Eigentümer spricht Klartext
Empörung in der Küpferlingstraße: Mussten die Mieter für Geflüchtete ausziehen?
Den Bewohnern des Gebäudes an der Ecke Küpferling-/Hubertusstraße in Rosenheim wurde vor zwei Jahren gekündigt, weil das Haus abgerissen werden sollte. Nun aber haben Eigentümer und Stadt bekannt gegeben, dass in dem Gebäude geflüchtete Menschen einziehen sollen. Für die ehemaligen Mieter ein Unding.
Rosenheim - Wenn Angelika Seeck über ihre alte Wohnung in der Hubertusstraße spricht, wird sie immer noch emotional. 18 Jahre lang war sie dort zu Hause. Sie habe Tausende von Euros in die Wohnung gesteckt, das komplette Bad renoviert, einen Holzofen einbauen lassen, Fenster gekauft und die Böden geschliffen. „Ich habe mich mit meiner Wohnung sehr wohl gefühlt“, sagt die gebürtige Rosenheimerin.
Ein Kündigungsschreiben im Briefkasten
Umso größer sei der Schock gewesen, als die Physiotherapeutin ein Kündigungsschreiben aus dem Briefkasten geholt hat. Mitten in der Corona-Zeit. „Uns wurde gesagt, dass wir ein dreiviertel Jahr haben, um auszuziehen“, erinnert sich Seeck. Der Grund: Die Wohnungen seien nicht mehr bewohnbar, eine Modernisierung unmöglich.
Das bestätigt auch der Eigentümer, die Rosenheimer Wohnbaugesellschaft „Beck und Fraundienst“, die das Gebäudeensemble Küpferling- Hubertusstraße Ende 2019 gekauft hatte. „Der Zustand, in dem wir das Objekt erworben haben, war stark sanierungsbedürftig“, heißt es in einer Stellungnahme. Die Rede ist von dezentralen Öl- oder Feststoffheizungen, asbesthaltigen Nachtspeicheröfen und einer Dämmung, die „bei weitem nicht dem Standard einer gewöhnlichen Wohnung“ entspricht. Eine „Entwicklung der Gebäude sei unumgänglich und alternativlos“.
54 zusätzliche Wohneinheiten
Aus diesem Grund sollte der Komplex abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Geplant ist der Bau eines fünfgeschossigen Winkel-Gebäudes sowie eines viergeschossigen Hauses im Innenhof samt Tiefgarage. Neben insgesamt 54 Wohneinheiten soll auch ein Café im Erdgeschoss entstehen.
Während die Planungen voranschritten, machten sich Angelika Seeck und ihre Nachbarn auf die Suche nach einer neuen Bleibe. „Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Wohnungen ich mir angeschaut habe“, sagt sie. Fast überall habe sie Absagen bekommen. Unterstützung vonseiten der Stadt oder des neuen Eigentümers habe es ihr zufolge keine gegeben. „Wir wurden alleine gelassen“, sagt sie.
Umzug nach 52 Jahren in Rosenheim
Irgendwann blieb er nichts anderes übrig, als den Mietvertrag für eine Wohnung in Obing zu unterschreiben. Nach 52 Jahren in Rosenheim. „Ich weiß, dass es Schlimmeres gibt“, sagt sie. Geärgert über die Situation habe sie sich trotzdem. Vor allem als sie jetzt erfuhr, dass die Gebäude vorerst gar nicht abgerissen werden sollen. Stattdessen sollen rund 100 geflüchtete Menschen in dem Komplex unterkommen.
Geplant ist eine Übergabe der insgesamt 31 Dreizimmerwohnungen im dritten Quartal dieses Jahres. Bis dahin müssen die Wohnungen mit einer zentralen Heizung durch Fernwärme, Warmwasserversorgung, einer funktionierenden Elektroverteilung sowie Haus- und Wohnungstüren ausgestattet werden.
Harte Kritik von ehemaligen Bewohnern
„Bei uns hat es niemanden gestört, dass die Häuser baufällig waren, aber jetzt ist eine Renovierung möglich“, kritisiert Angelika Seeck. Zustimmung erhält sie von Sieglinde Mayer. Die Rosenheimerin hat mehr als 20 Jahre an der Ecke Küpferling-/Hubertusstraße gelebt und kennt Leute, die seit ihrer Geburt in dem Haus wohnten. „Jetzt auf einmal ist alles machbar“, schreibt sie in einem Brief, adressiert an unsere Zeitung.
Sie habe gerne in dem Viertel gelebt, lobte vor allem die günstigen Mieten. Zwar seien ihr zufolge alle Bewohner untergekommen, müssten zum Teil aber zwischen 500 und 700 Euro mehr Miete bezahlen. Für Sieglinde Mayer ein Unding. Vor allem um die vielen bedürftigen Rentner, die in dem Komplex gelebt haben, tuen ihr leid.
Bezahlbare Mehrfamilienhäuser sollen entstehen
„Die geflüchteten Menschen sind arm dran. Natürlich brauchen sie eine Bleibe“, sagt Angelika Seeck. Sie stört sich vielmehr an der fehlenden Kommunikation und der Tatsache, dass das Haus eigentlich abgerissen werden sollte. Doch genau das ist auch weiterhin der Plan, heißt es vonseiten der Wohnbaugesellschaft. „Unser Ziel ist es nach wie vor, auf dem Grundstück energieeffiziente, bezahlbare Mehrfamilienhäuser zu schaffen“, heißt es auf OVB-Anfrage.
Bereits 2020 sei bei der Stadt Rosenheim die Aufnahme eines Bauleitverfahrens beantragt worden. Im März 2021 hatte der Stadtrat den Startschuss für das Bauleitverfahren erteilt. Seitdem laufe das Verfahren. „Wir hätten uns gewünscht und sind davon ausgegangen, dass das Verfahren schon Anfang 2022 oder auch früher hätte abgeschlossen werden können. Mit dem Ende des Verfahrens ist aber wohl nicht vor Ende 2024 zu rechnen“, teilt der Eigentümer mit.
Not soll temporär gelindert werden
Anfang 2023 hätten sie dann vonseiten der Stadt sowie der Regierung von Oberbayern erfahren, dass der Bedarf an Unterbringungsmöglichkeiten für Geflüchtete „sehr hoch“ sei. „Es wurde die Bitte geäußert, die Gebäude temporär als notdürftige Unterbringungsmöglichkeit für Geflüchtete zur Verfügung zu stellen“, heißt es vonseiten der Wohnbaugesellschaft. Nach entsprechender Freigabe der Gesellschafter sei man der Bitte nachgekommen. „Es geht darum, die Not an Unterbringungsmöglichkeiten temporär zu lindern.“ Das wiederum ändere jedoch nichts an den grundsätzlichen Plänen. Auch das Bauleitverfahren werde dadurch nicht ausgesetzt.