Marktwirtschaftliche Lösung
Geothermie für Polling und Mühldorf: Bringt ein neuer Interessent die Wende?
In Polling gibt es genügend heißes Wasser aus der Tiefe, um damit Häuser in Polling und Mühldorf zu heizen. Bislang scheint daraus aber nichts zu werden. Angeblich zu teuer. Jetzt kommt doch noch Bewegung in die Angelegenheit – abseits von Kommunen und öffentlicher Verwaltung.
Polling/Mühldorf – Ist die Fernwärme mit Pollinger Geothermie für Mühldorfer und Polling schon tot, ehe sie begonnen hat? Dieser Eindruck kann derzeit entstehen. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt dagegen ein anderes Bild. Das ergeben Recherchen der OVB Heimatzeitungen.
In Mühldorf hat Bürgermeister Michael Hetzl zu Jahresbeginn die Verhandlungen mit dem Betreiber der Pollinger Geothermie, der Erdwärme Inn GmbH (EWI), abgebrochen: Die EWI habe „überzogene Preisforderungen“, versuche „zu schröpfen“, am Ende würden die Abnahmepreise bei 20 Cent je Kilowattstunde liegen, wären doppelt so teuer wie die rund 30 Jahre alte Geothermie in Waldkraiburg.
Ernüchterung in Pollings Bauausschuss
Auch in Polling scheint der Traum von einem Fernwärmenetz mit der Geothermie zu platzen. In der jüngsten Sitzung des Bauausschusses sprachen die Gemeinderäte über den Entwurf einer aktualisierten Machbarkeitsstudie. Das Ergebnis: langes, bedrücktes Schweigen.
Der Studienautor gehe von einem unrealistischen Einkaufpreis von 5,5 Cent je Kilowattstunde aus, lande trotz 40-jähriger Finanzierung für das Dorf Polling bei Gesamtgestehungskosten von 25,87 Cent je Kilowattstunde, hieß es in der Sitzung. In der jüngsten Gemeinderatssitzung wurden vom Studienautor als Vergleichszahlen für Pelletheizung 14,3 Cent, für Wärmepumpe 16,3 Cent und für Heizöl 17,9 Cent genannt.
Gemeinderat befürchtet „Millionengrab“
Sollte Polling ein Fernwärmenetz selber bauen, drohe ein Millionengrab, fasste es Andreas Maierhofer (CSU) zusammen. „Es ist leider so, dass es sehr, sehr teuer wird“, sagte Bürgermeister Lorenz Kronberger (UWG).
Aus der Traum. Ratlosigkeit und Schweigen. Bis Maierhofer fragte: „Finden wir wen, der es billiger macht?“ Der es für die Gemeinde baue?
Die Antwort: Schweigen – auch von Kronberger, ehe er raunt: „Es hat sich ja jemand angekündigt.“ Mehr sagt er dazu nicht.
Wärmedienstleister hat Interesse an Mühldorf
Es gibt in der Tat jemanden, der auf eigene Kosten und Risiko ein Fernwärmenetz für Polling und Mühldorf bauen und betreiben möchte. Der habe auch schon „mit den Bürgermeistern von Polling und Tüßling, den Stadtwerken Mühldorf und dem Landkreis gesprochen“, erklärt Ferdinand Schmack, Geschäftsführer der EWI, auf Anfrage der OVB Heimatzeitungen. Dieser Betreiber peile für die Endkunden einen Abnahmepreis zwischen 15 und 18 Cent je Kilowattstunde an.
Bereits im April hatten die EWI-Gesellschafter, Peter Reichenspurner und Ferdinand Schmack, den OVB Heimatzeitungen gesagt, dass sie für ein mögliches Fernwärmenetz einen eigenen Betreiber suchen. Der ist jetzt gefunden. Schmack: „Wir verhandeln mit einem großen überregionalen Wärmedienstleister, der das gesamte nachgelagerte Wärmenetz errichten möchte.“
Die Verhandlungen seien kurz vor dem Abschluss. „Der Preis für Endkunden wird voraussichtlich in einem Korridor von circa 15 bis 18 Cent je Kilowattstunde liegen.“ Und dieser Betreiber sei mit der EWI in der Region schon vorstellig gewesen.
