Medizin fürs Land
Wie Hausärzte im Raum Mühldorf mit Herzblut um die nächste Generation kämpfen
Mit Leidenschaft, Mentoring und kreativen Ideen wie einer Medi-WG buhlen Hausärzte im Raum Mühldorf um den Nachwuchs von morgen – damit die Versorgung auf dem Land langfristig gesichert werden kann.
Mühldorf/Ampfing/Neumarkt-St. Veit — Wie bekommt man allgemeinmedizinischen Nachwuchs aufs Land? „Man muss die Studierenden schon an der Uni abgreifen, eine Lehrarzttätigkeit anbieten und so Kontakte knüpfen, sagt Hausarzt Stefan Feige aus Ampfing. Auch das Programm „Beste Landpartie Allgemeinmedizin“ (BeLA), das vom Bayerischen Gesundheitsministerium gefördert wird, sei gut. Dadurch kommen Medizinstudenten mit der Tätigkeit von Hausärzten im ländlichen Raum und mit Mentoren früh in Kontakt, sagt Feige, der sich im Weiterbildungsverbund Mühldorf, der ärztlichen Nachwuchs fördert, engagiert.
Wie auch Peter Wapler, der mit zwei Fachärzten für Innere Medizin eine Hausarztpraxis in Mühldorf in der Luitpoldallee betreibt. Wapler ist Lehrarzt und Lehrbeauftragter. Beim Staatsexamen an der TU München (TUM) kommen die jungen Mediziner an ihm nicht vorbei.
„Von den Erstsemestern bis zu den Zwölftsemestern lerne ich sie alle kennen – und sie mich auch“, sagt der 58-jährige Wapler. „Ich brenne dafür, junge Leute für die Allgemeinmedizin zu begeistern und Nachwuchs für den Landkreis Mühldorf zu gewinnen.“ Er arbeitet mit dem Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung der TUM zusammen. Zudem engagiert er sich beim KWAB (Kompetenzzentrum Weiterbildung Allgemeinmedizin Bayern).
Ein enormer Zeitaufwand, weiß Stefan Feige. Nicht jeder könne sich die Zeit für eine Lehrarzttätigkeit freischaufeln, so der 67-Jährige. Doch gerade Praxen, die einen Nachfolger suchen, könnten über die Lehrtätigkeit Nachwuchs anziehen, ausbilden und ihm „den Laden dann guten Gewissens übergeben“.
„Es menschelt“
„Wenn die sehen, wie es bei uns hier draußen menschelt, bleiben sie auch da. Denn hier erleben sie viel mehr als in den großen Durchschleusepraxen in der Stadt“, pflichtet Eva Greipel, Bezirksvorsitzende Oberbayern im Bayerischen Hausärzteverband bei. „Bei uns fährt man mit zu Hausbesuchen, darf selbst Patienten untersuchen – unter Supervision.“
So wie Nadja Jauckus. Die Medizinstudentin stammt aus Mühldorf und hat das zehnte Semester abgeschlossen. Das Pflicht-Blockpraktikum bei Feige „hat mich sehr weiter gebracht“, berichtet die 24-Jährige.
Peter Wapler hat jedes Jahr ein bis zwei PJler in seiner Praxis in Mühldorf, also Medizinstudierende im Praktischen Jahr (PJ). Ein großes Problem ist für die jungen Leute die Unterkunft, die müsse man ihnen stellen „sonst gehen die aus München gar nicht erst raus“. Für die PJler gibt es eine Lösung.
