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Linienstern Mühldorf: Vom „Auftakt neuen Eisenbahnzeitalters“ zum Schlusslicht der Region - Warum?
Mit großen Erwartungen wurde vor etwas mehr als 30 Jahren der Start des Liniensterns Mühldorf gefeiert. Heutzutage macht er oft durch Negativmeldungen, was Servicequalität, Pünktlichkeit und Zugausfälle angeht, von sich reden. Wie kam es dazu?
Mühldorf – „Linienstern leuchtet über Mühldorf - Für den südostbayerischen Raum ist das der Beginn eines neuen Eisenbahnzeitalters“, so die Überschrift eines Berichts, der Teil einer seitenfüllenden Reportage über den Auftakt für den Linienstern in der Ausgabe des Oberbayerischen Volksblatts (OVB) vom 30. Mai 1994. „Schlaglichter aus der Eisenbahnerstadt Mühldorf: Staatssekretär Spitzner vom bayerischen Wirtschaftsministerium schwingt den Maßkrug — Straubings Landrat Ingo Weiß hisst seine Landkreisfahne — Heinz Simons vom südbayerischen Geschäftsbereich Nahverkehr der Deutschen Bahn spricht von einem neuen Eisenbahnzeitalter für Südostbayern“, heißt es darin, „Dazu jede Menge Bürgermeister aus Ober- und Niederbayern. Alles ausgelöst durch einen ‚Stern der Weisen‘, den Linienstern Mühldorf, kreiert vom bayerischen Wirtschaftsministerium und der Deutschen Bahn AG.“
„Rund 10.000 Leute kamen zur Eröffnung in die Eisenbahnerstadt, drängten in die Züge, bestaunten den Dampfzug. Bleiben wird der Andrang wohl nicht. Doch ein gutes Omen, so meinte Heinz Simons vom Geschäftsbereich Nahverkehr der Deutschen Bahn AG, der zur Feier des Tages seine Oberamtsräte in Ober verwandelte. Sie servierten der Prominenz das Mittagessen“, heißt es weiter. Bei dieser Gelegenheit wurde außerdem der Zugbetrieb zwischen Mühldorf und Rosenheim wieder vollständig aufgenommen, der knapp ein Jahrzehnt davor noch auf der Kippe stand. „Das Wichtigste bei alledem ist wohl der Bürger. Viel hängt davon ab, ob er auf die Bahn umsteigt“, wird Staatssekretär Hans Spitzer zitiert.
Linienstern Mühldorf: Vom „Auftakt neuen Eisenbahnzeitalters“ zum Schlusslicht der Region - Warum?
Doch etwas mehr als 30 Jahre später scheint die Lage weniger rosig: Der Linienstern schnitt in den aktuellen Rankings der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) sowohl in Sachen Servicequalität als auch bei Pünktlichkeit und Ausfällen besonders schlecht ab. Bei einer jüngst außerdem veröffentlichten Bewertung der Bahnhöfe landete das zugehörige Bahnhofsmanagement „Südostbayernbahn“ (SOB) zwar auf Platz 2, weist aber trotzdem einen Negativwert von -7,17 Punkten auf. Wie kam es, dass nach den großen Hoffnungen damals heutzutage der Linienstern überall Schlusslicht ist?
