Porträt eines „Unkaputtbaren“
Vom Polizisten zum „Macher von Wasserburg“: So tickt Organisationstalent Sepp Christandl
Er sagt von sich, er sei ein „Wasserburger Lausbua“. Das stimmt irgendwie, denn Sepp Christandl (63) hat Humor und ist sehr kommunikativ. Doch er ist noch viel mehr – ein Organisationstalent in puncto Großveranstaltungen. Warum der Macher künftig etwas kürzertreten und dafür in einem neuen Gebiet Akzente setzen will.
Wasserburg am Inn – Mit 63 Jahren steht Sepp Christandl mitten im Leben – geerdet, lebensfroh und vielfach aktiv. Und obwohl er niemals ein „Vereinsmeier“ werden wollte, ist die Liste seiner bisherigen „Schanzerl“ mit vier Bürgerspielen, 16 Jahren Historische Stadtführungen und 15 Jahren Nachtflohmarkt beachtlich. Er selbst bezeichnet sich als „Wasserburger Lausbua“, der jeden Winkel und jedes Gasserl seiner Heimatstadt „in seiner wunderbaren Kindheit“ bespielt hat „Do bin i dahoam,“ sagt er aus tiefstem Herzen.
Er kennt Gott und die Welt
Hier ist er fest verwurzelt, ebenso wie mit vielen seiner alten Spezis. Das wird spürbar, wenn er mit Begeisterung eine seiner heiteren Anekdoten erzählt oder wenn man ihn „live“ erlebt. Er kennt Gott und die Welt und wenn es ums Organisieren geht, nutzt er sämtliche Kanäle. Denn geht es um die Umsetzung kultureller Projekte, ist ihm keine Herausforderung zu groß. Man denke nur an die Bürgerspiele, die Inszenierung des historischen Schiffszugs oder das Mammutprojekt „Wallenstein“, dass 2013 hunderte Mitwirkende und tausende begeisterte Zuschauer in die Wirren des 30-jährigen Kriegs eintauchen ließen.
Ein Polizist als Macher
Hört man sich im Theaterkreis Wasserburg e.V. um, dessen Vorsitzender Christandl seit 2010 ist, wird schnell deutlich: Der Sepp ist ein Macher. Kommunikativ, spontan, umgänglich, zielorientiert und durchsetzungsstark, aber auch humorvoll und feiertauglich. Er selbst beschreibt sich als diszipliniert, ambitioniert, und verantwortungsbewusst. Passend dazu wurde sein Organisationstalent auch durch seinen Beruf geschärft: 42 Jahre war der gebürtige Wasserburger bei der Polizei, davon 25 Jahre als Ermittler.
Viele Facetten seines Berufs hätten ihm wertvolle Erfahrungen gebracht, die er auch bei seinem ehrenamtlichen Engagement gut einsetzen könne. Schließlich gehe es immer darum, eine mehr oder weniger große Zahl an Mitwirkenden zu organisieren, zu motivieren und auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören. Dabei sei es hilfreich, dass er schnell Situationen einschätzen, Strategien zur Lösungsfindung entwickeln, improvisieren und moderieren könne, sagt Christandl.
„Der Sepp ist unkaputtbar“
„Sepp ist ein Macher, ein Organisationstalent, ein Netzwerker“, sagt Christian Huber. Seines Zeichens kongenialer Partner, des umtriebigen Wasserburgers bei der Umsetzung kultureller Projekte. Gemeinsam haben die beiden in 26 Jahren vier Freilicht-Großveranstaltungen gewuppt. „Der Sepp ist unkaputtbar. Er ist hart im Nehmen, hat er ein hohes Verantwortungsgefühl, kennt sich gut in rechtlichen Fragen aus, versteht Spaß und kann extrem gut feiern“, sagt Huber.
Er bedauert, dass der langjährige Weggefährte künftig in kultureller Hinsicht kürzertreten will. Den Nachtflohmarkt hat Christandl bereits abgegeben. Über 15 Jahre hat er das Highlight im Veranstaltungskalender der Stadt organisiert. Bei der komplexen Großveranstaltung mit 5000 bis 10000 Besuchern war er in seinem Element: Sicherheitskonzept, klare Anweisungen, Überblick in jeder Lage. Noch einmal wird er heuer mit anpacken – als erfahrener Kopf, der weiß, worauf es ankommt. Künftig ist der TSV Wasserburg zuständig.
Planung und Präzision
Speziell beim Auf- und Abbau brauche es Planung, Präzision und starke Nerven, sagt der ehemalige Polizeibeamte. Und auch mit dem Bürgerspiel könnte für ihn Schluss sein. Zum historischen Spektakel, das laut Satzung alle zehn Jahre aufgeführt werden soll, ist Christandl durch Zufall und hoch zu Ross gekommen. 1998 traf er beim Ausritt zufällig auf den damaligen Vorsitzenden des Wasserbuger Theaterkreises, Erich Baumgartner, der damals die Vision vom Bürgerspiel 2000 hatte und dafür Reiter suchte. Er habe sofort zugesagt und gleich noch eine Sprechrolle als Prinz übernommen, erzählt der Freizeitreiter lachend. Schnell sei er auch in die Organisation miteingebunden worden. „Monatelang wurde geprobt – mit vielen Mitwirkenden und einem großartigen Gemeinschaftsgefühl,“ schwärmt der Wasserburger noch heute.
