Wirksame US-Sanktionen
Putins prekäre Ölkrise: Ukrainische Drohnenangriffe treffen russische Infrastruktur massiv
In Russland sind wegen ukrainischer Drohnen-Angriffe in vielen Regionen Benzin und Diesel knapp. Auf der Krim setzten die Behörden das Kauflimit hoch – doch die Lage bleibt prekär.
Moskau – Auf der von Russland besetzten Krim bestimmten in den vergangenen zweieinhalb Monaten lange Schlangen vor wenigen Tankstellen den Alltag. Zwar haben die von Moskau eingesetzten Behörden das Kauf-Limit von 20 wieder auf 30 Liter pro Person und Tag angehoben, doch die Unsicherheit bleibt groß. Im russischen Staatsfernsehen werden weder die autoleeren Straßen noch die unter der Öl-Knappheit strauchelnden Betriebe thematisiert. Auch Berichte über Rangeleien an den Ausgabestellen fehlen. Das käme für die Zensur von Präsident Wladimir Putin einem Eingeständnis gleich, dass die Ukraine mit ihrer militärischen Strategie eine echte Bedrohung ist – und Erfolg hat.
Ölkrise in Russland: Ukraine trifft Raffinerien und Speicher empfindlich – Limits bringen kaum Entlastung
Seit Monaten überzieht die Ukraine den russischen Aggressor mit Drohnenangriffen auf die Öl- und Gas-Infrastruktur. Die Folgen sind akute Knappheit von Benzin und Diesel im ganzen Land. Allein 2025 sollen nach Angaben der unabhängigen Analyseplattform Re:Russia 21 der 38 wichtigsten Raffinerien Russlands durch ukrainische Militäroperationen attackiert und teilweise beschädigt worden sein. Sogar im über 2.000 km entfernten Westsibirien seien ukrainische Drohnen für einen Angriff verantwortlich gewesen.
Die Krim ist dabei aufgrund der Nähe zur Ukraine besonders exponiert – und verwundbar: Innerhalb weniger Tage meldeten ukrainische Spezialkräfte im Oktober mehrere Angriffe auf ein Öldepot in Hvardiiske und die Werke Rjasan und Gvardeysky – parallel dazu wurde auch der größte Ölterminal und Speicher Feodossija getroffen. Auch die Nachschubwege vom Festland sind fragil. Die Krim-Brücke gilt nach wiederholten Angriffen nicht als verlässlich, und landesweit fehlt es vor allem an raffinierten Produkten. Rohöl exportiert Russland weiterhin in großen Mengen.
Rohöl ist nicht das Problem: Russland fehlen raffinierte Produkte und verlässliche Wege für die Verteilung
Nach Angaben von Aktivistengruppen und Berichten der The Moscow Times sollen in den vergangenen Wochen rund 50 Prozent der Tankstellen auf der Krim geschlossen gewesen sein. Russlandweit sank die Zahl der aktiven Stationen binnen weniger Wochen um 360, das entspricht etwa 2,6 Prozent des Netzes. Während der Kreml die Krise kleinredet oder ganz verschweigt, ging der von Moskau eingesetzte Krim-Ministerpräsident Jurij Gotsanjuk in die Offensive und erklärte, dass die Zahl der Tankstellen im Oktober sogar von 70 auf 130 angewachsen sei.
Hinter den Kulissen arbeitet Putins Regierung allerdings händeringend an einer Lösung. Bei Vorgesprächen zu möglichen Verhandlungen in Istanbul forderte die russische Seite demnach ein Ende der ukrainischen Angriffe auf Energieziele. Kyjiw verlangte im Gegenzug ein umfassendes Aussetzen von Luftangriffen durch Russland. Eine Einigung blieb bekanntermaßen aus.
Von Belarus per Bahn: Notimporte stabilisieren regional, ersetzen aber keine ausgefallenen Kapazitäten
Parallel versucht der Kreml, die Versorgungslage zu stabilisieren und Preissprünge bei Fertigprodukten zu dämpfen. Die Regierung verlängerte zudem den Benzin-Exportstopp bis Ende 2025 und beschränkte die Diesel-Ausfuhren. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) sanken Russlands Exporterlöse aus Öl und Ölprodukten im September erneut auf rund 13,35 Milliarden US-Dollar.
Das entspricht einem Rückgang um rund 240 Millionen Dollar gegenüber August mit 13,58 Milliarden US-Dollar, womit die Einnahmen nahe einem Mehrjahrestief liegen. Auffällig ist zudem, dass Produkt-Exporte auf den niedrigsten Stand seit über einem Jahrzehnt gefallen sind. Zugleich importiert Russland laut Reuters enorme Mengen aus Belarus: im September vervierfachten sich die Bahnlieferungen gegenüber dem Vormonat.
US-Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil verschärfen russische Schieflage – und stärken die Ukraine
Die Lage dürfte sich zudem noch weiter verschärfen, nachdem die USA die großen Öl-Produzenten Rosneft, Lukoil sowie alle Tochterunternehmen mit Sanktionen belegt haben. Das US-Finanzministerium warnt ausländische Banken und Unternehmen vor Konsequenzen, falls sie weiter bedeutende Geschäfte mit den gelisteten Akteuren abwickeln. Die US-Sanktionen treffen die ohnehin schon angeschlagene Öl-Wertschöpfung mitten ins Herz – sie erhöhen die Kosten, Risiken und Reibungen spürbar.
Somit dürften lange Schlangen und leere Zapfsäulen speziell auf der Krim auch weiterhin die Realität in Russland bleiben. Solange Logistik und Vorräte schwach sind, wirken jede Sanktion und jeder weitere Angriff wie ein Verstärker und reißen sofort neue Lücken in die Versorgung. Eine schnelle Normalisierung ist deshalb kaum zu erwarten und die Unsicherheit, die den Alltag der Menschen vor Ort seit Wochen prägt, bleibt – und stärken die Position der Ukraine. (Verwendete Quellen: The Moscow Times, Re:Russia, Al Jazeera, Reuters (msw))
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