„Kommen nur schleppend voran“
20 Millionen Deutsche müssen im Alter den „Renten-Schock“ fürchten
Sind die Renten sicher? Nur solange der Sozialstaat intakt ist. Insbesondere eine Bevölkerungsgruppe ist von einem Fehler im System betroffen.
2022 lebten in Deutschland insgesamt 20,3 Millionen Mütter – etwa ein Viertel der Bevölkerung. Viele von ihnen könnten in der Rente in die Altersarmut rutschen. Wie gravierend dieses Problem ist, verdeutlicht eine Berechnung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). 70 Prozent der erwerbstätigen Frauen verdienen demnach nicht genug, um langfristig für sich und ein Kind vorzusorgen – sie sind also in Phasen der Erwerbslosigkeit wie dem Ruhestand nicht ausreichend abgesichert.
Häufig unterbrechen Mütter ihre Erwerbstätigkeit für die Kindererziehung. Für drei Jahre davon können sie sich fast einen Rentenpunkt pro Jahr als Erziehungszeiten anrechnen lassen. Danach gibt es für Teilzeitarbeit Kinderberücksichtigungszeiten bis die Kinder zehn Jahre alt sind. Sie erhöhen die Rentenansprüche um bis zu 50 Prozent, sind aber „gedeckelt“ also für Mütter mit hohem Einkommen eine weniger gute Kompensation als für Geringverdienerinnen. Die Sparkasse spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem „Renten-Schock nach 45 Beitragsjahren“.
Frauen holen bei der Rente zwar auf, aber nur „schleppend“
„Erziehungszeiten kompensieren einen erheblichen Teil der Rentenausfälle. Ob sie Frauen vor Altersarmut schützen, ist fraglich – das ist aber auch nicht ihr Zweck“, sagt Geyer, der am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) tätig ist, BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Das Hauptproblem seien seiner Meinung nach die ungleiche Arbeitsteilung zwischen Vätern und Müttern, der Unterschied in den Arbeitszeiten am Arbeitsmarkt und der Einkommensunterschied.
Erst am 13. Februar 2025 veröffentlichte das Statistische Bundesamt neue Zahlen zum „Gender Pay Gap“. Frauen haben in Deutschland im Jahr 2024 durchschnittlich 16 Prozent pro Stunde weniger verdient als Männer. Die guten Nachrichten sind, dass es 2023 noch 18 Prozent waren, der Lohnunterschied sich also um zwei Prozentpunkte verkleinert hat. Auch bei der Rente und Rentenansprüchen holen Frauen auf, das sei deutlich sichtbar. Trotzdem komme „die Angleichung nur schleppend voran“, sagt Geyer.
Der deutsche Sozialstaat sichere immer noch vor allem Familien ab, das sehe man an Hinterbliebenenrenten und Ehegattensplitting. „Das Modell Familie als Reproduktionsgemeinschaft hat in Deutschland Tradition. Unser Sozialstaat beruht darauf, dass Menschen unentgeltlich Sorgearbeit leisten“, sagt Geyer BuzzFeed News Deutschland. In Skandinavien seien die Systeme zur Absicherung individueller, also nicht so sehr auf Familie, sondern auf Einzelpersonen ausgelegt. „Bis wir da angekommen sind, ist es ein weiter Weg.“
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„Wenn der Sozialstaat nicht funktioniert“, wirkt sich das vor allem auf die Rente von Frauen aus
Ob man in Deutschland den Sozialstaat stärker am Individuum als an der Familie ausrichten will, sei „eine politische Entscheidung“. Aktuell hätten wir Elemente von beidem. „Der Kitaausbau in den 2000er Jahren war beispielsweise eine der wichtigsten familienpolitischen Entwicklungen, der eine eigenständige Erwerbskarriere für Mütter in vielen Fällen überhaupt erst ermöglicht“, sagt der Ökonom. Genauso bilde der Ausbau der familienpolitischen Leistungen wie Erziehungszeiten in der Rentenversicherung (in die Beamte übrigens nicht einzahlen) einen Beitrag zur eigenständigen Alterssicherung.
Aber es gebe weiterhin Dinge wie das Ehegattensplitting oder die beitragsfreie Krankenversicherung für Familienangehörige und viele ähnliche, „explizit auf die Familie bezogene Elemente des Sozialstaats“, die am klassischen Modell festhielten. „Immer dann, wenn der Sozialstaat nicht funktioniert, etwa Betreuungsplätze in Kitas fehlen, machen sich die tradierten Muster geltend: dann übernehmen in der Regel Frauen die Sorgearbeit“ – und müssen bei der Rente zurückstecken.
Rubriklistenbild: © Wolfgang Maria Weber/IMAGO
