„Kinder lernen Bürgergeld“
Bürgergeld schafft neue Generation von Erwerbslosen: „Scheitern vorprogrammiert“
„Kinder lernen Bürgergeld“, warnt die Arche-Stiftung. Ohne Beistand sei ihr Scheitern „vorprogrammiert“. Welche Reformen braucht es, um den Teufelskreis zu durchbrechen?
Nürnberg/Berlin – Wenn über das Bürgergeld gesprochen wird, steht vor allem das Bild der angeblich faulen „Totalverweigerer“ im Vordergrund, die schnellstmöglich arbeiten sollen. Vor allem auf diese Gruppe zielt die Politik der neuen Regierung unter Friedrich Merz (CDU) ab, die über mehr Druck und Sanktionen Menschen in Arbeit bringen will – trotz Vermittlungshürden und einem schwierigen Arbeitsmarkt.
Bürgergeld-Reform: Kinder und Jugendliche bleiben in der Grundsicherung auf der Strecke
Zwar soll durch die neue Grundsicherung auch die Vermittlung in Arbeit durch die Jobcenter gestärkt werden – durch mehr Geld. Eine wichtige Gruppe bleibt im Koalitionsvertrag aber außen vor: Die Chancen der 1,86 Millionen bedürftigen Kinder und Jugendlichen. 1,125 Millionen sind ohnehin nicht erwerbsfähig, denn sie sind unter 15 Jahre alt. Der Bezug trifft sie unverschuldet – aber sie leiden unter den Folgen.
Die Kinder leiden unter Armut. Besonders, wenn die Eltern Grundsicherung beziehen, haben die Jugendlichen häufiger schlechtere Abschlüsse. Dazu machen sie seltener eine Ausbildung. Den Zusammenhang beobachten Forschende im Vergleich zu Familien, die gar nicht erwerbslos waren, aber auch die Dauer des Bezugs spielt eine Rolle. Laut einer Auswertung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sind Jugendliche aus Familien mit einem Bürgergeld-Bezug von über einem Jahr seltener in Beschäftigung, als diejenigen, deren Eltern kürzer bedürftig waren.
„Die Kinder lernen Bürgergeld“: System zieht sich neue Erwerbslose selbst heran
Der Bürgergeld-Bezug wird also häufig vererbt. „Ein längerer Leistungsbezug im Elternhaushalt geht also mit einer niedrigeren Beschäftigungsquote der nächsten Generation einher“, erklärt das IAB. Die Forschenden verweisen darauf, dass ihre Analyse keine kausalen Effekte zeigt. Welche Faktoren konkret für die Unterschiede verantwortlich seien, bleibe offen. Erwerbslose haben häufig selbst keine Berufsausbildung, auch Menschen mit ausländischer Herkunft sind häufig betroffen. Schon diese Faktoren allein könnten beitragen, dass die Jugendlichen aus diesen Familien schlechtere Startchancen haben.
„Wir kennen viele Kinder, die unsere 35 Einrichtungen in Deutschland besuchen, die noch nie ihre Eltern haben zur Arbeit gehen sehen“, erklärte Wolfgang Büscher, Sprecher der Arche Kinderstiftung, IPPEN.MEDIA. „Die Kinder lernen ‚Bürgergeld‘.“ Ein Großteil gehe ohne ein Frühstück in die Schule, weil die Eltern nicht in der Lage sind, sie entsprechend zu versorgen. „Somit können sie sich während des Unterrichts nicht konzentrieren. Ein Scheitern ist vorprogrammiert.“
Armutsbetroffene Kinder „scheitern am System“ – besonders Bürgergeld-Familien können sie nicht fördern
Besonders Alleinerziehende, 529.000 solcher Bürgergeld-Haushalte gibt es, „werden mit ihren Kindern von der Gesellschaft allein gelassen“, warnte Büscher. „Bildung, Bücher, Reisen, Klassenfahrten, Kleidung und Gesundheit kosten Geld, das die Alleinerziehenden häufig nicht haben.“ Das beginnt schon beim Essen, das Bürgergeld reicht nicht für eine gesunde Kinderernährung. „Die Kinder ernähren sich ungesund, sind häufiger krank, haben Allergien und schlechte Zähne“, warnte Büscher.
„Sie scheitern am System“, erklärte Büscher. Die Folge: Zehntausende verlassen jährlich die Schule ohne Abschluss. „Die meisten Eltern dieser Kinder beziehen Bürgergeld“, sagte der Arche-Sprecher. „Zahlreiche Familien sind bildungsfern und können ihre Kinder nicht fördern.“
Leistungen für Bildung und Teilhabe reichen „hinten und vorne nicht“ – klagt der Arche-Sprecher
Die bisherige staatliche Förderung durch die Leistungen für Bildung und Teilhabe reiche nicht aus. Das ist die Unterstützung, die es bereits für Beziehende von Bürgergeld sowie Wohngeld und Kinderzuschlag gibt. „Viele Eltern bringen nicht die Kraft auf, finanzielle Leistungen zu beantragen“, sagte Büscher. „Weiterhin stehen für z.B. Nachhilfeunterricht für diese Kinder 120 Euro pro Jahr zur Verfügung. Das reicht hinten und vorne nicht.“
Zur besseren Förderung der armutsbetroffenen Kinder fordert die Arche eine Kindergrundsicherung von monatlich 600 Euro. 300 Euro fließen direkt ins Schulsystem für Personal und Ausstattung, 150 Euro werden per App für Klassenfahrten, Schulmaterial und Vereinsbeiträge verwendet, weitere 150 Euro gehen zweckgebunden auf Kinderkonten.
Arche drängt auf Reform am Bildungssystem – sonst landen sie auf dem „sozialpolitischen Müllhaufen“
Auch im Bildungssystem selbst sieht die Arche Handlungsbedarf. Es brauche mehr Personal, etwa Erzieher, Psychologen, Ergänzungslehrer, für individuelle Förderung und kostenlosen Nachhilfeunterricht. Brennpunktschulen müssen entzerrt und „verhaltensauffällige“ Kinder gleichmäßig verteilt werden. Schulen sollen Stärken statt Schwächen fokussieren, lernschwache Kinder durch „Mutmacher“ unterstützen und Kooperationen mit Unternehmen eingehen, um Jugendliche erfolgreich in Berufsausbildungen zu vermitteln.
„Bildung kostet Geld“, räumte Büscher ein. Er warnte dazu aber auch: „Wenn wir als Gesellschaft diese Kinder nicht fördern, werden sie später auch von Bürgergeld leben müssen.“ Dazu seien sie die „einzigen Ressourcen, die wir in Deutschland haben“. Der Vorwurf: „Viele von ihnen werfen wir einfach auf den ‚sozialpolitischen‘ Müllhaufen, ohne uns in sie zu investieren“, sagte Büscher. Der größte Teil der Jugendlichen würde ohne individuelle Unterstützung scheitern, so die Erfahrung der Archen.
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