Zu viel Andrang, zu wenig Personal
Aufnahmestopp als letzter Ausweg: Wenn überlastete Hausärzte in Landkreis Mühldorf die Reißleine ziehen
Immer wieder sagen Hausärzte im Landkreis Mühldorf vorübergehend Nein zu Neupatienten. Nicht aus Hartherzigkeit, sondern aus Selbstschutz: Wer zehn statt fünf Patienten pro Stunde behandelt, riskiert Fehler und Burnout. Viele Mediziner sehen dann nur einen Ausweg – den Aufnahmestopp.
Mühldorf/Ampfing/Neumarkt-St. Veit/Kraiburg — „Wir haben derzeit keinen Aufnahmestopp“, sagt Hausarzt Peter Wapler von der Praxis in der Luitpoldallee in Mühldorf. In der Vergangenheit habe man allerdings schon vorübergehend zu neuen Patienten Nein sagen müssen - wegen Überlastung. „Notfälle darf man nie ablehnen. Aber es gibt tatsächliche viele Praxen die keine Neupatienten aufnehmen können. Das ist immer individuell geregelt und hängt von Andrang und Überlastung ab“, erklärt Wapler.
Im Landkreis Mühldorf sieht die hausärztliche Versorgung nicht rosig aus. Allein im Planungsbereich Mühldorf sind laut der kassenärztlichen Vereinigung Bayern 13 Kassensitze unbesetzt. Die Gründe für die prekäre Versorgungslage sind unter anderem fehlender Nachwuchs und beispielsweise die Altersstruktur der Hausärzte.
Für die Patienten bedeutet das Klinkenputzen, um einen Allgemeinmediziner zu finden, der sie aufnehmen kann. Viele Praxen sind überlastet, haben personaltechnische Probleme und müssen die Anfragenden abwimmeln.
Sich vor Burnout schützen
„Zeit ist begrenzt. Ich behandle vier bis fünf Patienten in der Stunde. Zehn Patienten gehen halt einfach nicht. So will ich es auch nicht machen, dann hör ich lieber auf“, sagt Peter Wapler im Gespräch mit den Heimatzeitungen. „In medizinischen Berufen muss man auf sich schauen, sonst droht ein Burnout“, sagt der 58-Jährige. Neben seiner hausärztlichen Tätigkeit engagiert er sich an der TU München als Lehrarzt und ist auch Lehrbeauftragter bei den Staatsexamen der Medizinstudenten. Er setzt sich neben seinen Sprechzeiten dafür ein, allgemeinmedizinischen Nachwuchs zu generieren.
Weil immer wieder Hausärzte aus Altersgründen ihre Praxen aufgeben und keinen Nachfolger finden, suchen immer mehr Patienten im Landkreis Mühldorf einen neuen Hausarzt. „Die Leute sind verzweifelt, unterzukommen“, berichtet Stefan Feige aus Ampfing. Einen expliziten Aufnahmestopp gibt es bei ihm derzeit nicht. Allerdings werden nur Neupatienten angenommen, die gerade erst etwa von weiter weg, zum Beispiel aus München, zugezogen sind, deren bisheriger Hausarzt in Rente gegangen ist oder wenn bereits ein Familienmitglied bei Feige in Behandlung ist.
Nicht aus Sympathiegründen wechseln
„Wenn jemand aus Sympathiegründen zu uns wechseln will, geht das nicht. Der soll froh sein, einen Hausarzt zu haben“, so Feige, der mit seiner Frau Dr. Karin Neumann-Feige rund 2000 Patienten in der Gemeinschaftspraxis betreut.
„Wir können nicht alles auffangen. Wenn ich noch sehr viel mehr aufnehme, geht das zu Lasten meiner etablierten Patienten. Die will ich ja gut behandeln und keine Fließbandmedizin machen“, sagt der Mediziner, dessen Niederlassung auch eine diabetologische Schwerpunktpraxis mit Fußambulanz sei. „Ich habe eine Zwitterposition.“ Diabetiker kommen per Überweisung zu ihm und alleine das Vorgespräch mit Beratung über Medikamente und etwa Abnehmspritze dauern eine halbe bis eine Stunde. „Zeit kann man sich nicht aus den Rippen schneiden“, so der Ampfinger.
Seine Praxis bekomme vermehrt Anfragen aus Waldkraiburg, das 20 Autominuten entfernt ist, „weil Patienten quasi auf der Straße stehen. Das spitzt sich weiter zu, denn Ende des Jahres gehen dort wieder zwei Kollegen in Rente“, so der 67-Jährige.
„Stehen nicht mit offenen Türen da“
„Immer mal wieder vereinzelt“ nimmt die Praxis von Dr. Thomas Müller in Kraiburg Neupatienten auf. „Es sind Menschen aus dem Familien- oder Freundeskreis unserer Patienten“, heißt es aus dem Vorzimmer der Hausarzt-Praxis,, die rund 1000 Patienten betreut. „Aber wir stehen nicht mit offenen Türen da“. Wie bei vielen anderen Praxen sei das auch immer eine Frage der Personaldecke.
Weiter offen sind die Pforten in der Praxis Balk & Ortmann in Neumarkt-St. Veit. „Wir haben keinen Aufnahmestopp“, sagt Jan Ortmann auf Nachfrage der Zeitung.
Wichtig für die Patienten ist: Notfälle dürfen nicht abgewiesen werden. Wenn man das Gefühl hat, zu Unrecht abgewimmelt worden zu sein, kann man sich an die kassenärztliche Vereinigung (KV) wenden, die muss eine Alternative vermitteln. Unter der kostenfreien Telefonnummer 116117 oder der entsprechenden Website erfährt man, wer Bereitschaftsdienst hat und in einem medizinischen Notfall hilft.
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