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Versorgungsstruktur gerät ins Wanken

Drohende Versorgungslücke? Zahlreiche Hausärzte im Landkreis Altötting vor dem Ruhestand

Im Landkreis Altötting wird innerhalb der nächsten zehn Jahre fast jeder dritte Arzt in Rente gehen.
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Im Landkreis Altötting wird innerhalb der nächsten zehn Jahre fast jeder dritte Arzt in Rente gehen.

Im Landkreis Altötting droht ein Ärztemangel: In den nächsten Jahren gehen viele Hausärzte in Rente. Was bedeutet das für die Versorgung vor Ort? Ein möglicher Ausweg steht noch in den Sternen.

Landkreis Altötting – Im Landkreis Altötting stehen zahlreiche altersbedingte Praxisaufgaben bevor. Von aktuell 74 hausärztlich tätigen Ärzten werden nach Angaben des Kreisverbands rund 29 innerhalb der nächsten zehn Jahre in den Ruhestand gehen. Gleichzeitig ist die Arbeitsbelastung in den Praxen stark gestiegen: Während im Jahr 2000 pro Quartal rund 900 Patienten betreut wurden, liegt diese Zahl mittlerweile bei bis zu 2.500. Neue Patienten können deswegen vielerorts nicht mehr aufgenommen werden. Die Sorge wächst, dass die wohnortnahe hausärztliche Versorgung in Teilen des Landkreises künftig nicht mehr flächendeckend gewährleistet werden kann.

Hausärztliche Versorgung rechnerisch gedeckt – aber ungleich verteilt

Im Landkreis Altötting gibt es aktuell 68,5 Hausarztsitze, die von der Kassenärztlichen Vereinigung eingeplant sind. Tatsächlich arbeiten aber 74 Hausärzte: 37 im Bezirk Burghausen und 37 im Bezirk Neu-/Altötting. Der Unterschied kommt daher, dass es zwei Arten gibt, wie gezählt wird: Für die Bedarfsplanung wird nicht jeder Arzt voll angerechnet – wer zum Beispiel nur in Teilzeit arbeitet, zählt nur anteilig. Die höhere Zahl von 74 ergibt sich dagegen aus der reinen Personenzählung, bei der jeder Arzt nur einmal gezählt wird, egal wie viel er arbeitet. Das heißt: Auch wenn es auf dem Papier mehr Hausärzte gibt als Sitze, bedeutet das nicht automatisch, dass genug Zeit für alle Patienten da ist.

Ein weiteres Problem ist, dass die Hausärzte nicht gleichmäßig im Landkreis verteilt sind. In einigen kleinen Gemeinden gibt es keinen einzigen Hausarzt mehr, während in größeren Orten mehrere Praxen zu finden sind. Besonders ältere Menschen auf dem Land haben dadurch längere Wege und schlechteren Zugang zur medizinischen Versorgung. So gibt es allein in Burghausen 17 Ärzte, während es in Mehring nur einen gibt. In Altötting gibt es elf Ärzte und in Neuötting sieben, während es in Tüßling, Unterneukirchen und Kastl nur einen Hausarzt gibt.

Steigende Patientenzahlen – überlastete Praxen

Noch in den 1990er Jahren wurde mit der Einführung von Budgetierungen und Niederlassungsregelungen ein System etabliert, das die freie Niederlassung von Ärzten einschränkte. Ziel war es, die Zahl der Arztpraxen zu steuern und die Kosten zu begrenzen. Infolge dieser Regelung kam es kurz vor Inkrafttreten zu einer regelrechten Welle von Neuniederlassungen – genau diese Ärztegeneration erreicht nun in den kommenden Jahren das Rentenalter.

Gleichzeitig sind aber auch die Patienten älter geworden und die Krankheitshäufigkeit nahm somit zu. Auch der Zuwachs von Migranten führte zu mehr und mehr Patienten in den Praxen der Hausärzte. Dr. med. Jan Erik Döllein, Sprecher des Ärztlichen Kreisverbands Altötting, ist der Ansicht, dass die hohe Belastung so manchen Arzt dazu bewegen könnte, früher in Rente zu gehen oder selektiv bei der Aufnahme von Patienten zu sein. Vor allem chronisch Kranke fielen dann häufig aus dem Raster – da sie regelmäßiger Versorgung bedürfen und die Kapazitäten dafür schwinden.