Gespräche werden bestätigt, mehr nicht
Landrat Max Heimerl bestätigt Gespräche: „Das Ergebnis ist aktuell noch offen.“
Alfred Lehmann, Chef der Stadtwerke Mühldorf und der EVIS, schreibt auf Anfrage: „Die Stadtwerke Mühldorf/EVIS sind weiterhin im regen Austausch mit verschiedenen Projektpartner, unter anderem auch mit dem neuen Partner der EWI.“ Zu den Inhalten dürfe er nichts sagen. Bürgermeister Kronberger ließ eine Anfrage dazu unbeantwortet.
Mühldorfs Bürgermeister Hetzl erklärt, dass die Stadt die „neue Partnerkonstellation“ bei der EWI „zur Kenntnis“ nehme. Es gebe daneben auch Verhandlungen mit anderen möglichen Partnern. „Einigkeit ist bislang aber nicht erzielt worden.“
Bürgermeister Hetzl möchte weiter mit der EVIS bauen
Es sei „erfreulich“, dass sich die EWI und ihr Partner beim Endkundenpreis „den Vorstellungen der Stadt“ annähern, meint Hetzl. Das sieht auch Stadtwerke-Chef Lehmann so: 15 bis 18 Cent je Kilowattstunde „liegt zwar immer noch leicht über einem marktfähigen Preisniveau aus Kundensicht, geht aber in die richtige Richtung.“ Auch dazu ließ Kronberger eine Anfrage unbeantwortet.
Selbst wenn die EWI jetzt einen Partner hat, der das Netz selber bauen und betreiben möchte, bleibt Hetzl dabei: „Wir verhandeln von Anfang an in der aktuellen Konstellation mit dem Ziel, über die EVIS ein Fernwärmenetz für Mühldorf zu realisieren. Es gibt keinerlei Anlass, an diesem Ziel nicht weiterhin festzuhalten.“
Hauptgesellschafter der EVIS ist stark im Gasgeschäft engagiert
An der Energieversorgung Inn-Salzach GmbH (EVIS) hält die Energie Südbayern (ESB) 60 Prozent der Anteile. Die ESB machte 2023 laut aktuellstem Geschäftsbericht 60 Prozent ihres Umsatzes mit dem Verkauf von Gas und 32 Prozent mit Strom.
Gefragt nach einem Interessenkonflikt der EVIS-Gesellschafter zwischen Gas-Geschäft und Geothermie schreibt Stadtwerke- und EVIS-Chef Lehmann: „Für uns als Geschäftsführung und auch bei allen unseren Gesellschaftern war immer klar, dass eine Fernwärmeversorgung durch Geothermie, wenn sie wirtschaftlich darstellbar ist, eine große Chance für die Region ist. Wir sind weiterhin daran interessiert, Wärmenetze umzusetzen, wenn sich für die Kunden ein vernünftiger Endpreis realisieren lässt und das Projekt für alle Beteiligten wirtschaftlich ist.“
Landrat Heimerl möchte einfach Wärme für seine Gebäude
Landrat Max Heimerl hat keine Vorlieben für einen Netzbetreiber: „Wir sind nur Abnehmer. Dies ist unabhängig vom jeweiligen Leitungsnetzbetreiber möglich.“ Neben der EWI prüfe das Landratsamt „weitere Optionen“. Heimerl möchte die Liegenschaften des Landkreises – unter anderem das Landratsamt, das Krankenhaus und die Schulen – mit Fernwärme heizen.
Während die Stadtwerke, die EVIS und die Stadt Mühldorf prüfen und Polling schweigt, machen die EWI und ihr Partner Nägel mit Köpfen. „Wir haben mit der Planung der ersten Versorgungstrassen nach Mühldorf begonnen und wollen die Netzplanung zunächst für Mühldorf vorantreiben“, schreibt EWI-Chef Schmack. „Mit Mühldorf wurden Gespräche auf Ebene Evis und Stadtwerke geführt. Diese sind derzeit nicht mehr am Ausbau der Versorgung beteiligt.“
