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Hausarzt-Nachwuchs im Landkreis Mühldorf

Arzt-Karriere auf dem Land? Warum Medizinstudentin Nadja Jauckus sich das sehr gut vorstellen kann

Medizinstudentin Nadja Jauckus hat ein Blockpraktikum in der Praxis von Stefan Feige in Ampfing gemacht. Hier demonstriert er an ihr eine Ultraschalluntersuchung am Bauch.
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Medizinstudentin Nadja Jauckus hat ein Blockpraktikum in der Praxis von Stefan Feige in Ampfing gemacht. Hier demonstriert er an ihr eine Ultraschalluntersuchung.

Nadja Jauckus (24) steht kurz vor dem praktischen Jahr und will ihre ärztliche Laufbahn im Landkreis Mühldorf beginnen. Ihr Plan: Hausärztin werden. Sie könnte zur Lösung des Ärztemangels im ländlichen Raum beitragen.

Ampfing/Mühldorf — Sie hat gerade das zehnte Semester ihres Medizinstudiums abgeschlossen: Nadja Jauckus. „Ich kann mir gut vorstellen, in die Allgemeinmedizin zu gehen und als Ärztin im Raum Mühldorf tätig zu werden“, sagt die 24-Jährige, die aus der Innstadt stammt. Im Frühjahr hat sie ihr neuntägiges Pflicht-Blockpraktikum in der Praxis von Stefan Feige und Dr. Karin Neumann-Feige in Ampfing absolviert und kennt nach verschiedenen Praktika den Unterschied zwischen dem Arbeitsumfeld in einer Münchner Praxis und bei einem Landarzt

„Der liegt im familiären Setting und ich finde das richtig schön“, sagt sie mit Blick auf das Erlebte bei „Stefan und Karin“. Sie habe sich sofort aufgenommen und integriert gefühlt vom Team in der Ampfinger Gemeinschaftspraxis. „Ich bekam Verantwortung übertragen, durfte lernen, war nicht auf mich allein gestellt, aber konnte selbständig arbeiten. Das ist etwas total Wertvolles“, so Jauckus.

Man könne den gesamten Prozess, den ein Patient durchlaufe, einmal durch exerzieren. Über das Erfragen der Krankheitsgeschichte baue man bereits eine Beziehung zu dem Menschen auf. Sie wertete EKGs aus, machte Blutentnahmen, Wundversorgung, impfte, zog Fäden, fuhr mit zu Hausbesuchen. „Ich durfte überall mit anpacken und wurde nirgends ausgeschlossen“, erzählt sie gut gelaunt. „Das hat mich wirklich weiter gebracht und neu motiviert. Man merkt, dass das, was man im Studium gelernt hat, funktioniert.“

Gefühl von Handlungskompetenz

„Ich konnte Untersuchungstechniken üben und auch alles dokumentieren, den Befund schreiben, die Medikamente notieren. Ich hab meine Verdachtsdiagnosen samt Therapievorschlag mit Karin und Stefan besprochen.“ Das selbständige Arbeiten habe ihr ein Gefühl von Handlungskompetenz gegeben, aber ihr auch gezeigt, was sie noch zu lernen habe.

Auch Stefan Feige ist voll des Lobes für die wissbegierige junge Frau. „Das war keine Praktikantin, die einfach nur die Zeit rumbringen wollte, sondern war motiviert und aufgeweckt, wollte etwas lernen“, sagt der 67-jährige Arzt. Natürlich müsse man sich Zeit nehmen und Praktikanten anleiten. „Aber nur so generiert man Nachwuchs. Und wenn wir Nadja später als Ärztin gewinnen könnten, wäre das ein Traum“, so Feige.

Nadja zieht es in die Heimat

Derzeit arbeitet Nadja Jauckus an ihrer Doktorarbeit in der Sport-Orthopädie und bereitet sich auf das Zweite Staatsexamen im Frühjahr 2026 vor. Danach startet ihr praktisches Jahr (PJ), ehe im Frühjahr 2027 das dritte Staatsexamen folgt. Ein Drittel des PJ wird sie in einer allgemeinmedizinischen Praxis in Mühldorf absolvieren. Und auch einen Teil der Facharztausbildung will sie im Heimatlandkreis, etwa im „InnKlinikum“, bestreiten.

