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Kommentar zum Hoeneß-Dilemma
Trotz überragender Saison ist der FC Bayern keineswegs sorgenfrei
Der DFB-Pokalsieg krönte eine sportlich überragende Spielzeit des FC Bayern. Der Henkelpott ist das nächste Ziel. Sorgen bereitet allerdings eine Vereinslegende. Ein Kommentar.
Die erfolgsverwöhnten Bayernfans bewerten die abgelaufene Saison ihrer Lieblingsmannschaft fast geschlossen mit einer „glatten Eins“. Für das fehlende Sternchen ist einzig das bittere Ausscheiden im Champions-League-Halbfinale gegen Paris Saint-Germain verantwortlich. So wollen Trainer, Spieler, Verantwortliche und Anhänger in der kommenden Spielzeit den nächsten Anlauf auf den begehrten Henkelpott unternehmen. Die Chancen, sich diesen – allerdings nicht planbaren – Traum zu erfüllen, stehen ausgezeichnet – wenn nicht gleichzeitig dunkle Wolken am Horizont aufziehen würden.
Absolut Bayern – absolut hautnah! Unsere Reporter sind für euch hinter den Kulissen des Rekordmeisters unterwegs. Videos, Analysen, Interviews und viele weitere exklusive Inhalte bekommt ihr im Web, in der App und auf Social Media.
Konservativ betrachtet zählt der FC Bayern derzeit zusammen mit den CL-Finalisten PSG und FC Arsenal zu den drei besten Mannschaften weltweit. Würde die Fußball-Königsklasse mit den besten europäischen Teams in einem Ligawettbewerb ausgetragen werden, würde der deutsche Rekordmeister wohl längst als „Meister“ feststehen. Über die gesamte Saison gesehen gab es keine bessere, konstantere Mannschaft auf absolutem Toplevel.
Kompany und Eberl als Architekten des FCB-Erfolgs
Zahlreiche Rekorde und Bestwerte unterstützen diese These. Dies trifft übrigens auch auf einen längeren Zeitraum zu: Sowohl in der 5- als auch in der 10‑Jahreswertung der UEFA ist der FC Bayern Spitzenreiter. Verantwortlich dafür sind natürlich die überragenden Leistungen der Spieler, allen voran das offensive „Trio Infernale“ mit Harry Kane, Michael Olise und Luis Díaz. Nie in der Vereinshistorie gab es einen vergleichbar torgefährlichen Angriff wie diesen. Die 122 Treffer in der Liga und die wettbewerbsübergreifend 184 Tore stellen fantastische Allzeitbestmarken dar.
Der Architekt dieses erfolgreichen wie zugleich attraktiven Angriffsfußballs ist zweifellos der Belgier Vincent Kompany mit seinem Trainerteam. Aber auch die Kaderplaner – Sportvorstand Max Eberl und Sportdirektor Christoph Freund – haben ihren erheblichen Anteil an diesem Erfolgsmodell. Dieses funktioniert derzeit so gut, dass man sich prinzipiell keine großen Sorgen machen muss, dass der Erfolgscoach oder die Superstars auf dem Rasen wie Kane und Olise in Erwägung ziehen würden, München in absehbarer Zeit zu verlassen.
Das Verhältnis von Kompany zu Eberl und Freund ist auffallend gut. Ist folglich alles für eine weitere außergewöhnliche Erfolgsgeschichte des FC Bayern gerichtet? Nicht ganz, denn es gibt eine Person im Verein, die zu den unpassendsten Zeitpunkten diese so wohltuende Harmonie nicht nur stört, sondern sogar gefährdet: der 74-jährige Ehrenpräsident Uli Hoeneß. Der frühere Manager und Vereinspräsident leitet die Geschicke des Klubs als Aufsichtsratsmitglied mittlerweile wie ein Patron, wie ein Patriarch.
