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„Unglaublich bereichernder“ Job

Von schweren Schicksalen und viel Hoffnung: So arbeiten Wasserburger Berater mit Geflüchteten

Ines Almanstötter, Christine Petrik, Anja Heubelhuber, Kevin Patrick Komorek (von links) und Saskia Fee Weber (nicht auf dem Foto) beraten Geflüchtete in Wasserburg.
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Ines Almanstötter, Christine Petrik, Anja Heubelhuber, Kevin Patrick Komorek (von links) und Saskia Fee Weber (nicht auf dem Foto) beraten für die Caritas Geflüchtete in Wasserburg.

Sie sind oft ohne Perspektive, einsam und traumatisiert: Wenn Geflüchtete nach einer langen Reise in Wasserburg und Umgebung ankommen, ist eine ihrer ersten Anlaufstelle der Fachdienst für Asyl und Migration der Caritas. Was die Berater dort erleben und wie sie mit schweren Schicksalen umgehen.

Wasserburg am Inn – Von Anträgen bis Kriegstraumata: Die Berater des Fachdiensts für Asyl und Migration der Caritas in Wasserburg sind mit komplexen Themen und oft schweren Schicksalen konfrontiert. Seit nun zehn Jahren stehen sie geflüchteten Personen zur Seite oder organisieren Projekte.

Das Team in Wasserburg, bestehend aus Anja Heubelhuber (34), Christine Petrik (44), Saskia Fee Weber (32), Kevin Patrick Komorek (32) und Ines Almanstötter (47), kümmert sich um die Belange der Geflüchteten, die in Albaching, Babensham, Edling, Eiselfing, Pfaffing, Ramerberg, Soyen und Wasserburg wohnen.

Die Arbeit habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert, erklärt Heubelhuber, die seit Beginn des Beratungsangebotes vor zehn Jahren in Wasserburg dabei ist. Anfangs seien die Neuankömmlinge noch in der Turnhalle bei der Wasserburger Realschule untergebracht gewesen und auch die Berater hätten die Klienten vor Ort besucht, erklärt die 34-Jährige.

Klienten machen Termine beim Fachdienst aus

Anfangs hätten sie noch nach dem Prinzip „frei Schnauze“ agiert, denn es sei eine hohe Flexibilität und Anpassung nötig gewesen. Mit der Zeit seien Strukturen in die Arbeit und verschiedene Änderungen hinzugekommen, zum Beispiel, dass die Klienten mittlerweile einen Termin beim Fachdienst ausmachen und in die Räume am Heisererplatz kommen müssten, erklärt Heubelhuber. Und bei diesen Terminen kann es um alles gehen: um einen Brief, der nicht verstanden wird, einen negativen Asylbescheid oder um Erfahrungen, die die Klienten auf der Flucht gemacht hätten. „Also alles, was zwischen Geburt und Tod anfallen kann“, fasst Petrik, die seit zwei Jahren an Board ist, die Arbeit zusammen.

Eine Hürde könne dabei die Sprachbarriere sein, erklärt Heubelhuber. Die Berater würden zwar zum Teil Französisch, Spanisch, Englisch und Arabisch sprechen, manchmal aber auch mit Händen und Füßen oder Übersetzungsprogrammen kommunizieren, sagt die 34-Jährige. Das Problem sei dabei jedoch, dass die Gefühlsebene so untergehe.

Bei spezifischeren Problemen verweisen die Berater die Geflüchteten zu Regeldiensten. „Letztlich geht es auch um Selbstwirksamkeit und darum, dass unsere Klienten das deutsche Beratungs- und Behördensystem verstehen“, erklärt Petrik. Dabei erschwere die gesamte Bürokratie die Arbeit für beide Seiten, erklären Heubelhuber, Petrik und Almanstötter.

Viele sehen sich in einem Schwebezustand

Montelange Wartezeiten auf Bescheide würden zudem ein Gefühl der Schwebe bei den Klienten auslösen. Manche von ihnen befänden sich nur in Duldung, müssten also eigentlich ausreisen, aufgrund fehlender Papiere sei jedoch die Herkunft nicht geklärt, wodurch eine Abschiebung erschwert werde. Mit dem Status als Geduldeter könnten sie zwar hierbleiben, dürften jedoch keine Arbeit annehmen und könnten mit sogenannten Warengutscheinen nur in Lebensmittelmärkten und Drogerien einkaufen.

Für die Geflüchteten sei das eine perspektivlose Situation. „Manche Klienten verfallen dann in eine tiefe Depression und Ohnmachtsgefühle“, sagt Heubelhuber. Auch der geplante Stopp von Familiennachzügen habe bei den Geflüchteten Frustration und Angst ausgelöst, ergänzt Almanstötter, die seit sieben Jahren beim Fachdienst für Migration tätig ist.