Die Allgemeinmedizin hat es ihr angetan. „Ich hoffe, dass ich das mal machen kann, es ist auf jeden Fall mein Plan“, so die junge Frau. Die Pädiatrie interessiere sie auch und ein Jahr während der Facharztausbildung dort zu arbeiten, wäre eine gute Sache. „Das lässt sich später gut in die hausärztlichen Tätigkeiten integrieren. Ich will mich aber noch nicht ganz festlegen“, sagt sie. Nur so viel: Sie zieht es nach Mühldorf.

Gefragt, warum es den Nachwuchsmangel im allgemeinmedizinischen Bereich – gerade auf dem Land – ihrer Meinung nach gebe, sagt sie: „Ich bewege mich in einem Umfeld, in dem viele Interessierte für die Allgemeinmedizin im ländlichen Raum sind. Mir ist aber bewusst, dass das auf die gesamte Menge an Medizinstudenten nicht repräsentativ ist und finde das schade.“

Über die Beweggründe, warum sich die einen kein Arbeitsleben auf dem Land vorstellen wollen, könne sie nur spekulieren. „Aber die, die dort hin wollen, haben da oft Familie oder möchten einfach in die Gegend dort. Manchen gefällt es einfach besser, ländlicher zu leben als in einer großen Stadt. Man hat mehr Natur und mehr Ruhe“, sagt die junge Frau.

Hausarzt ist „Sherlock“

Das Spannende an der Allgemeinmedizin am Land sei für sie, dass man ganze Familien in der Praxis betreue, Patienten über eine lange Zeit begleite, eine Beziehung zu ihnen aufbaue, Hintergründe verstehe. „Ich mag, dass man sehr breit gefächert arbeitet, man hat den gesamten Körper im Blick und ist nicht nur auf ein Detail fokussiert und das halte ich für wichtig. Erstmal ist man ,Sherlock‘ und muss suchen, woher kommt das Problem, was bedingt was, wie hängt es zusammen? Das finde ich faszinierend“, schwärmt die angehende Ärztin.

Ein Hausarzt in ländlichen Regionen sei für viele Menschen, gerade ältere, oft die einzige Anlaufstelle und sei daher eine Art „soziales Pflaster“, sagt Dr. Eva Greipel, Bezirksvorsitzende Oberbayern des Bayerischen Hausärzteverbandes. Die prekäre Versorgungslage werde die Betagten als Erstes und am härtesten treffen. Die Menschen werden älter, die Krankheiten schwerer und der Versorgungsbedarf höher.

Dr. Eva Greipel, Bezirksvorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands in Oberbayern.

Politik und Gesellschaft dürfen den sozialmedizinischen Bereich, den der Hausarzt abdeckt, nicht unterschätzen. „Wie läuft eine Reha, wie stelle ich den Antrag, wie läuft eine Wiedereingliederung – das gehört zu unserem täglichen Geschäft“, erklärt die Allgemeinärztin aus Traunstein. „Wohin sollen sich die Leute wenden, wenn sie keinen Hausarzt mehr finden?“

Darum sei es so wichtig, Nachwuchs zu generieren, sagen der Ampfinger Hausarzt Stefan Feige und der Mühldorfer Hausarzt Peter Wapler. Feige schlägt eine kostenlose „Medi-WG“ für Medizinstudenten im Praktikum oder im Praxisjahr vor. Und Wapler nutzt jede freie Minute, sich etwa als Lehrarzt an der TU München zu engagieren, Medizinstudenten für das Fach Allgemeinmedizin zu begeistern und Praktikanten sowie angehende Ärzte nach Mühldorf zu holen.

Wenn Sie uns zum Thema Ärzte & Gesundheit ihre Geschichte mitteilen wollen, wenden Sie sich bitte an recherche@ovb.net.

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