Beauty-Sucht treibt wilde Blüten
Mühldorfer Facharzt Dr. Teymouri warnt: „Niemals Hyaluron selbst spritzen“
Sich selbst Hyaluron ins Gesicht spritzen, um jünger auszusehen? Ein No-Go für Dr. Hamid Reza Teymouri. „Das ist kein Make-up“, warnt der Facharzt für Ästhetische und Plastische Chirurgie. Welche Risiken man damit eingeht.
Mühldorf/Ampfing —Stefan Streubel hat es längst getan und das nicht nur einmal. Der 31-jährige Ampfinger, der eigenen Angaben zufolge schon 70.000 Euro in Schönheitseingriffe investiert hat und die größten Lippen der Welt haben will, hat sich bis vor zwei Jahren selbst Hyaluron in die Stirn und die Nasenwurzel gespritzt. Und das ohne jegliche medizinische Ausbildung.
Bestellt hat er die Mittelchen im Internet. Heute ist er nicht mehr leichtsinnig und lässt geschulte Menschen ran. „Oft wurde ich mit meinen Wünschen von Ärzten abgelehnt, darum hab ich es selbst gemacht. Inzwischen geh‘ ich das Risiko nicht mehr ein. Auch aus Angst, mit der Nadel Blutgefäße zu treffen“, so der junge Mann, der heute in Stuttgart lebt. Die Haut könne absterben oder man könne sogar erblinden. Das sei ihm jetzt bewusst.
Alles, was invasiv ist, gehört in Ärztehand.
„Alles, was invasiv ist, gehört in Ärztehand. Ein Mediziner hat von der Pike auf gelernt, wo wichtige anatomische Strukturen verlaufen“, sagt Dr. Hamid Reza Teymouri, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie. Für Beauty-Eingriffe im Gesicht seien neben seiner Fachrichtung auch Hautärzte, Augenärzte oder HNO-Ärzte ausgebildet – je nach Anliegen und zu behandelnder Region. Zum Heilpraktiker oder ins Kosmetikstudio zu gehen, um sich Falten unterspritzen zu lassen, davon rät die Deutsche Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie (DGPRÄC), bei der auch Teymouri Mitglied ist, ab. Sie verlangt zum Wohle des Patienten eine strengere staatliche Regulierung, etwa Rezeptpflicht.
Zahlreiche wichtige Nerven und Blutgefäße verlaufen im Gesicht. Wer sich selbst eine Spritze, etwa mit Hyaluron oder Botox in die Haut jagt, riskiert Lähmungen. Die Gefahr, dass sich Fremdkörpergranulome (Knoten und Beulen, Anm. d. Red.) oder Infektionen bilden, sei groß. „Die Klientel, die sich Hyaluronsäure im Internet bestellt, kauft oft minderwertige Hautfüller etwa aus China und spielt mit ihrer Gesundheit“, so der Mühldorfer, der seine Praxis in Altötting betreibt. Diesen Leuten fehle auch das anatomische Verständnis, wo sich Muskel- und Gewebeschichten und die Nerven befinden. „Und dann stehen sie vorm Spiegel, müssen zu allem Übel auch noch spiegelverkehrt denken und treffen womöglich eine falsche Stelle.“
Lange Ausbildung zum plastischen Chirurgen
Die Ausbildung zum Plastischen und Ästhetischen Chirurgen sei ein langer Weg: 13 Semester Medizinstudium und mindestens sechs Jahre Facharztausbildung, in der ein vorgegebener Katalog von über 750 Eingriffen absolviert werden muss. Erst danach darf man diesen Facharzttitel führen. Wer dazu noch zahlreiche weitere Fortbildungen nachweisen könne und von mindestens drei erfahreneren Kollegen vorgeschlagen wird, werde in die Fachgesellschaft der DGPRÄC aufgenommen. „Wer einen seriösen Plastischen und Ästhetischen Chirurgen sucht, findet hier in den Mitgliederlisten seinen Ansprechpartner“, lautet ein Tipp von Teymouri für Menschen, die sich äußerlich optimieren wollen. Auch andere Fachrichtungen, wie etwa Dermatologen haben entsprechende Berufsverbände, die als Garant für Qualität stehen. Vorsicht sei geboten, wenn ein Arzt als Schönheits-Chirurg auftrete. „Im Gegensatz zum Plastischen und Ästhetischen Chirurgen ist das in Deutschland kein geschützter Begriff und die fundierte Ausbildung fehlt“, so Dr. Teymouri.
Wer den passenden Arzt nur anhand von Internet-Bewertungen suche, müsse sich klar darüber sein, dass auch ein positives Gesamtbild durch Kommentare von Kunden mit extremen Wünschen zustande gekommen sein kann. Patienten, die ein natürliches Ergebnis wollen, seien da möglicherweise an der falschen Adresse. Wer einen krassen Look möchte, sei hier vielleicht richtig.
Für diese Klientel sind Fotos, die Praxen auf Social-Media posten, oft ein Entscheidungskriterium. Auch Stefan Streubel informiert sich so über die neuesten Trends und wer ihm bei der Umsetzung dienlich sein könnte. Derzeit hat Streubel Interesse an einem Cateye-Lift. Hier werden die äußeren Augenwinkel leicht seitlich und nach oben gezogen. Das Ergebnis hält bis zu zwei Jahre.
Von Vorher-Nachher-Bildern, mit denen Beauty-Praxen im Internet werben, hält Teymouri nichts. „Seriös ist das nicht. Unsere Fachgesellschaft verbietet das aus gutem Grund.“ Dargestellt würden ohnehin nur die positiven Seiten und nicht die Misserfolge. Auch warnt er vor Billig-OPs. „Irgendwie muss sich der Preis für den Anbieter rechnen.“ Bei Discount-Anbietern werde gespart, nicht nur an der Arbeitskraft und einer unverzichtbaren ausführlichen Beratung.
Wer sich unter‘s Messer legen will, sollte einen Arzt wählen, der sich ausreichend Zeit nimmt für ein ausführliches Beratungsgespräch – dies sei das A und O. Auch müsse die persönliche Ebene, das Bauchgefühl passen. „Juristisch gesehen begehen wir ohne fundierte Aufklärung Körperverletzung, bei dem, was wir Chirurgen bei ästhetisch-plastischen Eingriffen machen. Und da sollte ein Höchstmaß an Vertrauen zum Arzt herrschen und der Patient sich wohl fühlen“, so Teymouris Fazit.


