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Rechtsaußen will Ministerposten

Lehrstück für die AfD – oder die Mitte: Schweden blüht 2026 eine heikle Wahl, Ausgang offen

Die Schweden-Wahl könnte Rechtsaußen in Ministerämter bringen. Oder das Comeback der Sozialdemokraten. Eine Analyse.

„Tidö“ ist im politischen Schweden eines der Wörter der zurückliegenden Jahre. Auf Schloss Tidö knüpften nach der Wahl 2022 vier Parteien ein Bündnis eher ungewöhnlicher Bauart. Eines, das indirekt auf Sicht auch die künftigen politischen Verhältnisse bestimmen könnte. Wäre es in Deutschland geschlossen worden, wäre das „Tidö-Abkommen“ womöglich als eine Art Dammbruch in die Geschichtsbücher eingegangen. Es besiegelte einen Pakt von drei Mitte-Parteien mit den einst rechtsextremen – und unstrittig weiter scharf rechten – Schwedendemokraten.

Sozialdemokratin Magdalena Andersson und Rechtsaußen Jimmie Åkesson sind Protagonisten der Schweden-Wahl – AfD-Chefin Alice Weidel dürfte die Lage im Auge behalten.

Gut drei Jahre später scheint es, als werde das Abkommen die volle Dauer von vier Jahren überstehen. Für die Wahl im September 2026 gibt es aber neue Vorzeichen: Die Schwedendemokraten um Chef Jimmie Åkesson wollen nicht mehr nur Stichwortgeber und Steigbügelhalter in einer Mitte-Rechts-Minderheitsregierung sein – sie wollen in die Regierung, samt Ministerposten. Ob es so weit kommen wird, scheint noch offen. Es gibt Widerstand. Pikanterweise aber hat die Opposition ein ganz ähnliches Problem. Sie braucht für eine Mehrheit wohl die Vänsterparti, die Linkspartei. Denn wie vielerorts in Europa sind auch in Schweden die Ränder erstarkt. „Links gegen Rechts“ könnte das Motto heißen. Oder es kommt ganz anders.

Schweden-Wahl 2026: Ein Szenario, das Deutschland interessieren dürfte – von AfD bis SPD

„Tidö“ hatte es Ulf Kristerssons Partei Moderater 2022 erlaubt, die Sozialdemokraten um Magdalena Andersson in der Regierung abzulösen – obgleich sie nur drittstärkste Kraft hinter Sozial- und Schwedendemokraten geworden waren. Der Deal: Der noch von 2006 bis 2014 mit komfortabler eigener Mehrheit regierende Mitte-Rechts-Block aus Moderaterna, Christdemokraten (KD) und Liberalen (L) bildet die Regierung. Die Schwedendemokraten liefern Stimmen, bestimmten im Abkommen aber auch den Kurs mit. Lange Jahre gab es auch um sie eine „Brandmauer“. Zu ihren Forderungen zählten 2022 nicht zuletzt „Law and Order“ statt Integrationsprojekten und ein harter Migrationskurs.

Politik-strategisch lässt sich gut drei Jahre später ein Zwischenfazit ziehen – jedenfalls als Momentaufnahme. In den Umfragen zum Jahresende lagen drei Parteien merklich über dem Wahlergebnis von 2022: In erster Linie Anderssons Sozialdemokraten, dahinter aber auch (auf niedrigerem Zugewinn-Niveau) die Grünen der Miljöparti („Umweltpartei“). Und die Schwedendemokraten sind, nach einigen eher hausgemachten Stimmungsdellen – etwa zur Europawahl 2024 – wieder stabil unterwegs. Nichts, was sich nicht noch ändern könnte. Aber ein Fingerzeig.

Umfrage Dezemberseit Wahl 2022
Sozialdemokraten34,7+4,4
Schwedendemokraten20,4-0,1
Moderater17,3-1,8
Linke6,8+0,1
Grüne6,1+1,0
Christdemokraten5,0-0,3
Zentrum4,7-2,0
Liberale2,3-2,4

*Quelle: „Väljarbarometer“ des Senders SVT; Angaben in Prozent (Umfrage) und Prozentpunkte (Unterschied zur Wahl 2022).

Eher auf dem leicht absteigenden Ast sind hingegen die Moderater. Und lebensbedrohlich scheint die Lage für die kleineren Parteien der Mitte. Die beiden Koalitionsparteien KD und L büßen gemessen an ihrer Größe massiv ein. Beide werden Stand jetzt um den Sprung über die schwedische Vier-Prozent-Hürde kämpfen müssen. Für die Liberalen – die sich widerwillig auf den Bund mit Rechtsaußen eingelassen hatten – scheint dieser Kampf bei rund zwei Prozent in jüngsten Sonntagsfragen fast schon verloren. Und auch die oppositionelle bürgerlich-grüne Zentrumspartei verliert gefährlich an Zuspruch. Sie zeigt sich eigentlich offen für ein Bündnis mit den Sozialdemokraten.

