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Frankfurter Rundschau vor Ort

UFO im Dschungel: Wie Deutschland von Trump unabhängig werden will – mit Brasiliens Hilfe

Brasilien will eine industrielle Revolution – und pumpt Milliarden in die Wirtschaft. Deutsche Firmen und Bundesregierung sind mittendrin, doch Ökonomen fürchten Struktur-Probleme.

Zwischen Palmen, Lianen und gewaltigen Monstera-Pflanzen liegt Sirius da. Wie ein riesiges UFO, das im Dschungel notlanden musste. Das runde Bauwerk – außen viel Stahl und Glas, in dem sich der brasilianische Himmel spiegelt– ist Herzstück des Centro Nacional de Pesquisa em Energia e Materiais, kurz CNPEM. Auf dem Gelände der Forschungsanlage nahe der Millionenmetropole Campinas, rund 100 Kilometer nördlich von Brasiliens größter Stadt São Paulo, erforschen Ingenieure und Wissenschaftlerinnen Materialien für Industrie und Medizin und suchen neue Wege, nachhaltig Energie zu erzeugen.

Sirius – so heißt die hochmoderne Synchrotron-Lichtquelle der vierten Generation im brasilianischen Campinas im Umland von Sao Paulo.

Auf Sirius, benannt nach dem hellsten Stern am Nachthimmel, sind sie hier besonders stolz. Innen führen Gänge mit blinkenden Computermonitoren zum Kern der Anlage: Durch eine 518 Meter lange Röhre rasen dort regelmäßig Elektronen, die auf ihrem Weg an starken Magneten vorbei Energie in Form von extrem hellem Licht abgeben. Dessen Spektrum können Forscherinnen und Forscher dann analysieren – wie ein Supermikroskop macht die Maschine Materie auf Atomebene so deutlich sichtbar wie nie zuvor.

Auf der ganzen Welt gibt es nur eine Handvoll dieser sogenannten Synchrotron-Lichtquellen, die der industriellen Materialforschung ganz neue Welten eröffnen. „Ein bisschen funktioniert das hier wie beim berühmten CERN-Teilchenbeschleuniger in der Schweiz. Aber Sirius ist moderner“, erklärt Vitor Semenzato do Amaral, Technology Development Analyst, der durch die Anlage führt.

Unabhängigkeit von Trump: Brasilien und Deutschland wollen enge Partnerschaft

Der 2018 fertiggestellte Sirius-Komplex und die Forschungslabore auf dem Gelände des CNPEM, das direkt ans brasilianische Technologieministerium angedockt ist, sind Symbol für eine Entwicklung, bei der auch Deutschland eine maßgebliche Rolle spielt. Brasilien will eine industrielle Revolution im Land. Mit dem Programm Nova Indústria Brasil (NIB) pumpt die brasilianische Regierung unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva über Jahre mehr als 370 Milliarden Real (etwa 60 Milliarden Euro) in die Wirtschaft. Das Geld fließt unter anderem in die Agrarindustrie, in grüne Transformation, Digitalisierung, Gesundheit, Infrastruktur und Verteidigung. Die Tech-Ambitionen stehen für eine immer stärker werdende Kooperation mit Europa und vor allem Deutschland.

Vitor Semenzato do Amaral, Technology Development Analyst im CNPEM.

Allein in Sirius steckt jede Menge deutsche Technologie – etwa Software-Lösungen von Siemens. Und São Paulo samt Umland gilt als größter deutscher Industriestandort außerhalb der Bundesrepublik: Mehr als 1200 deutsche Unternehmen sind hier angesiedelt, Auto-Giganten wie Mercedes und VW haben Zweigstellen. Und die Maschinenbau- und Elektrobranche – Kernindustrien der deutschen Wirtschaft – werden in Brasilien immer aktiver: Großmittelständler und Milliardenunternehmen wie Harting, Beckhoff, Lapp aber auch der französische Konzern Schneider Electric, der eine große Deutschlandtochter hat, haben längst eigene Dependancen.

Auch die Bundesregierung arbeitet intensiv an engen Partnerschaften – nicht zuletzt, um unabhängiger von der zunehmend erratischen Außenpolitik der USA unter Donald Trump zu werden. Die Koalition setzt entsprechend große Hoffnungen auf das Mercosur-Abkommen zwischen EU und Lateinamerika, das voraussichtlich ab Mai Zölle abbauen und die interkontinentale Zusammenarbeit intensivieren soll.

