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Er bringt ein ganzes Dorf zum Schwitzen

„Gigantisch“: So wurde Christof Palmer vom Polit-Flüchtling zum Marathon-Macher in Mittergars

Christof Palmer auf seinem Lieblingsplatz: Vor der selbstgebauten Sauna in seinem Garten in Mittergars.
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Christof Palmer auf seinem Lieblingsplatz: Vor der selbstgebauten Sauna in seinem Garten in Mittergars.

Jedes Jahr bringt Christof Palmer ein ganzes Dorf mit seiner Aktion „Mittergars läuft“ zum Schwitzen. Er fühlt sich pudelwohl im Ort. Dabei ist es reiner Zufall, dass er hier gelandet ist. Seine bemerkenswerte Reise vom politischen Flüchtling zum Lokal-Matador.

Gars/Mittergars – „Das hier ist wie Urlaub“, sagt Christof Palmer und blickt zufrieden auf seinen Garten mitten in Mittergars. Seit neun Jahren lebt Palmer hier. Jedes Jahr mischt er das Dorf auf und bringt die Einwohner zum Schwitzen mit seinem Viertelmarathon. Die Aktion „Mittergars läuft“ ist bereits eine Institution im Ort; die sechste Auflage ist am 5. Juli geplant. Auch dann werden wieder zwischen 80 und 100 Leute mitmachen. Wobei Palmer sagt: „Aufmischen muss man die Leute hier nicht, das schaffen sie auch von alleine.“ Denn: „Mittergars ist gigantisch.“

Palmer und seine Frau sind Mittergarser durch und durch. Dass sie hier gelandet sind, haben sie einer Anzeige im Internet zu verdanken. Dort hätten sie ihr Grundstück gefunden und zugeschlagen. Eigentlich also ein Zufall, dass die beiden an diesem Ort wohnen. Wobei, nein, denn sein Motto ist ganz klar: „Zufälle gibt es nicht.“ Menschen vom gleichen Schlag würden sich „gegenseitig anziehen“ und am Ende habe ohnehin alles seinen Sinn.

Bespitzelt von der Geheimpolizei

Vielleicht ist es dieses Lebensmotto, das Palmer trotz seiner turbulenten Lebensgeschichte so ruhig erscheinen lässt. Denn der 68-Jährige ist ein politischer Flüchtling. Es ist eine Biografie, mit der Palmer nicht hausieren geht, doch wenn man ihn fragt, erzählt er sie. Von den „kaum vorstellbaren Zeiten“ im Polen seiner Jugend, als die Sowjetunion und die kommunistische Diktatur noch feste Hand über sein Heimatland hatten.

Rund 200 Teilnehmer waren beim 12-Stunden-Lauf in Mittergars dabei, auch dieser wurde von Christof Palmer organisiert.

Palmer wuchs dort mit seinen Geschwistern bis in die 1980er Jahre auf, bis er schließlich als Student an der Universität die Aufmerksamkeit der Geheimpolizei, der Służba Bezpieczeństwa, auf sich zog. „Wir waren drei Studenten und haben Kabarett gemacht“, erzählt er. Sketche mit Zeitungen etwa, die sie aufschlugen, durchblätterten und spitz kommentierten. „Wir waren jung und dachten, wir könnten alles sagen“, erinnert er sich.

Die Regierung war anderer Meinung. Allmählich geriet die Gruppe ins Visier und wurde bespitzelt. Fotos wurden gemacht, schließlich wurden die jungen Männer verhört. Palmer saß einem Oberst gegenüber, der ihm ein Ultimatum stellte. „Ein Gespräch, das ich nie vergessen werde“, sagt er. „Ich hatte die Wahl: Entweder, ich verlasse sofort das Land und kehre nie mehr zurück, oder ich lande im Gefängnis“, erzählt Palmer. Fünf Minuten Bedenkzeit habe er bekommen; Palmer entschied sich schließlich für Ersteres. „Das war hart“, sagt er. Dass die Sowjetunion kaum zehn Jahre später zusammenbrechen würde: „Das war zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellbar“, erzählt er. „Ich dachte, ich würde meine Freunde und meine Familie nie wiedersehen.“

„Jetzt bist du Deutscher“

Zwei Wochen später sei er an der ersten Haltestelle in Westdeutschland mit 100 Mark in der Tasche aus dem Zug ausgestiegen und begann ein neues Leben. Die Ankunft in einem neuen Land sei schwer gewesen, doch Palmer hatte auch Glück im Unglück. „Ich stellte fest, dass ich, um in Deutschland zu leben, vorteilhafte Wurzeln hatte.“ Seine Vorfahren stammten aus Oberschlesien und Palmer bekam als „Spätaussiedler“ bald den deutschen Pass ausgehändigt. „Sie drückten mir ein Dokument in die Hand, das ich nicht verstand, und meinten: „Jetzt bist du Deutscher. Ich sagte: Aha“, erinnert sich Palmer mit einem Lachen.

