Interview zum Jubiläum
75 Jahre Waldkraiburg: Bürgermeister Pötzsch über den Mut von damals und Aufgaben von morgen
Vom Gründungsgeist nach dem Krieg bis hin zur Stadt der Zukunft: Bürgermeister Robert Pötzsch spricht im OVB-Interview über 75 Jahre Waldkraiburg – über das Gestern, das Heute und die Chancen von morgen.
Waldkraiburg – Der Pioniergeist in den Nachkriegsjahren hat vieles in Waldkraiburg bewegt und der jungen Kommune vor 75 Jahren zu einem rasanten Aufstieg verholfen. Welche Perspektiven die Stadt heute hat und warum es den Gemeinschaftsgeist der Anfangsjahre wieder mehr braucht, darüber spricht Bürgermeister Robert Pötzsch.
Welche Ereignisse waren in den 75 Jahren prägend für Waldkraiburg?
Robert Pötzsch: Es ist schwierig, ein Ereignis herauszupicken. Beispielhaft aber ist: Waldkraiburg erhielt früh den Status einer Stadt. Mit großem Engagement und viel Tatkraft bauten die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg ihre neue Heimat aus dem Nichts auf. Gerade in den Anfangsjahren prägte ein starker Zusammenhalt das städtische Leben. Die Menschen waren durch Flucht und Vertreibung aus ihrem alten Leben herausgerissen worden und kamen hier mit nichts in den Händen an. In dieser neuen Heimat sind die Ideen regelrecht explodiert, vieles wurde geschaffen. Das ist einzigartig für die Geschichte Waldkraiburgs.
Wie hat Waldkraiburgs Geschichte die Identität und Entwicklung der Stadt geprägt?
Pötzsch: Es war vor allem das starke Wir-Gefühl der Anfangsjahre, das auch notwendig war, um sich gegenseitig zu helfen, um gemeinsam voranzukommen. In den 2020er Jahren hat dieses Wir-Gefühl aber einen deutlichen Bruch erfahren – ein gesamtgesellschaftlicher Wandel, der auch in Waldkraiburg zu spüren ist. Es sind oft dieselben, die sich einsetzen, während sich andere zurücknehmen, nur noch konsumieren wollen. Aber: Durch Einsatz wurde damals wie heute viel erreicht, die Vorgänger-Generation hat ein Fundament gelegt. Dieses gilt es nicht nur zu bewahren, sondern aktiv weiterzuentwickeln – es reicht nicht, sich allein darauf auszuruhen. Dazu braucht es heute wieder jenen Gründungsgeist der ersten Generation, den einige auch immer wieder beweisen: Engagement, Zusammenhalt und Zuversicht.
Wo liegen Waldkraiburgs Stärken?
Pötzsch: Waldkraiburg lebt von seiner Vielfalt – kulturell, sportlich und gesellschaftlich. Die Stadt profitiert bis heute von ihrer internationalen Bevölkerung – das Miteinander war und ist eine ihrer großen Stärken. Das gilt es wieder in den Fokus zu setzen: mehr Miteinander statt Nebeneinander. Außerdem ist Waldkraiburg eine Stadt mit einer gelebten Willkommenskultur. Wer sich einbringt, findet schnell Anschluss und wird Teil des Ganzen.
Werfen wir einen Blick ins Jahr 2100. Wie könnte Waldkraiburg in 75 Jahren aussehen?
Pötzsch: Das ist Segen und Herausforderung zugleich: Natürlich strebt man nach Weiterentwicklung – doch gleichzeitig stellt sich die Frage: Was braucht es wirklich? Was ist den Menschen wichtig, was brauchen die Unternehmen? In der Fläche kann Waldkraiburg nicht mehr wachsen, was aber auch nicht um jeden Preis passieren soll. Unsere Erholungsflächen und der grüne Ring sind uns heilig. Waldkraiburg wird sich nicht zu einer Metropole entwickeln, stattdessen wird eine regionale Zusammenarbeit mit anderen Kommunen künftig wichtiger werden. Man wird größer denken müssen, wir müssen jetzt schon dran sein, die Stadt weiterhin lebenswert zu gestalten, damit die Menschen hier gerne leben. Dabei muss sich jeder auf seine Aufgaben konzentrieren. Meine persönliche Vision: Dass auch in 75 Jahren der Mensch im Mittelpunkt steht – mit all seinen Stärken und Schwächen.
Wo sehen Sie in den nächsten zehn bis 20 Jahren die Top-Prioritäten für Waldkraiburg?
Pötzsch: Für Visionen bin ich zu sehr Realist – aber ich arbeite daran, dass das gesellschaftliche Miteinander wieder stärker in den Vordergrund rückt. Dass die Unternehmen – auch wenn es noch so schwierig ist – eine Chance am Standort Waldkraiburg sehen. Das Wir-Gefühl muss wieder stärker präsent werden. Es darf nicht nur darum gehen, was man sich von anderen erwartet, sondern auch, wie man sich selbst einbringen kann. Zugleich steht die Stadt weiterhin vor der Aufgabe, ihre Finanzen zu konsolidieren. Dabei gilt es, sich auf die Kernaufgaben zu konzentrieren – wie Sicherheit, Kinderbetreuung, Schulen oder Infrastruktur. Die Bürger müssen sich auf die Stadt verlassen können. Bei Festen und Veranstaltungen darf es nicht sein, dass Ehrenamtliche alleinige Haftung übernehmen. Der Engagierte darf am Ende nicht der Dumme sein.
Digitalisierung nimmt einen immer größeren Raum ein. Wie sieht für Sie ein „smartes“ Waldkraiburg aus?
Pötzsch: Waldkraiburg ist seit 2023 „Digitales Amt“, viele Behördengänge lassen sich inzwischen online erledigen. Dabei bleibt entscheidend: Wie sehr hilft diese Vernetzung wirklich im Alltag, denn zu gläsern will keiner werden. Dass an Schulen erst wieder ab der achten Klasse mit Tablets gelehrt werden soll, halte ich für einen guten Schritt. Kinder sollten zunächst wieder mit all ihren Sinnen lernen dürfen.
Über vielen steht heute das Schlagwort „Nachhaltigkeit“. Wie kann sich Waldkraiburg hinsichtlich Energie, Verkehr und Grünflächen für die Zukunft aufstellen?
Pötzsch: Die Grünflächen wollen wir unbedingt erhalten. Mit der Geothermie hat Waldkraiburg ein Riesenpfund in der Hand: eine CO₂-neutrale, langfristig sichere Energiequelle. Sobald die Fernwärme flächendeckend ausgebaut ist, profitiert die ganze Stadt davon. Wasser, Abwasser, Breitbandausbau – hier wollen wir Waldkraiburg zukunftsfähig und modern aufstellen. Ein Verkehrsentwicklungskonzept liegt vor – nun müssen wir den nächsten Schritt gehen. Wie viel individuelle Mobilität braucht es tatsächlich, auf wie viel sind wir bereit zu verzichten? Mobilität muss bezahlbar sein, wer weiß, vielleicht gibt es in Zukunft andere Formen? Vielleicht genügt künftig ein Knopfdruck – und ein autonomes Leihfahrzeug steht vor der Tür?
Welchen Traum haben Sie für Waldkraiburg?
Pötzsch: Mein Wunsch ist es, dass unsere Gesellschaft wieder stärker zusammenhält, der Einzelne weniger egoistisch denkt. Eine Kommune funktioniert nur, wenn Menschen sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Dann können wir wirklich etwas bewegen und alle profitieren davon.