„Mei, man sollte niemals nie sagen“
Überraschende Transfer-Coups: Was hinter dem großen Umbruch in Kirchanschöring steckt
Der SV Kirchanschöring hat nach dem knapp verpassten Regionalliga-Aufstieg einen personellen Umbruch eingeleitet. Mehrere Leistungsträger verließen den Verein, dafür kamen zahlreiche neue Gesichter – darunter ein Torjäger, ein Ex-Löwe und vielversprechende Talente. Wie die Transfer-Offensive zustande kam und welcher Plan dahintersteckt.
Kirchanschöring – Der Sommer hatte in Anschöring noch gar nicht richtig begonnen, da war bereits klar: Beim SV Kirchanschöring wird sich einiges verändern. Nach dem knapp verpassten Aufstieg in die Regionalliga hätte man erwarten können, dass die Gelb-Schwarzen vor allem versuchen, den erfolgreichen Kader zusammenzuhalten. Stattdessen entwickelte sich in den vergangenen Wochen eine der spannendsten Transfergeschichten im oberbayerischen Amateurfußball. Acht Spieler gingen. Und zehn neue kamen. Und manche Personalien erzählen Geschichten, die weit über einen gewöhnlichen Vereinswechsel hinausgehen.
Der größte Einschnitt traf den SVK zwischen den Pfosten. Mit Egon Weber verlor der Bayernligist einen der stärksten Torhüter der Liga an den SV Erlbach (beinschuss.de berichtete). Dazu verabschiedeten sich unter anderem Dominik Auerhammer zum TSV Buchbach, Marco Schmitzberger zum TSV Bad Reichenhall, Andreas Krämer zum SC Anger und weitere etablierte Kräfte. Insgesamt musste der neue Trainer Christoph Dinkelbach zahlreiche Abgänge verkraften. Doch während andernorts nach solchen Verlusten Alarmstimmung herrscht, begann in Kirchanschöring eine bemerkenswerte Gegenbewegung.
Kirchanschöring – Was hinter dem großen Transfer-Umbruch beim SVK steckt
Im Zentrum steht dabei ein Name, der vielen Fußballfans in der Region bestens bekannt ist: Kenan Smajlovic. Der Angreifer gehörte zuletzt zu den prägenden Gesichtern des SB Chiemgau Traunstein. Dort entwickelte sich im Frühjahr ein regelrechtes Beben. Spielertrainer Gentian Vokrri kündigte seinen Abschied an, mehrere Stammspieler zogen mit. Unter ihnen: Smajlovic. Für Kirchanschörings Sportlichen Leiter Sven Vetter war schnell klar, warum man sich um den Offensivspieler bemühen musste. Smajlovic, welcher sich auch durch seine Einsätze in der Baller League und Kings League, auf sich aufmerksam machen konnte, bringt genau das mit, was in der Bayernliga oft den Unterschied ausmacht: Tore. Oder wie es intern heißt: „Er weiß, wo das Tor steht.“ Damit ist der Jonas Kronbichler-Ersatz allerdings nicht der einzige prominente Zugang.
Auch Hannes Kraus wechselte aus Traunstein nach Kirchanschöring. Der ehemalige Kapitän des SBC galt über Jahre als Führungsspieler und Identifikationsfigur. Sein Abschied war einer der ersten Dominosteine im großen Traunsteiner Umbruch. Parallel dazu bediente sich der SVK nicht nur bei etablierten Kräften, sondern auch gezielt beim Nachwuchs. Mit Moritz Morbach und Elias Dworschak verpflichtete der Verein gleich zwei Talente aus der U19 des SV Wacker Burghausen. Beide sammelten zuletzt Spielpraxis in der DFB-Nachwuchsliga und gelten als Spieler mit erheblichem Entwicklungspotenzial. „Wir gehen unseren Weg weiter, wollen auf junge, talentierte Spieler aus der Region setzen“, erklärt Vetter im Gespräch. Die Botschaft dahinter ist klar: Kirchanschöring will nicht nur kurzfristig erfolgreich sein. Der Verein versucht, Erfahrung und Perspektive miteinander zu verbinden.
