Aus Trümmern aufgebaut
75 Jahre Waldkraiburg - 75 Jahre Wirtschaftskraft: Die nächste Herausforderung wartet schon
Waldkraiburg feiert 75 Jahre Erfolg als Wirtschaftsstandort. Vom Wiederaufbau auf den Ruinen der DSC bis zur modernen Industrieregion. Was den Standort stark macht, wo die Grenzen liegen und wie sich die Stadt jetzt neu erfinden muss.
Waldkraiburg – 75 Jahre Waldkraiburg, das sind alles in allem auch 75 Jahre Erfolgsgeschichte als Wirtschaftsstandort. Auf den Trümmern der Deutschen Sprengchemie (DSC) bauten die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg einen blühenden Wirtschaftsstandort auf.
„Insgesamt sind wir sehr gut aufgestellt“, sagt Carsten Schwunck, Wirtschaftsförderer der Stadt Waldkraiburg, mit Blick auf die Vielfalt der Unternehmen, ihrer Produkte und Märkte. Aktuell seien 1757 Firmen gemeldet; knapp ein Drittel (515) im Handel und die Industrieunternehmen hätten ihre Standorte in Waldkraiburg „ausgebaut und modernisiert“. Daher ist er zuversichtlich, dass die Unternehmen die aktuelle „Delle“ gut überstehen werden.
Auch die Nähe zur A 94, die Vielzahl an sich ergänzenden Unternehmen, die nahen Hochschulstandorte sowie das Arbeitskräftepotential vor Ort sprechen für Waldkraiburg, erklärt Schwunck. „Alles, was gefordert wird, wohnt und lebt hier“: vom Ingenieur über den Facharbeiter bis zum Hilfsarbeiter.
„Viele Unternehmen sind mit Waldkraiburg verwurzelt“, unterstreicht Markus Kep die enge Verzahnung zwischen Wirtschaft und Stadt. Er ist Vorsitzender der Industriegemeinschaft Waldkraiburg und Aschau (IGW), deren Vorläufer bereits am 17. Januar 1947 gegründet wurde.
Chemie zwischen Stadt und Unternehmen stimmt in vielen Fällen
Wirtschaft und Waldkraiburg gehören bis heute zusammen. „Die Zusammenarbeit zwischen den Betrieben und der Stadt funktioniert in vielen Fälle bereits ausgezeichnet“, sagt Industrie-Sprecher Kep. Waldkraiburg fördere die Wirtschaft, umgekehrt blicken die Unternehmen nicht nur auf ihr Wohl. „Wir schauen alle, dass es passt.“ Trotzdem möchte der Industrie-Sprecher den Austausch mit der Stadt sowie mit Aschau noch weiter vertiefen.
So positiv unterm Strich die Gegenwart ist, der Blick in die Zukunft zeigt – zumindest kurz- und mittelfristig – Grenzen des Wachstums auf: im Industriegebiet fehlen Flächen für Erweiterungen und neue Unternehmen, in der Innenstadt macht der Einzelhandel Sorgen, setzt die Kaufkraft Grenzen.
Grenze des (Flächen-)Wachstums ist erreicht
„Wir können keine Flächen mehr zur Verfügung stellen“, erklärt Schwunck mit Blick auf das Industriegebiet. „Das ist ein großes Problem“ – und führte schon zu einem ersten schweren Verlust: Atoma Multipond, ein Unternehmen aus Waldkraiburgs erster Stunde, möchte sich erweitern – und geht deshalb nach Ampfing. An der Geburtsstätte war das einfach nicht mehr möglich.
Die Antwort von Schwunck: neu denken. „Wir werden mit der Industrie überlegen müssen, wie wir die vorhandenen Flächen besser nutzen. Das wird die Herausforderung sein.“ Das könne bedeuten, Flächen neu und anders zu nutzen, neu und anders zu überbauen oder vielleicht auch schlicht noch höher zu bauen.
Einen weiteren Weg zeigt der IGW-Vorsitzende Kep auf: über die Gemeindegrenzen hinweg denken, sich mehr als Wirtschaftsraum verstehen. Die IGW stehe heute schon für den Wirtschaftsraum Waldkraiburg-Aschau, öffne sich noch weiter, habe auch schon Unternehmen aus Ampfing in ihren Reihen.
Schwache Kaufkraft – Problemzone Einzelhandel
Zweite Problemzone Waldkraiburgs: der Einzelhandel. „Da sind wir schlechter aufgestellt als andere“, gibt Schwunck zu. Die Kaufkraft sei einfach zu schwach. Hinzu kommen Leerstände und viele kleinteilige Ladenflächen mit unterschiedlichen Eigentümern, während Anbieter aber größere Flächen suchen.
Hier könne die Stadt nur wenig machen, erklärt Schwunck, zumal Waldkraiburg keine Wirtschaftsförderungsgesellschaft hat, die selber Flächen aufkaufen oder anmieten und dann anbieten kann. So bleiben der Stadt nur Appelle an die Eigentümer und die Möglichkeiten der Bauleitplanung. Über diesen Weg möchte Schwunck das Erscheinungsbild der Stadt positiv verändern, die Läden mehr und mehr in der Stadtmitte konzentrieren, eine Einkaufszone ohne Leerstände schaffen. „Das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen passieren kann und auch nicht wird. Aber das ist die Zielrichtung.“
Beim Lebensmittelhandel sei Waldkraiburg dagegen gut aufgestellt, sagt Schwunck. Der bringe Menschen aus dem Umland in die Stadt „Da sind wir überproportional gut aufgestellt, alles andere ist halt ein bisschen schwierig.“
Die nächsten 25 Jahre?
Trotz aller Probleme der Gegenwart: Industrie-Sprecher Kep und Wirtschaftsförderer Schwunck blicken mit Zuversicht auf die nächsten 25 Jahre.
Der Standort werde sich „mit Sicherheit“ verändern, meint Kep. „Derjenige, der sich nicht verändert, der bleibt auf der Strecke.“ Aber die Summe der Faktoren – innovative und flexible Unternehmen, die Lage Waldkraiburgs, die Arbeitskräfte – „das bildet weiterhin eine gute Basis“.
Gute Basis, aber weiter aktiv sein
„Wir haben eine sehr gute Ausgangslage, dürfen uns darauf aber nicht ausruhen“, sagt Kep. Dann werde Waldkraiburg auch in 25 Jahren noch ein Platz für Industrie und Gewerbe sein. „Da bin ich mir sehr sicher.“
„Wir müssen schauen, dass die Industrie wettbewerbsfähig bleibt“, unterstreicht auch Schwunck. Die nahen Hochschulen und das kommende Forschungszentrum werden ein weiteres Plus sein. „Alles das führt sicherlich zu einer langfristigen Perspektive“, betont Schwunck und meint mit dem Blick auf heute und morgen: „Insgesamt kann man hier als Waldkraiburger sehr zufrieden sein.“