Druckt aus der Heimat und Einsamkeit

Die Folge könnten Suizid-Androhungen, -Versuche und auch Durchführungen sein, so die Beraterinnen. „Mit Druck aus der Heimat, Perspektivlosigkeit und Einsamkeit kann das Leben für Geflüchtete sehr trostlos sein“, erklärt Petrik. Hinzu kämen Kriegstraumata, schlimme Erfahrungen auf der Überfahrt oder in Auffanglagern oder sexuelle Gewalt gegenüber Frauen. Schlafstörungen seien bei rund 90 Prozent der Klienten die Folge, sagt Heubelhuber.

Angesichts der Verhältnisse in den Herkunftsländern ist es für die Beraterinnen des Fachdienstes nachvollziehbar, dass sich Menschen woanders ein gutes Leben aufbauen wollen. Die meisten Geflüchteten möchten ihre Familien ernähren und in einem anderen Land arbeiten, um dort besser zu verdienen, erklären die Beraterinnen. Über ein normales Visum könnten die Klienten oft nicht einreisen, deswegen würde ihnen nur der Weg über Asyl bleiben. „Der Leidensdruck muss immens hoch sein, um den gefährlichen Weg in Kauf zu nehmen“, sagt Petrik. „Die Entscheidung wird nicht leichtfertig getroffen.“

Lernen, auch Abstand zu wahren

Die Arbeit mit Menschen, ihren Sorgen-Päckchen und schweren Schicksalen kann auch für die Berater des Fachdiensts herausfordernd sein. „Wir unterstützen uns im Team. Und letztlich gehört es zum Job, zu lernen, damit umzugehen und einen gewissen professionellen Abstand zu bewahren“, erklären Heubelhuber, Petrik und Almanstötter. Motivation ist für die Beraterinnen auch, dass jeder Mensch in ihren Augen bedingungslose Hilfe verdiene. „Zudem kommt man mit vielen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen in Kontakt. Das ist unglaublich bereichernd“, betont Heubelhuber.

Das Team profitiere auch von den unterschiedlichen Werdegängen der Berater und ergänze sich dadurch. Almanstötter und Petrik haben beide Ethnologie studiert. Heubelhuber hat einen Abschluss in Kultur- und Sozialanthropologie. Komorek ist Theologe und Erzieher und seit drei Jahren im Team. Weber hat Erziehungswissenschaften studiert und ist seit fünf Jahren beim Fachdienst tätig. Zudem weisen alle Grundkenntnisse in Sozialer Arbeit nach.

Chancen-Aufenthaltsrecht als Hilfe

Auch wenn manche Termine für die Berater herausfordernd sind, gibt es auch genug positive Anliegen. Für Hoffnung sowohl bei den Beratern als auch bei den Klienten habe außerdem das Ende 2022 in Kraft getretene, für drei Jahre gültige Chancen-Aufenthaltsrecht gesorgt. Demnach haben laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) langjährig Geduldete, die vor dem 31. Oktober 2017 nach Deutschland eingereist sind, die Chance, eine befristete Aufenthaltserlaubnis für in der Regel 18 Monate zu erhalten. Diese ist zwar nicht verlängerbar, soll aber den Betroffenen ermöglichen, in dem Zeitraum die Anforderungen für ein dauerhaftes Bleiberecht zu erfüllen. Dazu gehören unter anderem die eigenständige Sicherung des Lebensunterhaltes, ausreichende Deutschkenntnisse sowie eine geklärte Identität, so das BAMF. Der Großteil der in Wasserburg langjährig Geduldeten hat es laut Heubelhuber geschafft, die Anforderungen zu erfüllen.

An eine vom Chancen-Aufenthaltsrecht betroffene Person und ihren Werdegang kann sich Heubelhuber noch gut erinnern. „2017 ist eine traumatisierte Frau zu uns gekommen. Sie hatte wahrscheinlich Gewalt erfahren, war depressiv und in Deutschland nur geduldet. Sie lebte mit ihren drei Töchtern über mehrere Jahre in einem Zimmer“, berichtet Heubelhuber. Mit dem Chancen-Aufenthaltsrecht habe auch sie wieder Hoffnung schöpfen können. „Als sie mir dann ihren positiven Aufenthaltstitel zeigte, haben wir beide vor Freude zu weinen begonnen“, erinnert sich die 34-Jährige, die auch jetzt noch eine Gänsehaut beim Erzählen bekommt. Seit drei Monaten wohne die Frau mit ihren Kindern sogar in einer eigenen Wohnung.

Dankbarkeit für das eigene Leben

Begegnungen wie diese sporne das gesamte Team an. Durch die vielen Kulturen und unterschiedlichen Mentalitäten hätten Heubelhuber, Petrik und Almannstötter auch für das eigene Leben etwas mitnehmen können: Demut, Dankbarkeit und die Einstellung, das Leben zu nehmen, wie es kommt.

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