidung gehofft haben”, heißt es in einer Stellungnahme.
Tagesgeschäft in Waldkraiburg wird vorerst fortgeführt
Bei Vion nimmt man den negativen Bescheid zum geplanten Share Deal zur Kenntnis und respektiert das Ergebnis, heißt es seitens des Unternehmens. Auswirkungen auf Vions Tagesgeschäft in Waldkraiburg und an den anderen Standorten habe die Entscheidung zunächst nicht. Die Schlachthöfe würden Kunden und Partnern aus der Landwirtschaft weiterhin engagiert zur Seite stehen.
„Ich bin sehr stolz darauf, wie das Team in Deutschland im letzten Jahr während der Vorbereitung der Veräußerung gearbeitet hat. Auch wenn das Ergebnis anders ausgefallen ist als geplant, bin ich voll und ganz davon überzeugt, dass wir unsere Märkte bedienen können, während wir die Bewertung des Bundeskartellamts analysieren und die besten nächsten Schritte festlegen“, sagt Tjarda Klimp, CEO der Vion Food Group.
Bayern wichtiger Player bei der Rinderschlachtung
Ernüchtert zeigt sich auch Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU). „Unsere Bayerischen und Süddeutschen Rinderbetriebe stehen mit der heutigen Entscheidung des Bundeskartellamts erneut vor der Frage, wo werden in Zukunft die Tiere abgenommen”, sagt sie in einer offiziellen Stellungnahme. Dabei wolle man kurze Transportwege, eine sichere Ernährungsversorgung und die Wertschöpfung möglichst im eigenen Land behalten. „Und anstatt, dass wir froh sind, dass ein deutsches Unternehmen Schlachthöfe übernimmt und massiv in die Zukunft investiert, schiebt das Kartellamt den Riegel vor. Dieser Schritt ist für mich absolut nicht nachvollziehbar.“
Laut Angaben des Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft werden in Bayern jährlich circa 800.000 Rinder geschlachtet – etwa ein Viertel der Schlachtungen in ganz Deutschland. In Waldkraiburg schlachten knapp 400 Mitarbeiter bis zu 5000 Rinder jede Woche. Vion bezeichnet den Standort, der mit moderner Technik und KI ausgestattet ist, als größten Rinderschlachthof Europas.
Tierschützer freuen sich über Entscheidung
Freude herrscht dagegen bei den Tierschützern des Bündnisses „Gemeinsam gegen die Tierindustrie”. Mit rund 170 Aktivisten hatten sie Ende März in Waldkraiburg gegen die Übernahmepläne demonstriert. „Wir feiern das als Erfolg und freuen uns über die Entscheidung, weil sie die richtige ist”, sagt Bündnis-Sprecherin Annika Mayer gegenüber den OVB Heimatzeitungen. Die Marktmacht von Tönnies zu begrenzen, sei ein Schritt gegen die Ausbeutung von Tieren und Mitarbeitern sowie die Zerstörung der Umwelt.
Auch Zuchtverbands-Verwalter Frank hofft, dass die Entscheidung vielleicht den Blick stärker auf den Mittelstand richtet. „Man sollte schauen, ob kleine Zuchtbetriebe auch eine Zukunft haben und ihnen eine Chance geben”, sagt er.
Noch ist der Beschluss des Bundeskartellamts nicht rechtskräftig, gegen ihn kann Beschwerde eingelegt werden.