Vereinzelte Coups und viele Flops: Max Eberls Transferbilanz spricht Bände
Erstaunlicherweise leugnet Hoeneß diesen ebenso offensichtlichen wie bedauerlichen Zustand des Vereins beharrlich. Eine Situation, die die gesamte Fußballwelt in dieser Form wahrnimmt. Der Weltmeister von 1974 ist zwar nicht der Vorsitzende des (über-)mächtigen Aufsichtsrats, dies ist mit Herbert Hainer bestimmungsgemäß der amtierende Vereinspräsident, aber zusammen mit dem 70-jährigen Karl-Heinz Rummenigge scheint er diesen auf bemerkenswerte Weise zu dominieren.
Hoeneß bei Bayern mächtiger als jemals zuvor?
Durch diese Machtposition scheint Hoeneß jederzeit in der Lage zu sein, alle wichtigen Personalentscheidungen im Verein zu treffen bzw. erheblich zu beeinflussen. Obwohl er die Medien regelmäßig für ihre Berichterstattung tadelt, benutzt er diese genauso regelmäßig, um seine Meinung dazu in die Welt hinauszuposaunen. Kurz vor dem Pokalfinale gegen den VfB hat der sichtbar überraschte Eberl so über die Medien erfahren müssen, dass seine Weiterbeschäftigung als Sportvorstand laut Hoeneß keineswegs gesichert ist („60:40“). Es gäbe einige Kritikpunkte an ihm.
Ist schon der Zeitpunkt dieses Statements vollkommen daneben, lösen auch die Zweifel an der Arbeit von Eberl bei zahlreichen Betrachtern und Fans heftiges Kopfschütteln aus. Seit der 52-Jährige die Position des Sportvorstands Anfang März 2024 beim Rekordmeister übernommen hat, geht es sportlich wieder steil nach oben. Mit Michael Olise, Luis Díaz, Jonathan Tah und Tom Bischof wurden überragende Transfers getätigt. Dagegen war für den sportlichen Einbruch in der Spielzeit 2023/24 der – trotz des Königstransfers von Kane – katastrophale Transfersommer 2023 mit den Protagonisten Hoeneß, Rummenigge, Hainer und CEO Jan-Christian Dreesen hauptverantwortlich gewesen.
Diese Tatsache wurde erstaunlich wenig erörtert, Thomas Tuchel ein halbes Jahr später zum Saisonende entlassen. Zu seinem Amtsantritt übernahm Eberl einen Scherbenhaufen an der Säbener Straße und musste einen neuen Trainer finden. Mit Kompany fand er nach entsprechend schwieriger, langer Suche einen überragenden. Nun muss er sich dazu öffentlich von Hoeneß anhören, dass er doch lieber mit Tuchel verlängert hätte. Dass der aktuelle englische Nationaltrainer wie auch sein FCB-Vorgänger Julian Nagelsmann regelmäßig von Hoeneß abgewatscht werden, sei hier eine Randnotiz.
Könnte Hoeneß Erfolgscoach Kompany „vertreiben“?
Der 74-Jährige scheint mittlerweile alles besser zu wissen und lässt die Öffentlichkeit daran ausgiebig teilnehmen. So wissen wir mittlerweile vom FCB-Patron auch, dass Kompany bei einem Besuch am Tegernsee nicht etwa die Zustimmung zu seinem Wunschspieler Xavi Simons bekommen hat, sondern stattdessen mit einem Kuchenstück „abserviert“ wurde. Das Preisgeben dieses Details dürfte dem Bayerntrainer wohl auch nicht wirklich gefallen haben, auch wenn ihn Hoeneß ansonsten ausdrücklich lobt.
Noch weniger gefallen dürfte Kompany, wenn das „60:40“ pro Eberl auf der FCB-Aufsichtsratssitzung im August nicht für eine Weiterverpflichtung über 2027 hinaus ausreichen sollte. Die beiden arbeiten sehr gerne und gut zusammen. Im Sommer wird der Belgier ganz sicher nicht Pep Guardiolas Nachfolger bei Manchester City. Wenn Hoeneß – mit der offensichtlichen Zustimmung des Aufsichtsrats – so weitermacht, könnte dieses Szenario dennoch früher eintreten, als sich das viele FCB-Fans nun wünschen und vorstellen können. Absolut hausgemachte Sorgen.