„Für den aktuellen Zustand der Eisenbahn im allgemeinen und auch der SOB ist ein ganzer Blumenstrauß von Umständen verantwortlich, der das System insgesamt unzuverlässiger gemacht hat“, erläutert Norbert Moy vom Fahrgastverband „Pro Bahn“, jahrzehntelange Unterfinanzierung vor allem der regionalen Netze, bei denen sich ein hoher Bedarf an Instandhaltungsmaßnahmen aufgestaut hat, personelle Engpässe sowohl beim fahrenden Personal, als auch beim Werkstattpersonal. Erschwerend im Fall der SOB kommt dazu: Die Infrastruktur fast aller Strecken ist eingleisig, obwohl die Zahl der Züge im Personen- und im Güterverkehr zugenommen hat, hat der Ausbauzustand der Infrastruktur nicht mitgehalten.“
„Spitzner müsste man heute sagen: Die Politik hat nicht geliefert“
Dazu komme eine veraltete Leit- und Sicherungstechnik, die die Kapazitäten beschränke. „Vor allem der Ausbau der ABS38 kommt nur schleppend voran, in Erwartung des kommenden Ausbaus werden beispielsweise die Stellwerke nur notdürftig instandgehalten, beziehungsweise nicht erneuert“, klagt Moy, „Der Fahrzeugpark ist in weiten Teilen überaltert, insbesondere die Triebwagen der BR 628 zum Teil über 30 bis 40 Jahre alt.“
Was sagt der „Pro Bahn“-Vertreter schließlich zu der Aussage vor 30 Jahren, es komme auf den Umstieg der Bürger zur Bahn an? „Die Bürger sind nach der Corona-Delle wieder in die Züge zurückgekehrt, die Fahrgastzahlen liegen heute wieder weit über den Zahlen vor 2020“, betont Moy, „Wir sehen, dass die Bürger gerne bereit sind, das Bahnangebot zu nutzen, wenn es einfach ist und auch zuverlässig. Der Erfolg des Deutschlandtickets zeigt, dass Einfachheit wichtig ist. Wenn die Eisenbahn wieder zur alten Zuverlässigkeit zurückkehrt, haben wir eher ein Problem mit Überlastungen, die wir heute an vielen Stellen schon spüren. Zwischen München und Mühldorf müsste schon längst ein Halbstundentakt angeboten werden, für die wachsende Nachfrage. Herrn Spitzer müsste man heute sagen: Wir Bürger haben das Angebot angenommen, aber die Politik hat nicht geliefert - siehe verschleppten Ausbau der ABS 38. Den Ball spielen wir gerne zurück!“
Bahn will Kritikpunkte an Zuständen beim Linienstern korrigieren
Was sagt schließlich die Bahn selbst? „Klar ist: Die aktuelle Pünktlichkeit wird unserem Anspruch an Zuverlässigkeit für unsere Fahrgäste nicht gerecht“, so eine Sprecherin, „Auch wissen wir, dass wir unseren Reisenden derzeit nicht immer die Qualität bieten, die sie zu Recht von uns erwarten. Wir arbeiten mit Hochdruck an Verbesserungen. Im Mittelpunkt steht die Sanierung der zu alten, zu vollen und zu störanfälligen Infrastruktur – unter anderem auf der wichtigen Pendlerstrecke München – Mühldorf. Dort ersetzt die DB unter anderem bis 2027 die mechanischen Stellwerke in Hörlkofen, Thann-Matzbach, Schwindegg und Weidenbach durch moderne Elektronische Stellwerke (ESTW).“ Ein erster Punkt, den der Fahrgastverband bemängelte werde also angegangen.
„Die Erneuerung der Infrastruktur ist wesentlicher Bestandteil unseres DB-Sanierungsprogramms S3, mit dem wir die DB – dazu gehört auch die Südostbayernbahn – bundesweit wieder pünktlicher, verlässlicher und profitabler machen wollen. Aber Ausbau und Modernisierung bedeuten mehr Baustellen in unserem Netz und passieren nicht über Nacht – es wird also dauern“, so die Sprecherin weiter, „Die Südostbayernbahn investiert allein 2025 rund 36 Millionen Euro in eine zukunftsfähige Infrastruktur – unter anderem in die Erneuerung von Gleisen und Weichen in den Bahnhöfen Wasserburg, Altötting und Burghausen.“
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„Auch im Fahrzeugbereich geht die Modernisierung voran – so ersetzen moderne Züge der Baureihe VT 642 schrittweise das alte Modell, den VT 628. Für die effizientere Wartung der Zugflotte erweitert die Südostbayernbahn aktuell ihre Werkstatt in Mühldorf – mit dem Ziel, dass sich die Fahrzeugstörungen reduzieren“, womit ein weiterer Kritikpunkt behoben werden soll. „Weitere Herausforderung bei der Südostbayernbahn ist der zunehmende Fachkräftemangel – unter anderem bei Lokführer:innen. Um auch für die Zukunft ausreichend Mitarbeitende an Bord zu haben, hat die Südostbayernbahn in den vergangenen Jahren ihre Anstrengungen in Sachen Rekrutierung stetig erhöht.“