Christof Palmer hat heuer den 12-Stunden-Lauf organisiert. Mit solchen Aktionen bringt er ganz Mittergars regelmäßig zum Schwitzen.

Über mehrere Auffanglager für Geflüchtete und weitere Stationen in ganz Deutschland landete er schließlich in Saarbrücken und begann dort zu studieren. Über eine Dosenfirma in Saarbrücken schickte er Briefe und Geld, verpackt in Büchsen in die Heimat, und hielt Kontakt mit der Familie. Nach und nach flohen aber sowohl Palmers Eltern als auch seine Geschwister aus Polen nach Deutschland.

Auch wenn diese Zeit, vor allem anfangs, manchmal schwer gewesen sei, heute sagt er über seine gezwungene Ausreise nach Deutschland: „Gott sei Dank ist das passiert.“ Es sei wie ein „Sechser im Lotto“ gewesen. „Wer weiß, wo ich sonst gelandet wäre? Wahrscheinlich wäre ich immer noch in einem kleinen Dorf irgendwo in Polen und ich würde ums Überleben kämpfen.“

Gesundheitliche Probleme brachten ihn zum Laufen

Stattdessen wurde er Programmierer, arbeitete in einem Software-Unternehmen und jettete eine Zeit lang um die ganze Welt. Zeitweise habe er drei, vier Monate in Singapur oder New York verbracht. „Ich habe viel gearbeitet“, sagt er, „teilweise vielleicht auch zu viel“, meint er heute. Aber er habe als Einwanderer aus einem anderen Land nicht „der Letzte“ sein wollen. Gesundheitlich ging es ihm aber irgendwann schlechter. Er habe viel geraucht zu dieser Zeit, an die 100 Zigaretten am Tag, habe mit Magengeschwüren zu kämpfen gehabt, später sei sogar noch eine Krebsdiagnose hinzugekommen.

Gemeinsam mit Laura Hüfner organisierte Christof Palmer den 12-Stunden-Lauf. Mit solchen Aktionen bringt er ganz Mittergars regelmäßig zum Schwitzen.

Palmer beschäftigte sich mit Meditation, wurde Reiki-Meister, zog irgendwann nach Bayern, zunächst in die Region Fürstenfeldbruck. Beruflich sattelte er um, wurde Chef-Einkäufer in einer Holzfirma. Seine Kontakte nach Polen und seine Muttersprachen hätten ihm sehr dabei geholfen, diesen Job zu finden.

Vor allem setzte der 68-Jährige aber auf den Sport. Schon in Polen habe er viel Sport getrieben, habe zwischenzeitlich sogar „halb-professionell“ Basketball gespielt und ein bisschen was dabei verdient. Palmer begann auch der Gesundheit wegen zu laufen; mit 50 Jahren absolvierte er seinen ersten Marathon. „Wer rastet, der rostet“, sagt er heute. Das sei auch der Grund, warum er die Mittergarser gerne zum Schwitzen bringe.

Lieblingshobby: Schnäpse mischen

Dabei war der Start der Aktion „Mittergars läuft“ auch nur ein Zufall. Drei Nachbarn hätten mit ihren Frauen um mehrere Flaschen Wein gewettet. Sie sollten es in wenigen Monaten schaffen, zehn Kilometer am Stück zu laufen. Palmer bot ihnen an, sie zu trainieren. Der Mittergarser Viertelmarathon war geboren. Doch bei all dem Sport, das Vergnügen darf nicht fehlen. Nach dem Viertelmarathon lädt Palmer deshalb alle Teilnehmer zu sich ein. In seinem Garten mitten in Mittergars dürfen sich die Läufer dann bei einem selbst gemischten Schnaps von ihren Strapazen erholen.

Die hochprozentigen Spirituosen dafür kauft Palmer bei seinen regelmäßigen Besuchen in Polen. „So etwas kann man in Deutschland gar nicht kaufen“, sagt er. Den Mittergarsern aber scheint es zu schmecken. Kein Wunder also, dass er von seinem Dorf sagt: „Das ist der beste Ort in ganz Bayern.“

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