Dass die kleineren Mitte-Parteien so schwächeln, hat natürlich viele, auch individuelle Gründe. Einer könnte aber eine Polarisierung der Debatte sein. Vor allem um das Thema Migration und innere Sicherheit. Nach wie vor kämpft Schweden mit teils brutaler Bandenkriminalität. Ein Feld, auf dem tendenziell die Schwedendemokraten ihre Tidö-Partner vor sich hertreiben. Die Sozialdemokraten bemühten sich um Aufarbeitung ihrer Regierungszeit. Sie setzen aber auch – umstrittene – Kontrapunkte.

Keine Spur von Bullerbü: Wo Kinder in Schweden morden

Södertälje in Schweden
Die Straßenzüge wirken recht aufgeräumt. Auf den allerersten Blick würde man nicht darauf kommen, dass sich Drogen-Gangs in Södertälje südlich der schwedischen Hauptstadt Stockholm regelmäßig Schießereien liefern.  © Peter Sieben
Hovsjö in Södertälje in Schweden
Der Bezirk Hovsjö ist geprägt von Arbeitersiedlungen aus den 1970er Jahren. Unternehmen wie AstraZeneca und Scania stampften die Häuser einst aus dem Boden, um die vielen neuen Arbeiter unterzubringen.  © Peter Sieben
Häuser in Södertälje in Schweden
Heute ist Hovsjö eines von vier sogenannten gefährdeten Gebiete in der 75.000-Einwohner-Stadt.  © Peter Sieben
Södertälje
Viele der einstigen Arbeiter sind längst weggezogen. Heute ist der Ausländeranteil hoch in dem Viertel, die meisten Bewohner stammen aus Syrien und Armenien. Inzwischen haben sich vor allem Menschen angesiedelt, die sich die teuren Wohnungen etwa im 30 Kilometer entfernten Stockholm nicht leisten konnten. Experten sehen Versäumnisse der Politik, die über Jahre eine regelrechte Ghettoisierung zugelassen habe.  © Peter Sieben
Straße in Södertälje in Schweden
Seit einigen Jahren kommt es in den Straßen und Hinterhöfen immer wieder zu extremen Gewalttaten: Verfeindete Drogengangs bekämpfen sich mit Schusswaffen und immer öfter auch mit Sprengstoff. Ein Phänomen, das es auch in anderen Teilen von Schweden, etwa rund um Stockholm oder in Göteborg, gibt.  © Peter Sieben
Schweden, Södertälje südlich von Stockholm
Das Zentrum des Viertels wird immer wieder zum Tatort. © Peter Sieben
Tatort Södertälje
Auf diesem Platz gleich hinter dem „Hovsjö Grill“-Imbiss schoss im Juli 2024 ein 16-Jähriger einem 15-Jährigen ins Gesicht, in den Bauch und in die Beine – der Junge überlebte nur knapp. Die Gangs heuern neuerdings immer mehr Kinder und Jugendliche an und drängen sie zu schweren Straftaten.  © Peter Sieben
Einsatzkräfte der Polizei Patrick Torneus und Jessica Edmann.
Die schwedischen Sicherheitsbehörden setzen auf Repression und Prävention: Einsatzkräfte der Polizei patrouillieren regelmäßig in den gefährdeten Gebieten, zeigen Tag und Nacht Präsenz. Zwei von ihnen sind Patrick Torneus und Jessica Edmann.  © Peter Sieben
Polizei in Schweden
Patrick Torneus und Jessica Edman suchen immer wieder auch den Kontakt zu den Jugendlichen und Kindern im Viertel, sind Bezugspersonen für sie.  © Peter Sieben
Polizei Schweden
Viele Bewohner des Viertels kennen und vertrauen den Polizisten.  © Peter Sieben
Bandenkriminalität in schweden
Täglich sind Polizistinnen und Polizisten in dem Gebiet auf Streife. Schwedische Zeitungen nannten die gefährdeten Zonen einst „No-go-Areas“. Bei der Polizei hört man das nicht gern. Dort spricht man von „priorisierten Gebieten“: Bei der Bevölkerung verfange das Signal, stigmatisiert fühle sich niemand, dafür besonders geschützt.  © Peter Sieben
Sicherheitskameras, Bandenkriminalität in Schweden
An vielen Gebäuden sind Kameras angebracht, die hochauflösende Bilder der Gegend liefern. Die Polizisten können mit ihren Smartphones direkt darauf zugreifen.  © Peter Sieben
Polizisten, Bandenkriminalität Schweden
Denn die verwinkelten Hinterhöfe der Plansiedlung sind nicht gut einsehbar, die Wege nicht mit dem Auto befahrbar: Die Polizisten sind zu Fuß unterwegs.  © Peter Sieben
Polizei schweden
Ausgestattet sind die Polizeikräfte mit Schusswaffen, aber auch Tasern. Die nicht tödlichen Waffen kommen immer wieder zum Einsatz.  © Peter Sieben
Schweden: Die Polizisten Jessica Edman und Patrick Torneus in Södertälje
„Im Idealfall verhindern wir aber Verbrechen, bevor sie passieren“, sagt Jessica Edman. Wenn sie bemerken, dass Jugendliche und Kinder sich in der Nähe der Gangs herumtreiben, bringen sie sie im Streifenwagen direkt nach Hause, wo sie das Gespräch mit den Eltern suchen.  © Peter Sieben
Schweden, Bandenkriminalität, Polizei
Als Vorbild für die Präventionsarbeit der Sicherheitsbehörden gilt das deutsche Projekt „Kurve kriegen“ aus NRW.  © Peter Sieben
Herbert Reul in Schweden
Im März 2025 machte sich NRW-Innenminister Herbert Reul ein Bild von der Situation in Schweden.  © Peter Sieben
Patrick Torneus in Södertälje
Gespräch direkt am Zaun: „Na, habt ihr schon Schule aus?“, fragt Patrick Torneus eine Gruppe Kinder.  © Peter Sieben

