Wie passen diese Zahlen zusammen?
Grenzkontrollen im Leerlauf? Asylzahlen halbiert, aber nur 38 Zurückweisungen in sieben Wochen
Mehr Kontrollen, weniger Asylanträge – doch kaum echte Rückweisungen: Die Zahl der Asylbewerber sinkt deutlich, doch an den Grenzen werden kaum Schutzsuchende abgewiesen. Wie passt das zusammen – und wie groß ist der Effekt der neuen Politik wirklich? Eine Spurensuche zwischen Statistik, Kritik und offenen Fragen.
Kiefersfelden - Die Zahl der Asylanträge in Deutschland ist im ersten Halbjahr 2025 stark gesunken – fast um die Hälfte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig ist auffällig: Die seit Mai geltende Regelung zur Zurückweisung von Asylbewerbern an der Grenze führt bislang nur in Einzelfällen zu tatsächlichen Zurückweisungen.
Laut Bundesinnenministerium wurden zwischen Januar und Juni bundesweit rund 61.000 Erstanträge auf Asyl gestellt – ein Rückgang um knapp 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sieht darin einen Erfolg seiner „Migrationswende“. Seit Anfang Mai werden an deutschen Außengrenzen nicht nur Papiere kontrolliert, sondern erstmals auch Schutzsuchende direkt zurückgewiesen – wenn sie bereits in einem anderen EU-Staat registriert sind.
Die Bundesregierung postete in diesem Zusammenhang am Montag (7. Juli) auf Facebook: „Die Zahl der Asylanträge ist auf das niedrigste Niveau seit über einem Jahrzehnt gesunken (abgesehen vom Corona-Lockdown 2020).“
Nur wenige tatsächliche Rückweisungen
Doch die Statistik zeigt: Von den rund 8000 unerlaubten Einreisen, die allein zwischen Mai und Ende Juni an deutschen Grenzen registriert wurden, wurden lediglich 285 Menschen wegen eines geäußerten Asylbegehrens zurückgewiesen – in Bayern sogar nur 38 an der Grenze zu Österreich, keine einzige an der Grenze zu Tschechien. Die weitaus meisten der rund 6000 Zurückweisungen in diesem Zeitraum betrafen andere Gründe wie fehlende Papiere oder Einreiseverbote – also Fälle, die auch schon vor der Regeländerung gültig waren.
Hoher Aufwand – geringe Wirkung?
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) übt deutliche Kritik. „Die Zahl der Zurückweisungen ist tatsächlich sehr gering, der Aufwand für die Bundespolizei dagegen riesig“, sagte der für die Bundespolizei zuständige GdP-Vorsitzende Andreas Roßkopf. Allein 285 Asylrückweisungen stünden 2,8 Millionen Überstunden gegenüber – eine Rechnung, die nicht aufgeht, meint die GdP. Vielmehr würden Schleuser inzwischen auf neue, unkontrollierte Routen ausweichen.
Klagen gegen die Praxis
Hinzu kommt: Die Rechtmäßigkeit der neuen Regel ist umstritten. Ein Berliner Gericht stufte bereits die Zurückweisung dreier Somalier an der polnischen Grenze als unzulässig ein. Auch andere Verfahren laufen. Das Grundproblem: Bevor geprüft ist, welcher EU-Staat zuständig ist, dürfen laut EU-Recht eigentlich keine Rückweisungen erfolgen.
Was erklärt dann den Rückgang?
Tatsächlich gibt es neben den deutschen Maßnahmen weitere Faktoren, die den Rückgang der Asylzahlen erklären könnten: Länder auf der Balkanroute haben ihre Grenzregime verschärft, zudem hat sich die Lage in Syrien nach dem Sturz von Präsident Assad verändert. Syrien war jahrelang das Hauptherkunftsland vieler Geflüchteter. Nun liegt Afghanistan knapp vorn.
Doch trotz sinkender Zahlen bleibt das System unter Druck – und die Kritik an den verschärften Grenzkontrollen wird lauter. Die GdP warnt vor einer Überlastung ihrer Kräfte. Bundesinnenminister Dobrindt jedoch will an seinem Kurs festhalten – und spricht von „ersten Erfolgen“.