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Frankfurter-Rundschau-Interview
„Fehler, den wir korrigieren“: So will Deutschland China jetzt im Wettlauf um Lateinamerika ausstechen
Die Merz-Regierung sucht Partner in Lateinamerika. Staatsministerin Güler sieht enormes Potenzial – und erklärt Deutschlands Vorteil gegenüber China.
Ein paar übrig gebliebene Kamelle vom Rosenmontagszug liegen noch in der Glasschüssel auf dem Tisch im Abgeordnetenbüro. Als Kölnerin ist Serap Güler selbstverständlich jedes Jahr beim Karneval dabei. Vielleicht erleichtert das Rheinländische den Zugang zu Brasilien? „Ich glaube, die rheinische Mentalität passt in manchen Punkten ganz gut zur lateinamerikanischen“, sagt die CDU-Politikerin.
Seit Mai 2024 ist Güler Staatsministerin beim Außenministerium. Angesichts einer immer angespannteren Weltlage sucht die Bundesregierung neue Freunde in Lateinamerika. Güler nannte Brasilien jüngst einen der „wichtigsten Schlüsselpartner“ Deutschlands.
Wieso Lateinamerika, Frau Güler?
In dem Subkontinent gibt es ganz viele Staaten, die grundsätzlich dieselben Werte mit uns teilen. Es gibt dort reiche Rohstoffvorkommen und innovative Branchen. Und Brasilien ist der größte Handelspartner in Lateinamerika für uns als Deutsche. Wir haben diesen Teil der Welt in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt. Ein Fehler, den wir korrigieren.
Deutschland vs. China: „Müssen mutiger sein“
Noch steht Deutschland aber ziemlich am Anfang, oder?
Immerhin nimmt Lateinamerika schon jetzt etwa drei Prozent der deutschen Warenexporte ab und steht für gut vier Prozent deutscher Direktinvestitionen. 2024 hatten wir einen Gesamthandelsumsatz in Höhe von 81,5 Milliarden US-Dollar. Davon 48,9 Milliarden deutsche Exporte. Zum Vergleich: Das ist fast ein Drittel des Warenwertes, den Deutschland im selben Jahr in die USA exportiert hat. Gerade in der Region um São Paulo sind inzwischen zahlreiche deutsche Firmen aktiv.
China investiert schon lange in Lateinamerika. Haben die Europäer und die Deutschen nicht längst den Anschluss verloren?
Nein. Aber wir müssen mutiger sein in Bezug auf Investitionen. Und da sehe ich auch die Wirtschaft in der Pflicht. Es ist wichtig, dass die Bundesregierung Grundlagen schafft. Aber am Ende müssen die Investitionen von den Unternehmerinnen und Unternehmern kommen.
Lateinamerika hat Rohstoffe, aber was kann Deutschland bieten?
Es ist eine Mentalitätsfrage. Die allein ist ein Pfund. Soll ich dazu mal eine Anekdote erzählen?
Unbedingt.
Neulich erzählte mir Weltbank-Präsident Ajay Banga von einem riesigen neuen Kongresszentrum in einem afrikanischen Staat, in dem China sehr aktiv ist. Dort hingen über den Türen grüne Exit-Schilder. Aber das Wort Exit stand dort nur in chinesischen Schriftzeichen. Und er fragte in die Runde: „Wer von euch spricht eigentlich Chinesisch?“ Das war dann kaum jemand. Und das macht deutlich, dass so gut wie keine Wertschöpfungskette für Staaten entsteht, in denen China investiert.
Inwiefern?
Die Chinesen bringen alles mit. Es geht nur um ihren Vorteil. Allein die Exit-Schilder sind nicht in Afrika produziert worden, sondern in China. Und die Arbeiter für neue Firmen werden auch aus China eingeflogen. Es gibt keine Attraktivität für den Arbeitsmarkt. Wir aber sagen: Es ist eine Win-win-Situation, ein Geben und Nehmen. Wenn wir Geschäfte machen, dann profitiert das Land, in dem wir uns niederlassen wollen, selbst auch. Indem Arbeitsplätze geschaffen werden und neue Wertschöpfungsketten entstehen.
Der Kanzler lobte allerdings jüngst die chinesische Arbeitsmentalität.
Putin-Freundlichkeit als Problem? „Realpolitische Gegebenheiten“
Ist es ein Problem, dass Brasiliens Präsident Lula da Silva bisweilen ziemlich Putin-freundlich erscheint?
Brasilien ist auch BRICS-Mitglied und hat allein deshalb andere Beziehungen zu Russland als wir. Das sind realpolitische Gegebenheiten, damit müssen wir umgehen. Aber darüber hinaus sind wir in vielen demokratischen Fragen einer Meinung. Das ist Teil der deutschen Außenpolitik: Ich sehe das Glas auch bei herausfordernden Partnern eher halb voll als halb leer. Sonst kommen wir nicht weiter.
Brasilien setzt in Bezug etwa auf die Ukraine den Schwerpunkt auf andere Interessen und pflegt nach wie vor einen Draht zu Russland. Das mögen wir nicht toll finden, aber wir müssen es akzeptieren. Auf der anderen Seite haben wir aber vielleicht Interessen, die den Partnern in Lateinamerika nicht immer schmecken. Trotzdem kann man eine Partnerschaft aufbauen und zusammenarbeiten.
MERCOSUR ist das größte Handelsabkommen der Welt mit 750 Millionen Menschen, die davon profitieren können. Ich habe ein gewisses Verständnis für Sorgen, auch bei mir im Wahlkreisbüro habe ich mit Bauern gesprochen, die sich über MERCOSUR aufgeregt haben. Aber es wurden Schutzklauseln für die Landwirtschaft bei uns in Europa eingebaut. Es sind vor allem populistische Kräfte, vor allem die ganz Rechten, die das sabotieren wollen. Von denen darf man sich nicht blenden lassen. Für unsere Gesamtwirtschaft ist es gutes Abkommen. Die Partnerschaft darf aber nicht nur über die Wirtschaft kommen.
Sondern?
Es muss auch auf kultureller Ebene passieren. Wir haben ein großes Netz an deutschen Auslandsschulen in Lateinamerika. Ich habe kürzlich am 182. Nationalfeiertag der Dominikanischen Republik teilgenommen. Da habe ich nochmal gemerkt: Die meisten Botschafterinnen und Botschafter aus Lateinamerika sprechen Deutsch. Die Botschafterin aus El Salvador war auf einer deutschen Schule, hat in Deutschland studiert. Der Außenminister von Costa Rica spricht fließend Deutsch. Dadurch haben wir enge kulturelle Verbindungen, die wir noch weiter ausbauen wollen. Das ist eine wichtige Soft Power, die man nicht vernachlässigen darf, im Gegenteil. Über die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik können wir Partnerschaften forcieren, zumal wir schon dieselben Grundwerte haben.
Neben der Wirtschaft: Europa sucht auch bei Sicherheitsfragen nach neuen Partnern. Wie passt Lateinamerika da rein?
Zum Beispiel bei der Bekämpfung der transnationalen organisierten Kriminalität. Hamburg ist neben Amsterdam mittlerweile ein Haupt-Drogenumschlagplatz in Europa. Wir haben schon jetzt gute Kooperationen etwa mit Kolumbien, Peru und Bolivien, das einzudämmen.