Ein Fazit der langjährigen Regierungspartei: Man habe Versäumnisse bei der Integration begangen. Vorstandsmitglied Jonas Attenius etwa forderte, die Bevölkerungsteile sozioökonomisch zu „mischen“, „binnen einer Generation“. Eine Idee, die städtebaulich auch der Nachbar Dänemark verfolgt, mit teils harten Maßnahmen. Die Gegenseite rügte dennoch aufgeregt und etwas doppeldeutig eine „Zwangsdurchmischung“. Abgewogene Debatten fallen auch in Schweden mittlerweile eher schwer; dem nationaltypischen, „lagom“ genannten Prinzip der Mäßigung zum Trotz.

Schweden-Wahl als Wegscheide – findet die Mitte eine Antwort auf Migration und Rechtsaußen?

Für die Wahl 2026 ergeben sich nun schwerwiegende Fragen. Eine der größten: Wie lässt sich eine Mehrheit finden? Die Optionen hängen stark davon ab, ob die kleineren Parteien doch noch ins Parlament, den Riksdag, springen. Wahrscheinlich scheint aber, dass es Regierungsmehrheiten auf rechter Seite nur mit den Schwedendemokraten geben wird – auf linker nur mit der Linkspartei. Beide wollen erklärtermaßen Ministerposten. Die Liberalen schließen auf rechter Seite eine solche Koalition aber aus. Ebenso wie die Zentrumspartei auf der anderen Seite. Ein Dilemma.

Nicht auszuschließen, dass die Parteien noch einmal – auf Schloss Tidö oder an einem anderen Ort – kreative Bündnislösungen ersinnen. Minderheitsregierungen sind in Schweden wenig stigmatisiert. Oder aber, dass sich die Mitte zusammenrauft. Sozialdemokraten und Moderater dürften zusammen eine Mehrheit zustande bekommen. Allerdings müsste sich Kristerssons Partei dann dem fast doppelt so großen Partner klar unterordnen. Den Schwedendemokraten könnte man wohl zumindest den Regierungschef-Posten noch einmal abringen.

Keine Berührungsängste: Schwedens Regierungschef Ulf Kristersson (li.) begrüßte im Dezember Ultranationalist Jimmie Åkesson (im Statementpullover) zum Gespräch.

Mit Blick auf den Vormarsch der Schwedendemokraten dürften beide Varianten Risiken bergen. Die Erfahrungen aus Deutschland zeigen, dass einstmals „große Koalitionen“ selten beiden Partnern halfen. Kristerssons Pakt mit den extrem Rechten wiederum hat die Schwedendemokraten schon im ersten Anlauf nicht nachhaltig entzaubert. Im Hintergrund lauert eine weitere Grundsatzfrage für ganz Europa: Wie umgehen mit dem Dauerthema Migration? Sie ist eine Realität und wohl auch unerlässlich für alternde Gesellschaften. Und sie birgt Konflikte.

Zugleich gilt, was der Kieler Experte Christian Martin unserer Redaktion sagte: „Die Politikwissenschaft erklärt seit zwei Jahrzehnten: Wenn das Leib-und-Magen-Thema einer Randpartei starkgemacht wird, dann stärkt das die Randpartei und nicht die Partei, die es aufgreift.“ Der schwedische Berufskollege Jonas Hinnfors erklärte der Zeitung Dagens Nyheter zuletzt, die „Tidöparteien“ würden „Migration und Verbrechen“ gerne im Gespräch halten – etwa statt Arbeitslosigkeit, Inflation oder Gesundheit. Die Schweden-Wahl dürfte zeigen, ob die Opposition eine überzeugende Ansprache findet. Oder ob der Weg der Schwedendemokraten nun bis in die Regierung führt. Womöglich sogar als stärkste Kraft. (Quellen: Dagens Nyheter, SVT, eigene Gespräche und Recherchen/fn)

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