Wohnung nach 15 Jahren gekündigt
Waldkraiburger Familie mit schwerstbehindertem Sohn verliert ihr Zuhause – und findet kein neues
Vor dem Kosovo-Krieg geflohen, in Waldkraiburg ein neues Leben aufgebaut – und nun steht eine Familie mit ihrem schwerstbehinderten Sohn vor einer ungewissen Zukunft.
Waldkraiburg – Sobald die Gäste in der Wohnung sind, schließt Fluri Gashaj (53) die Wohnungstür wieder ab, verstaut sie den Schlüssel im Flur in einer Kommode - aus Sorge um ihren Sohn Fatjon (19). Der ist extremer Autist, kann nicht sprechen, kann sich nicht verständlich machen, er könnte sonst die Wohnung unbemerkt verlassen, draußen hilflos umherirren.
Gashaj führt ins Wohnzimmer. Sie lächelt, aber unter der Oberfläche ist ihr die Erschöpfung anzumerken. Eine Erschöpfung, die sich über Monate, Jahre und Jahrzehnte aufgebaut hat. Eine Erschöpfung, zu der jetzt auch noch eine Existenzsorge kommt: Ihrer vierköpfigen Familie wurde die Wohnung gekündigt, bis zum Jahresende müssen sie raus, sie können aber einfach nicht Neues finden.
An Schlaf ist fast nicht mehr zu denken
„Ich bin seit drei Uhr wach“, erzählt Gashai. Mal wieder. Fast jede Nacht wird sie geweckt, weil Fatjon wach und unruhig ist. Also steht Gashaj auf, beruhigt ihn. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.
Fatjon ist Autist, hat eine Intelligenzminderung, einen Grad der Behinderung von 100 und in seinem Schwerbehindertenausweis das Zeichen „H“: hilflos. Er kann sich nur durch unverständliche Laute bemerkbar machen.
Vor allem Gashaj kümmert sich um ihren jüngsten Sohn. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Sie kann ihn einfach am besten beruhigen. Einzige Verschnaufpause für sie: Wenn er vormittags in der Förderschule in Au ist.
Sicher, ihr Mann helfe, wenn er kann, erzählt sie. „Aber er muss arbeiten“. Auch ihr zweiter Sohn (22) braucht seinen Schlaf. Er macht gerade eine Ausbildung.
Vor dem Kosovo-Krieg geflohen, in Waldkraiburg neues Zuhause gefunden
Fluri Gashaj und ihr Mann (61) flohen vor 26 Jahren aus dem Kosovo und vor dem Krieg, vor dem, was er den Menschen und ihrer Familie angetan hat, vor dem, was Fluri Gashaj selber erleiden musste. Traumatische Ereignisse, die ihr heute noch die Tränen in die Augen treiben.
In Waldkraiburg fand das Paar damals ein neues Zuhause. Sie lernten Deutsch, er fand in Ampfing in einem kleinen Familienbetrieb Arbeit, ist heute noch dort. Später kamen die beiden Söhne zur Welt.
Doch mit Fatjon schlug das Schicksal erneut zu. „Er ist völlig auf die Hilfe seiner Familie, insbesondere von seiner Mutter angewiesen“, sagt Birgit Stockinger vom Caritaszentrum in Mühldorf. Auf der Straße muss ihn seine Mutter an der Hand nehmen und führen. Auf den Spielplatz kann er nicht mehr gehen. Der hilflose 19-jährige junge Mann ist den anderen Kindern unheimlich. „Alle Kinder sind weg, sie haben Angst“, erzählt Gashaj die Kinder, sie kann die Mütter verstehen, aber gerade schaukeln würde Fatjon helfen, ihn zu beruhigen.
So eine Schaukel hat er jetzt in seinem Kinderzimmer. Sobald er darauf sitzt und schwingt, wird er ruhig, lassen seine Laute nach. Aber wie lange noch?
Seit 15 Jahren wohnt die Familie in der ehemaligen Genossenschafts-Wohnung mit Nachtspeicheröfen in Waldkraiburgs Norden. Doch vor gut einem Jahr haben die Eigentümer Eigenbedarf für die Vier-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss angemeldet. Sie seien Rentner und selber krank, schreiben sie.
Vergebliche Wohnungssuche
Seitdem sucht die Familie Gashaj nach einer neuen Bleibe: in Waldkraiburg, in Ampfing, in Mühldorf. Weiter weg könnten sie nicht: ihr Mann arbeite in Ampfing und Fatjon gehe in Au in eine Förderschule.
Sie suchen im Internet, auf eBay-Kleinanzeigen, im Rathaus und bei der Kirche. Vergeblich. Vieles ist zu teuer. Geld für eine eigene Wohnung oder Häuschen haben sie nicht, Kredit gebe es bei ihrem Alter nicht mehr; sie könne wegen Fatjon nicht arbeiten gehen.
Und dann ist da noch ein Problem: „Fatjon kann seine Laute nicht kontrollieren“, erklärt Stockinger. Er ist laut, stört dann auch die Nachbarn. Schwierig in einem Wohnblock, schwierig da eine neue Wohnung zu bekommen. Gashaj kann die Nachbarn verstehen, aber was soll sie machen?
„Der dringlichste Wunsch der Familie wäre ein kleines Häuschen mit abgeschlossenem Garten, dass sich der behinderte Sohn im Garten frei bewegen kann und ihm nichts passiert“, sagt die Caritas-Mitarbeiterin Stockinger.
„Er muss Energie ablassen“, ergänzt Gashaj. Bewegen, dann ist Fatjon ruhiger, kann er besser schlafen und damit auch seine Mutter. „Der Arzt hat dringend körperliche Aktivität empfohlen“, unterstreicht Stockinger.
„Ich muss Kraft haben für meinen Sohn“
„Mein Herz ist total kaputt“, sagt Gashaj. „Aber ich muss Kraft haben für meinen Sohn“, obwohl sie keine mehr hätte.
„Das ist schon ein außergewöhnlicher Fall“, erklärt Stockinger ihre Hilfe bei der Wohnungssuche. „Die Familie versucht auf allen Wegen eine Wohnung für sich und Fatjon zu finden, um ihn weiter bestmöglich zuhause betreuen zu können.“
Wer der Familie helfen möchte, kann sich bei Birgit Stockinger, Caritaszentrum Mühldorf, telefonisch (08631/3763-22) oder per E-Mail (Birgit.Stockinger@caritasmuenchen.org) melden.