Im April ist Brasilien Partnerland der Hannover Messe, der weltgrößten Industriemesse: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wird zugegen sein, ebenso Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Serap Güler (CDU), Staatsministerin im Außenministerium, nannte Brasilien jüngst im Interview einen der wichtigsten Schlüsselpartner Deutschlands: „Wir haben diesen Teil der Welt in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt. Ein Fehler, den wir korrigieren.“ Dabei geht es auch um einen Wettlauf mit China: Das Land ist in Lateinamerika ebenfalls hochaktiv, investiert in Infrastruktur und kauft Energieunternehmen auf. Hat Deutschland überhaupt ein Pfund? Güler argumentiert so: Anders als China, das oft eigene Arbeiter und Material einfliegen lässt, schaffe Deutschland neue Arbeitsplätze und neue Wertschöpfungsketten in Brasilien.

Ähnlich sehen sie das bei SEW Eurodrive nahe der Gemeinde Indaiatuba im Speckgürtel von São Paulo. Der deutsche Mutterkonzern produziert seit fast 100 Jahren Getriebe und Motoren, vornehmlich für Industrieanlagen, ist seit den 1970ern auch in Brasilien präsent. In riesigen, lichtdurchfluteten Hallen arbeiten hier über 1700 Menschen. Viele beginnen eine Lehre, manche gehen dann ins Studium und kehren als Ingenieurinnen und Ingenieure wieder zurück zum Unternehmen. Die brasilianische Niederlassung versteht sich keineswegs als bloßer Außenposten, sondern selbstbewusst als eigenständiges Produktionszentrum. Alexande dos Reis, Chef von SEW Eurodrive Brasilien, nennt es ein „tolles Beispiel für lokale Wertschöpfung“. Deutschland liefere das technologische Fundament, während man in Brasilien die spezifischen Anwendungen für die Märkte vor Ort weiterentwickle, allen voran Agrarindustrie und Bergbau.

Riesige, runenartige Pixação im Stadtbild: Die oft sozialkritischen Graffiti zeugen von der Unzufriedenheit vieler Menschen mit der enormen sozialen Ungleichheit im Land.

Vor allem beim Abbau von Rohstoffen wie Seltene Erden will Brasilien schnell Fortschritte machen – gerät damit allerdings in ein Dilemma. Denn die Energiewende ist einerseits zentrales Ziel des NIB-Programms, andererseits bringt der Rohstoffabbau unweigerlich Umweltprobleme mit sich. „Brasilien besitzt schätzungsweise 19 Prozent der weltweiten Reserven an Seltenen Erden, verfügt aber bisher über kaum nennenswerte Abbau- und Raffineriekapazitäten“, sagt Mateus Souza, Juniorprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim, im Gespräch mit unserer Redaktion. Der geplante Produktionsausbau sei nicht ohne Risiko: „Der Bergbau kann lokale Gemeinschaften und Ökosysteme massiv bedrohen. Brasiliens jüngste Geschichte bietet mahnende Beispiele“, so Souza. 2015 etwa zerstörte der Dammbruch im Bergwerkdeponiebecken Fundão im Südosten Brasiliens mehrere Dörfer, 19 Menschen starben.

Derweil gibt es auch unter Ökonomen Zweifel an der geplanten Industrierevolution Brasiliens. Ein großes Problem: Der brasilianische Leitzins liegt derzeit bei extrem hohen 15 Prozent. Das soll die Inflation eindämmen, aber: „Private Investitionsentscheidungen außerhalb der staatlich definierten Programme werden massiv eingeschränkt“, sagt etwa Camila Steffens, Postdoktorandin am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, unserer Redaktion.

Hohe Spritpreise und weite Schere zwischen Arm und Reich werden zum Problem

Überdies zäume die Regierung das Pferd von hinten auf: „Wenn Brasilien es mit Produktivitätswachstum und Innovation ernst meint, muss es zuerst tiefe strukturelle Probleme angehen“, so die Expertin. Ein Beispiel: Brasiliens völlig unterentwickeltes Schienennetz sowie Häfen und Wasserwege müssten erst einmal modernisiert werden, um die Abhängigkeit vom teuren Straßentransport zu verringern. Über 80 Prozent des Warenverkehrs läuft in Brasilien noch immer über die Straße. Wegen der zuletzt stark gestiegenen Spritpreise drohen Brasiliens Lkw-Fahrer aktuell mit Streiks – was Wirtschaft und Lebensmittelversorgung zum Stillstand bringen würde.

Die teils unzureichende Infrastruktur verstärkt nach Experteneinschätzung nach wie vor die sozialen Probleme im Land: Die Schere zwischen Arm und Reich ist extrem weit geöffnet; die sozialkritischen, für Sao Paulo typischen Pixação – riesige, runenartige Graffiti überall im Stadtbild – zeugen davon. Neben schicken Stadtteilen der Hauptstadt liegen nach wie vor die Favelas mit ihren improvisierten Wellblechhütten – informelle, teils slumartige Siedlungen, in denen der proklamierte Aufschwung kaum ankommen wird.

Rubriklistenbild: © Peter Sieben/Ippen.Media, Alex Brandon/AP (Montage)

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