OVB-Interview mit dem Musikstar
„Fester Teil meines Heimatgefühls“ – Peter Maffays Anfänge zwischen Bravo-Postern und Biergeruch
Vom Probenraum im Gasthaus „Weißer Hirsch“ bis in die großen Hallen der Republik: Peter Maffay hat einen beeindruckenden Weg zurückgelegt, aber seine neue Heimat Waldkraiburg nie vergessen. Der Rock-Musiker spricht im OVB-Exklusiv-Interview über den Neuanfang in einer fremden Welt und seine Gefühle zur Stadt.
Waldkraiburg – Nach der Flucht aus Rumänien wurde Waldkraiburg für Peter Maffay und seine Familie zur Heimat – ein Ort voller Trubel, neuer Eindrücke und Musik. Zum 75. Jubiläum Waldkraiburgs spricht der Rock-Musiker mit den OVB Heimatzeitungen über diese prägende Zeit, Zivilcourage und warum es so wichtig ist, der eigenen Überzeugung treu zu bleiben.
Wenn Sie an Ihre Kindheit in Waldkraiburg zurückdenken – welche Bilder und Gefühle kommen Ihnen in den Sinn?
Peter Maffay: Meine Familie und ich sind am 23. August 1963 aus Rumänien ausgereist und kurz darauf bei Freunden in Waldkraiburg untergekommen. Plötzlich befanden wir uns in einem völlig neuen Umfeld – ein anderes Land, eine andere Gesellschaft, neue Eindrücke, Gerüche, Geräusche. Das war der Beginn einer großen Entdeckungsreise für mich: spannend, aufregend – die Farben, die Menschen, die Schaufenster, der Trubel auf den Straßen. Dann der Schulanfang und die ersten Freundschaften. Dass so viele Auswanderer aus allen Teilen Europas in Waldkraiburg Zuflucht gefunden hatten, prägte das damals kleinstädtische Miteinander auf eine fast kosmopolitische Weise.
Was hätten Sie als junger Musiker gebraucht, das es damals noch nicht gab?
Peter Maffay: Verstärker, Gitarren, Mikrofone, ein Schlagzeug – und einen Bus, in den wir alles packen konnten. Aber all das mussten wir uns erst nach und nach erspielen.
Waldkraiburgs Altbürgermeister Siegfried Klika hat über Sie gesagt, dass Sie bei all Ihren Erfolgen Ihre Wurzeln nicht vergessen haben. Ist Waldkraiburg für Sie ein Ort der Heimat geblieben?
Peter Maffay: Die Zeit in Waldkraiburg ist ein wichtiger Teil meines Lebens, den ich nie vergessen werde. Es ist der Ort, an dem für meine Familie und mich im Westen alles begonnen hat. Insofern ist Waldkraiburg ein fester Bestandteil meines Heimatgefühls.
Seit mehr als 55 Jahren stehen Sie auf der Bühne, Ihre ersten musikalischen Schritte hatten Sie in Waldkraiburg. Welche Erinnerungen verbinden Sie damit?
Peter Maffay: Vor allem den „Weißen Hirsch“, eine Gaststätte mit einem Bunker, der unser Proberaum war. Ohne Heizung, mit spärlichem Licht, Bravo-Postern an den Wänden, der Geruch von Bier und Verstärkern in der Luft – herrlich. Meine Kumpels und ich haben dort unzählige Stunden verbracht, mit Begeisterung und Leidenschaft. Draußen standen unsere ersten 50-cm³-Fahrzeuge, mehr gab es damals nicht. Manchmal sind wir losgezogen und haben die große, kleine Welt um uns herum erkundet. Es war eine fantastische Zeit.
Im Schuljahr 1967/68 brachten Sie es auf 85 Fehltage. Statt ins Klassenzimmer ging es in den „Weißen Hirsch”, wo die „Beat Boys” ihren Proberaum hatten. Später haben Sie die Schule abgebrochen. Würden Sie als junger Musiker wieder so handeln?
Peter Maffay: Für mich war Musik von Anfang an alternativlos. Ich konnte und wollte mir nichts anderes vorstellen. Diesem Weg sind wir damals alle gefolgt. Einige haben später andere Entscheidungen getroffen. Ich hatte das Glück, meine Vorstellungen umsetzen zu können, dafür bin ich bis heute dankbar. Und klar: Rückblickend würde ich es genauso wieder tun.
Sie sind Pate des Projekts „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ am Gymnasium Waldkraiburg. Was bedeutet „Courage zeigen“ für Sie ganz persönlich?
Peter Maffay: Wir leben in einer Demokratie und genießen den unfassbaren Vorteil dieser Gesellschaft, nämlich ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Das ist eine Qualität, die nur ganz wenige Menschen gesamt betrachtet auf der Welt besitzen können. Insofern ist es unsere Aufgabe, darauf zu achten, dass sie nie abhandenkommt. In der Geschichte jeder Gesellschaft gibt es Verwerfungen und Fehlentwicklungen, denen man mit offenen Augen entgegentreten muss, um Korrekturen anzubringen. Das bedeutet, dass man manchmal „Gegenwind“ bekommt, sich positionieren muss, seiner Haltung und Überzeugung treu bleiben und darum gelegentlich auch kämpfen muss. Werte wie Respekt im Umgang miteinander, ungeachtet der Herkunft oder der Religionszugehörigkeit haben kein Verfallsdatum. Sie sind und bleiben für die Menschheit immer gültig.
Von der großen Tour-Bühne haben Sie sich zwar verabschiedet, aber nicht von der Musik. Was darf man von Ihnen noch erwarten?
Peter Maffay: Wie gesagt, Musik spielt eine viel zu zentrale Rolle in unserem Leben und natürlich in meinem auch. Darauf zu verzichten, ist nicht nötig. Man kann aber von der Autobahn gelegentlich runter und Nebenstrecken fahren, die etwas entspannter sind, aber nicht weniger reizvoll. Einen Gang herunterzuschalten bedeutet, immer noch seiner Leidenschaft treu zu bleiben, gleichzeitig aber auch andere Prioritäten zu setzen, beispielsweise die Familie, und auch unseren Kindern den Platz einzuräumen, der ihnen gebührt.
Waldkraiburg ist eine Stadt der Vielfalt. Was würden Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben, wenn es um Toleranz und Zusammenhalt geht?
Peter Maffay: Jeder Mensch muss seine eigenen Erfahrungen machen und an ihnen wachsen. Aus meiner subjektiven und persönlichen Sicht sollten wir alle die Augen offen halten, um negative Veränderungen in der Gesellschaft wahrzunehmen, zu Korrekturen bereit sein und für diese Korrekturen einzustehen, weltoffen bleiben und die übergeordneten Themen und Ziele unserer Welt nicht aus dem Bewusstsein verlieren. Friedliches Miteinander und die daraus mögliche Koexistenz – das wäre der Weg, zumindest aus meiner Sicht.
Was wünschen Sie der Stadt Waldkraiburg zum 75. Geburtstag?
Peter Maffay: Der Stadt Waldkraiburg und ihren Bürgern wünsche ich auf diesem Weg alles Gute.
Wenn Sie heute ein Lied für Waldkraiburg schreiben würden – welchen Titel hätte es?
Peter Maffay: Es gibt ein Lied, das ich gern schreiben würde, aber andere haben das wunderbar gemacht: „Über sieben Brücken musst du geh’n“ von Karat mit ihrem Sänger Herbert Dreilich. Brücken zu bauen ist sinnvoll, denn sie führen uns zusammen, und genau das brauchen wir immer wieder.