Innklinik hat WG für Ärzte im PJ
„Durch den Weiterbildungsverbund arbeiten wir mit dem Innklinikum zusammen. Das Krankenhaus hat für die PJler in Bahnhofsnähe eine Wohnung angemietet und da kann ich meine auch kostenlos unterbringen“, sagt Wapler. „Die Blockpraktikanten, die während ihres Medizinstudiums neun Pflichttage in einer Hausarztpraxis absolvieren müssen, kommen auf meinem Hof privat unter.“
Medizinstudentin Nadja Jauckus nutzte für ihr Pflicht-Blockpraktikum bei Feige die Förderung, die der Hausärzteverband anbietet. „Sie hat aber nur deswegen gereicht, weil ich eine Woche bei Freunden und eine Woche bei meinen Eltern in Mühldorf wohnen konnte.“ Ihrer Einschätzung nach, sei es vielen Studierenden zu umständlich und zu teuer, dort hinzugehen, wo sie keinen Unterschlupf haben.
„Wenn man aber das Blockpraktikum in München macht, kann man abends dort noch seinen Nebenjob machen, um Geld zu verdienen.“ Man könnte das Ländliche für Studenten attraktiver machen, so die 24-Jährige.
Das sieht auch Feige so. „Das Pendeln mit der Bahn ist eine Hürde, Wohnraum ist teuer und schwer zu finden.“ Nicht alle Praxen können einen Übernachtungsplatz anbieten. Darum denkt er laut über einen größeren Wurf statt Einzellösungen nach.
Seine Idee: eine mietfreie Medi-WG im Raum Mühldorf für Medizinstudenten, Famulanten, PJler oder etwa Weiterbildungsassistenten. Die Kosten sollten sich der Förderverein für ärztlichen Nachwuchs in Mühldorf und Altötting (Weiterbildungsverbund) sowie Landkreis, Städte und Gemeinden teilen. Man sollte eine Werbekampagne starten.
„Das ist ein super Vorschlag“, findet Eva Greipel vom Bayerischen Hausärzteverband. „Da Wohnraum rar und teuer ist, kriegt man weder Studenten noch Ärzte im Praxisjahr aufs Land, wenn die ohnehin schon ein Zimmer in München bezahlen müssen“, sagt die Traunsteinerin.
Eine eigene Lösung praktiziert die Hausarztpraxis Balk & Ortmann in Neumarkt-St. Veit: Für Medizinstudenten und junge Ärzte im Praxisjahr hat die Praxis eine Kooperation mit einem nahegelegenen Gästehaus geschlossen und übernimmt die Miete. Der örtliche Gesundheitsreferent Ludwig Spirkl kann sich vorstellen, dass die Stadt diese Kosten übernehmen könnte.
Peter Wapler findet, dass man generell über kostenlosen Wohnraum für fertige Ärzte, die in Orten anfangen, die mit dem ÖPNV schlecht erreichbar sind, nachdenken muss - um den Schritt zu erleichtern.
Nachgefragt beim Landratsamt Mühldorf, wie es zu Feiges WG-Anregung steht, teilt Karin Huber von der Pressestelle mit: „Eine Anmietung von Zimmern macht gegebenenfalls in den Gemeinden Sinn, in denen Medizinstudenten ihr Praxisjahr absolvieren wollen.“
Der Landkreis engagiere sich im Rahmen des BeLa-Programms. So kommen Medizinstudierende nach Mühldorf. Ziel von BeLA sei es, eine hochwertige und flächendeckende medizinische Versorgung im ländlichen Raum langfristig zu sichern. Durch ein studienbegleitendes Programm, individuelles Mentoring und zahlreiche Praxisanteile baue BeLA Brücken zwischen Universität und medizinischer Versorgung in der Fläche, so Huber.
Auch Studentin Nadja Jauckus profitiert vom BeLA-Programm. Sie berichtet von hochmotivierten Professoren und Ärzten, die während des Semesters Kurse in kleinen Gruppen geben. „Zum Beispiel EKG, Sonographie oder Themen, die sich um die wichtigsten Vorstellungsgründe bei Patienten in der Hausarztpraxis drehen.“ Sie bedauert, dass die finanzielle Förderung bei BeLA schon lange eingestellt worden sei. Ideell werde es weiter gefördert und man könne von den zahlreichen Veranstaltungen profitieren.
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