Die Geschichte der Stadt erleben
Spannende Fakten mit Sprengkraft: Waldkraiburgs Stadtführer Gert Hilger lässt die Zuhörer staunen
Waldkraiburgs Geschichte liegt oft im Verborgenen. Wer mit Stadtführer Gert Hilger unterwegs ist, entdeckt spannende Geschichten, die kaum einer kennt.
Waldkraiburg – Auf die Frage, „was gibt es denn in Waldkraiburg schon zu sehen“, weiß Stadtführer Gert Hilger gefühlt einhundert Antworten. „Bei näherer Betrachtung staunen die Leute nämlich nicht schlecht, wenn sie dahinter kommen, was unsere Stadt alles vorzuweisen hat“, so der 78-Jährige. Was in den 1950er-Jahren als Vertriebenensiedlung auf dem Gelände einer ehemaligen Pulverfabrik begann, mauserte sich mit heute 26.500 Einwohnern zur größten Stadt im Landkreis Mühldorf. Es stecke also viel Entwicklungsgeschichte in den Mauern Waldkraiburgs.
Seit 2018 begleitet Hilger Schulklassen, aber auch Erwachsene durch die Stadt. Wer etwas über die Historie Waldkraiburgs erfahren will, ist bestens beraten, sich an ihn zu wenden. Der Mann, der seit 46 Jahren in Waldkraiburg lebt, weiß nämlich so gut wie alles. „Geschichte im Allgemeinen sowie bayerische Geschichte sind einfach mein großes Hobby. Ich mache sogar Stadtführungen in München“, gibt er schmunzelnd preis.
Gut vorbereitete Stadtführungen mit dem Rad oder zu Fuß
Als Pensionist daheim gelangweilt auf dem Sofa zu sitzen, ist absolut nicht sein Ding. Der quirlige Senior braucht Bewegung und den Umgang mit Menschen. Auf seine Einsätze bereitet er sich akribisch vor. Hilger könnte problemlos als wandelndes Waldkraiburg-Lexikon durchgehen. Bis zum heutigen Tag blickt der Pensionist auf 82 Waldkraiburger Stadtführungen zurück, die überwiegend zu Fuß bewältigt wurden. Sechzehn Führungen habe er mit den Teilnehmern per Rad absolviert, denn der bekannte und legendäre Weg der Geschichte sei immerhin über zwölf Kilometer lang.
Neben zwei festen Führungen im Jahr gibt es auf Anfrage bei der Stadt auch separate Besichtigungstouren unterschiedlichster Teilnehmerzahl. „Ich marschiere mit zwei Personen los, hatte aber auch schon über 40 Leute dabei“, so der ehrenamtliche Stadtführer. Was ihm besondere Freude bereitet, sind die Runden, die mit den Integrationskursen der Volkshochschule zusammen hängen. Diese Teilnehmer seien meist sehr aufmerksam und interessiert am Werdegang der Stadt. Wer sich keiner offiziellen Führung anschließen will, kann den Weg der Geschichte auch allein beschreiten. Gelb-blaue Wegweiser und Bodenmarkierungen geben die Richtung an.
Waldkraiburgs Bunker interessieren die Teilnehmer oft besonders
Wie Hilger erzählt, kam im April 1946 der erste Zug mit Menschen aus dem Sudetenland am alten Bahnhof an. Bei den Stadtführungen macht der 78-Jährige immer vor dem „Mahnmal der Vertreibung“ Halt. Es symbolisiert die Zwangsvertreibung aus der alten Heimat und den damit verbundenen steinigen Weg in eine neue Zukunft. Hilger berichtet von Vertriebenen, die durch Firmengründungen Waldkraiburg seinen Stellenwert verschafften und von Unternehmen, die sich bis zum heutigen Tag sozial engagieren würden.
Sind bei den einzelnen Stadtführungen Touristen dabei, so würde jedes Mal die Frage nach Bunkern auftauchen, weiß Hilger, der seine Gruppe stets zum Bunker 29 führt. Der Innenbereich dieses Bunkers wurde zu einem Museum ausgebaut. Die Besucher treffen dort auf die Geschichte der Stadt samt ihrer Industrie. Und ein bisschen versteckt auf dem Gelände ist sogar ein sogenannter „Ein-Mann-Bunker“ zu bestaunen.
Persönlicher Lieblingsort ist der Waldkraiburger Stadtpark
Führt der Rundweg an der Wohnanlage „Am Kalander“ vorbei, so macht Hilger seine Gruppe auf ein Zahnrad aufmerksam, das sich unter grünen Blättern versteckt. Das Zahnrad galt als Hauptantriebsrad eines Kalanders – das ist eine Maschine, die zur Bearbeitung von Kautschuk gebraucht wird. Die Firma Gummiwerk Kraiburg überließ das Zahnrad der Stadt Waldkraiburg zu Anschauungszwecken.
Und wohin soll ein Fremder unbedingt gehen, wenn er zum ersten Mal Waldkraiburg besucht? Hilgers Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Zum Stadtpark natürlich, das ist völlig klar“. Der Stadtführer ist dort selbst öfter mit seiner Frau unterwegs und schwärmt: „Hier kann man wunderbare Spaziergänge unternehmen, sich erholen und im Sommer den herrlichen Stadtparkkonzerten lauschen“. Fröhliches Vogelgezwitscher gäbe es obendrein. Was Hilger allerdings bedauert, ist, dass der einst so geschätzte Kiosk im Stadtpark keine neuen Betreiber findet.
Fragen beantwortet der Stadtführer mit Freude
Vom Grün der Stadt fühlt sich der 78-Jährige jedenfalls immer wieder aufs Neue beeindruckt. „Wir haben hier etliche grüne Oasen zum Durchatmen“, verkündet der leidenschaftliche Waldkraiburger. Er freute sich, als er bei der Runde mit den OVB Heimatzeitungen von zwei Damen angesprochen wurde, die ihn als Stadtführer erkannten. Die Frauen wollten wissen, wie der Ölberg im Stadtpark zu seinem Namen kam. Hilger hatte sofort die Erklärung parat: „Auf den Bergen, die hier noch zu sehen sind, wurde zu Zeiten der Deutschen Sprengchemie durch chemische Umwandlungs- und Mischungsprozesse aus Glycerin Sprengöl gewonnen“. Mit dem biblischen Ölberg habe dieser in Waldkraiburg also nichts zu tun. Die Damen staunten und bedankten sich. Und Gert Hilger lächelte zufrieden.