Mammutaufgabe Wallensteinfestival
Ein Miteinander mit verbindender Wirkung: Aus dem Projekt entstand beispielsweise die Schiffsbruderschaft, mit der 2011 der historische Schiffszug umgesetzt wurde. Und auch die beliebten historischen Stadtführungen, die von 2002 bis 2018 stattfanden, hatten hier ihren Ursprung. Absoluter Höhepunkt war rückblickend das Wallensteinfestival 2013. Eine Mammutaufgabe – vom Stück über die Schauplätze bis hin zur Sponsorensuche. Doch auch hier galt: Keine Herausforderung ist zu groß. Ob Kostüme, Bühnenbau oder Logistik – letztlich griffen die Rädchen ineinander und die Albachinger Theaterer zogen mit den übrigen Mitwirkenden an rauen Wintertagen querfeldein gen Wasserburg.
Dort erwartete Besucher und Akteure ein Historienspektakel der besonderen Art. Die Erinnerungen an das Lagerleben und den etwa einen Kilometer langen Zug über freies Feld bleibt legendär. Auch beim letzten Bürgerspiel, das wegen Corona auf 2024 verschoben worden war, waren über 120 Personen involviert. Während der Vorbereitungszeit galt, wie bei allen Projekten, das Motto: „Viel Arbeit, wenig Schlaf“.
Wunsch: mehr Zeit für Sport
Nebenbei bemerkt liegt der finanzielle Aufwand für die Umsetzung so eines Spektakels, laut Christandl, trotz immenser Eigenleistungen etwa bei den Kosten für eine Eigentumswohnung oder ein kleines Einfamilienhaus. Der zeitliche Rahmen bewege sich mit Vorlauf, Spielzeitraum und Nachlauf zwischen eineinhalb und zweieinhalb Jahren, betont er.
Doch damit soll bald Schluss sein. Künftig möchte er wieder mehr Zeit haben, um Sport zu treiben, seine Eltern zu unterstützen und Freundschaften zu pflegen. Viele davon bestehen noch aus seiner Leichtathletikzeit, als er in den Sprungdisziplinen bayernweit unterwegs war. Und weil Engagement für ihn nie aufhört, will er sich künftig politisch stärker einbringen. 2026 kandidiert er für den Wasserburger Block als Stadtrat. Auch hier will er das tun, was er am besten kann: zuhören, vermitteln, anpacken – und sich für die Menschen seiner Heimatstadt einbringen.
Steckbrief
Name: Sepp Christandl
Beruf: Polizeibeamter a.D.
Geboren: 16. April 1962
Fünf Fragen an Sepp Christandl
Was gibt Ihrem Leben Sinn:
Sepp Christandl: Der Dalai Lama beschreibt in seinen Zitaten oft, dass der Sinn des Lebens im Streben nach Glück liegt, in der Liebe und im Mitgefühl, und in der Fähigkeit, aus Schwierigkeiten zu lernen und zu überwinden. Ich sehe dies ganz ähnlich.
Eine intakte, gesunde und glückliche Familie. Schöne Erlebnisse und Zeit mit meinen (vielen) Freunden, gerne auch bei „Wein und Gesang“, sowie sich immer wieder neuen Aufgaben und Herausforderungen, sowohl in der Familie (kommen von selbst), Vereine, Sport und Kultur stellen.
Was können Sie nicht ausstehen?
Christandl: Ungerechtigkeit, übertriebenen Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Intoleranz
Was würden Sie gerne einmal tun?
Christandl: Mit meiner Frau Lisa für ein Jahr in New York City leben (leider nicht bezahlbar). Für mehrere Monate zum Windsurfen an ein warmes! Meer mit Flachwasser und leichten, altersgerechte Wellen, „surf & turf“
Wann sind Sie schon an Ihre Grenzen gestoßen?
Christandl: Um an die eigenen Grenzen zu gelangen, muss man die eigenen Grenzen erst mal am eigenen Leib erfahren. Diese wurden mir als Hauptverantwortlicher in physischer Hinsicht beim dreijährigen Mammutprojekt „Wallenstein 2012/2013“ recht deutlich aufgezeigt. Nach der intensiven Vorbereitung, Umsetzung und dem Nachlauf, fühlte ich mich am Ende körperlich very, very ausgelaugt.
Worauf sind Sie stolz?
Christandl: Der Begriff Stolz wird ja recht unterschiedlich definiert. Richtig stolz bin ich natürlich als Vater auf meine beiden 26-jährigen Söhne, auf ihre wunderbaren Charaktereigenschaften und ihre großartige Weise, wie sie ihre Leben meistern.