Dazu passt auch die Torwartfrage. Denn nach dem Abgang von Egon Weber richtet sich der Blick automatisch auf Christoph Gruber. Der erst 18 Jahre alte Schlussmann kommt ebenfalls vom SBC Traunstein und könnte künftig in große Fußstapfen treten. Die Frage, die viele Fans derzeit beschäftigt: Wird ausgerechnet ein Teenager die neue Nummer eins eines Bayernligisten? Die Verantwortlichen trauen ihm den Sprung offensichtlich zu. Der eigentliche A-Junior gehörte in der vergangenen Saison zu den Leistungsträgern der Traunsteiner und überzeugte mit konstant starken Leistungen. Ob der Schneizlreuther tatsächlich sofort Stammtorwart wird vor Moritz Hutt oder Rückkehrer Julian Disterer, bleibt offen. Die Diskussion darüber hat jedoch längst begonnen. Vetter, der somit seine Versprechung gehalten hat, betont dennoch: „Wer im Tor steht, das werden die Trainer entscheiden – ich mische mich da in keinster Weise ein. Ich gehe auf alle Fälle von einem gesunden, leistungsfördernden Konkurrenzkampf zwischen unseren drei Keepern aus.“
Kirchanschöring-Sportchef Vetter: „Mei, man sollte niemals nie sagen“
Auch auf anderen Positionen wurde nachgelegt. Mit Nico Schiedermeier von Austria Salzburg, Mark Kremer vom ESV Freilassing und Luca Hübner aus Eggenfelden kamen weitere Akteure hinzu, die dem Kader zusätzliche Qualität verleihen sollen. Bemerkenswert ist dabei vor allem die Strategie hinter den Verpflichtungen. Während viele Bayernligisten im Sommer auf einzelne namhafte Transfers setzen, wirkt Kirchanschörings Vorgehen fast wie ein Puzzle. Die Verantwortlichen scheinen weniger auf große Schlagzeilen als auf Passgenauigkeit zu setzen. Junge Spieler mit Entwicklungspotenzial. Führungsspieler mit Erfahrung. Und Akteure, die die Liga bereits kennen.
Die Verpflichtung von Max Jägerbauer fügt sich ebenfalls in dieses Bild ein, aber als „absoluter Wunschspieler“, wie Vetter verrät. Allerdings wird der Kolbermoorer, der mit TSV 1860 München II Meister in der abgelaufenen Bayernliga-Saison wurde, aufgrund einer Schulterverletzung voraussichtlich zwei Monate fehlen. Gemeinsam mit Rückkehrer Disterer steht er stellvertretend für den breiten Neuaufbau des Teams. Die eigentliche Frage lautet daher nicht mehr, ob Kirchanschöring die vielen Abgänge kompensieren kann. Sondern ob der Verein am Ende sogar stärker aus diesem Umbruch hervorgeht. Nach dem bitteren Scheitern in der Regionalliga-Relegation hätte die Gefahr bestanden, in eine sportliche Leere zu fallen. Stattdessen entsteht derzeit der Eindruck, dass die Verantwortlichen die Enttäuschung als Startsignal verstanden haben.
Der Trainingsauftakt am Montag (15. Juni) ist erfolgt. Das erste Testspiel steht am Samstag (20. Juni) um 11 Uhr gegen den ESV Freilassing an. Alle Testspiele sowie das Turnier um den Siloking-Cup am Samstag (27. Juni) mit den Regionalligisten TSV Buchbach, SV Wacker Burghausen und SpVgg Unterhaching finden vor heimischem Publikum statt. Und während andernorts noch nach Verstärkungen gesucht wird, deutete Vetter zuletzt an, dass die Personalplanungen soweit abgeschlossen sind, aber fügt an: „Mei, man sollte niemals nie sagen.“ Die große Überraschung dieses Sommers ist deshalb vielleicht gar nicht ein einzelner Transfer. Sondern die Tatsache, wie konsequent Kirchanschöring seinen Kader neu zusammengesetzt hat. Aus einem Team, das knapp vor der Regionalliga stand, wird gerade eine Mannschaft, die erneut ganz vorne angreifen will. Ob der Plan aufgeht, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Gesprächsstoff liefert er schon jetzt genug. (mck)