„Als in Neuötting ein langjähriger Hausarzt in den Ruhestand ging, standen plötzlich mehr als 1.500 Patientinnen und Patienten ohne hausärztliche Betreuung da“, so Dr. Döllein „Für die Kollegen ist es schwierig zu stemmen, alle Patienten unterzubekommen und das Eis wird jedes Jahr dünner.“ Dabei gibt es laut Döllein durchaus medizinischen Nachwuchs: Allgemeinmedizin ist unter Medizinstudierenden ein beliebtes Fach, und es bestehen zahlreiche Initiativen, um junge Ärzte für die Tätigkeit in der hausärztlichen Versorgung zu begeistern. Dennoch scheitert die Nachfolge in vielen Fällen nicht am Interesse, sondern an den Rahmenbedingungen.

Die Versorgung mit Hausärzten im Landkreis Altötting.

Nachwuchs vorhanden, aber nicht für selbstständige Praxen

„Der Beruf ist wunderschön“, betont Hausarzt Döllein. „Aber wenn ich als junger Arzt eine Praxis übernehme, gehe ich ein unternehmerisches Risiko ein. Wenn ich einen Autounfall habe, ist meine Existenz bedroht.“ Dazu kommen Investitionskosten von mehreren Hunderttausend Euro, geringe finanzielle Planungssicherheit und eine Arbeitsrealität, die mit der Erwartung an ein flexibles Berufsleben kollidiert. Der zunehmende Anteil von Frauen in dem Beruf – rund 75 Prozent der neuen Hausärzte sind Frauen – verändere zusätzlich die Ansprüche an Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Beschäftigungsmodelle. Viele wollen nicht mehr selbstständig arbeiten, sondern bevorzugen ein Angestelltenverhältnis, wie es etwa in Kliniken möglich ist – und die Gehälter sind annähernd gleich hoch, wie die von Hausärzten.

Aus Sicht der Ärztevertreter liegt ein Grundproblem auch in der politischen Bewertung medizinischer Leistungen. „Gesundheitsversorgung wird nicht als Daseinsvorsorge verstanden, sondern als Kostenfaktor“, kritisiert Döllein. „Das ist das Grundübel unserer Haltung dem Gesundheitssystem gegenüber.“ Besonders die Budgetierung ärztlicher Leistungen sorge für Frustration, denn Ärzte, die mehr leisten als der Durchschnitt ihrer Fachgruppe, bekommen viele Leistungen nur noch zu zehn Prozent oder gar nicht bezahlt. Die Folge: Viele Medizinstudenten gehen nach dem Studium ins Ausland.

Kommunale MVZs als Lösung?

Trotz aller Herausforderungen gibt es auch im Landkreis Altötting erste Ansätze für zukunftssichere Lösungen. Dr. Döllein ist der Meinung, dass medizinische Versorgungszentren (MVZ) ein Schlüssel sein könnten. In manchen Städten und Gemeinden seien bereits eigene MVZs gegründet worden, um Ärzte anstellen zu können, statt sie zur Niederlassung zu drängen. Auch so könnten Kommunen einem Ärztemangel entgegenwirken.

„Wenn 29 Hausärzte in den nächsten Jahren wegfallen, aber nur wenige nachkommen, dann müssen wir als Kommune handeln“, sagt Döllein, der selbst im Kreistag sitzt. Landrat Erwin Schneider (CSU) sei sich der Lage bewusst, doch es sei schwierig, politische Mehrheiten für kommunal getragene Modelle zu gewinnen, so Döllein. „Im benachbarten Landkreis Mühldorf fehlen bereits 13 Hausarztsitze – eine drohende Unterversorgung ist dort bereits Realität“, warnt er. Auch in Simbach gebe es bereits acht unbesetzte Sitze. Im Landkreis Altötting sind es derzeit vier – aber für wie lange noch?

Wenn Sie uns zum Thema Ärzte & Gesundheit ihre Geschichte mitteilen wollen, wenden Sie sich bitte an recherche@ovb.net.

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