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Faire Verteilung der Startchancen-Milliarden

Dramatische Studie: In diesem Bundesland sind in fast jeder zweiten Grundschule Kinder arm

Kinder im Klassenzimmer (Symbolbild)
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Kinder im Klassenzimmer (Symbolbild)

Bringt eine Studie nochmal frischen Wind in die Startchancen-Verhandlungen? Der Sozialwissenschaftler Marcel Helbig kartiert erstmals die Armutsquoten an allen deutschen Grundschulen.

Dieser Artikel liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem Bildung.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn Bildung.Table am 14. Juni 2023.

Das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) mischt sich erneut in die Debatte ein, wie der Bund die Startchancen-Milliarden fair auf die Bundesländer verteilen kann. In einem Discussion Paper hat der Sozialwissenschaftler Marcel Helbig kleinteilig die Quote armer Kinder im Einzugsgebiet aller deutschen Grundschulen berechnet (zum Download; interaktives Dashboard). Die Ballung von Armut schwankt je nach Region enorm, was Helbig erstmals für ganz Deutschland nachweist.

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Mit der Studie setzt das WZB ein Ausrufezeichen, genau in dem Moment, in dem die Verhandlungen um das Startchancen-Programm in die heiße Phase eintreten.

  • Laut der Auswertung liegt die Armutsquote in 80 Prozent aller bayerischen und baden-württembergischen Grundschulen unter 10 Prozent. Gleich gute Bedingungen haben in Nordrhein-Westfalen und dem Saarland nur 40 Prozent der Grundschulen.
  • Noch aufschlussreicher ist das andere Ende der Skala: Nur 0,4 Prozent der bayerischen Grundschulen verzeichnen eine Armutsquote von über 30 Prozent; in Nordrhein-Westfalen sind es 17 Prozent, in Hamburg 20 Prozent, in Berlin bzw. Bremen 39 beziehungsweise 47 Prozent.
  • Die Berechnungen zeigen, dass sich Kinderarmut deutlich stärker an Schulen in größeren Städten konzentriert als auf dem Land.

Helbig will soziale Segregation berücksichtigen

Ein Fazit der WZB-Studie könnte sein, dass Bund und Länder auf dem Holzweg sind. Bei einer Klausur auf Ebene der Staatssekretäre arbeiten BMBF und KMK in diesen Tagen an einem Schlüssel, um das Geld an die Länder zu verteilen. Die Armutsquote, soweit besteht Einigkeit, wollen sie berücksichtigen, allerdings arbeitet die Verhandlungsgruppe mit Durchschnittswerten für jedes Bundesland. Hier setzt Helbigs Kritik an.

Armut verteile sich nicht gleichmäßig über alle Regionen. „Innerhalb Deutschlands entstehen Quartiere, in denen sich arme Familien ballen. Man spricht hierbei von einer residentiellen sozialen Segregation, die sich in eine soziale Segregation von Schulen übersetzt“, schreibt der WZB-Forscher.

Finanzielle Unterstützung bräuchten vor allem die Schulen mit sehr hohen Armutsquoten, beispielsweise über 30 oder 40 Prozent. „Es geht um die Ballung“, sagt Helbig Table.Media. Der Gedanke ist einfach: Armut in einzelnen Familien könne die Schulgemeinschaft auffangen. Die Probleme beginnen, wenn eine kritische Masse erreicht ist: „Diese Schulen müssten Bund und Länder identifizieren.“ Durchschnittswerte würden nicht weiterhelfen. Mit diesen Werten aber rechnen die politischen Unterhändler.

Profiteure wären Berlin, Bremen und NRW

Auf Basis seiner Modellierung der Armutsquote an rund 14.500 Grundschulen hat Helbig einen eigenen Verteilschlüssel für das Startchancen-Programm entwickelt. Der Kontrast zum Königsteiner Schlüssel, den einige Länder entgegen den Empfehlungen der Bildungsforschung forcieren, ist enorm. Demnach würde Bayern 1,7 statt 15,6 Prozent der Startchancen-Mittel erhalten; Baden-Württemberg 2,6 statt 13 Prozent. Die Profiteure wären Berlin (9 statt 5 Prozent), Bremen (2,9 statt 1 Prozent) und Nordrhein-Westfalen (37 statt 21 Prozent).

Helbig folgt mit seinem Schlüssel strikt der Prämisse, dass das Einkommen einer Familie und der Bildungserfolg der Kinder eng zusammenhängen. Während BMBF und KMK zusätzlich die Herkunft der Kinder berücksichtigen wollen, spart sich Helbig diesen Umweg. Zuletzt hatte der ifo-Chancenmonitor nachgewiesen, dass der Migrationshintergrund von Schülern nur geringen Einfluss auf den Bildungserfolg hat.

Nichtdeutsche Herkunft und Armut gehen oft miteinander einher, betont Helbig. „Doch wenn man dann die einzelnen Effekte kontrolliert, fällt der Migrationshintergrund oft raus.“ Der WZB-Forscher geht sogar noch einen Schritt weiter: Wenn Bund und Länder die Herkunft berücksichtigen, könne das beim Startchancen-Programm zu Verzerrungen führen. „Gerade in großen Städten wie Frankfurt, München und Berlin leben hochgebildete Familien mit Migrationshintergrund, deren Kinder gerade keine Förderung brauchen.“

Für jede Schule ein Statistikblatt

Für die Kartierung der Armutsquoten entwickelte Helbig ein eigenes Modell. Denn einheitliche Datensätze, wie viele arme Kinder auf welchen Schulen gehen, gibt es im deutschen Bildungsföderalismus nicht. Einige Ministerien machen sich nicht einmal die Mühe, die Daten zu erheben.

„Wir haben überhaupt kein Steuerungswissen“, kritisiert Helbig. „Viele Bundesländer wollen diese Daten nicht erheben. Es gibt Vorreiter – beispielsweise Thüringen und Berlin –, die stellen für jede Schule ein Statistikblatt zur Verfügung.“ Andere Kultusminister sträuben sich gegen diese Form der Transparenz.

Helbig musste letztlich auf eine komplexe Methodik zurückgreifen: Zunächst modellierte er die Einzugsgebiete aller Grundschulen, indem er jeden Ort auf einer Deutschlandkarte der jeweils nächstgelegenen Schule zuordnete. In einem zweiten Schritt unterteilte er ganz Deutschland in 100×100-Meter-Raster und berechnete jeweils die Kinderarmutsquote. Die Daten erhielt er von der Bundesagentur für Arbeit.

Für die finale Auswertung hat er schließlich das Armutsraster über die Einzugsgebiete der einzelnen Grundschulen gelegt. Klar, das Modell hat Unschärfen. Doch es liefert strukturelle Erkenntnisse, die die Kultusbürokratie bislang nicht freiwillig teilen will. (Von Moritz Baumann)

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