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Vorschlag: „Projekt 2029“

„Abwärtstrend der SPD zeigt sich schon lange“: Konzept aus Schweden könnte Vorbild sein

Der Rechtsruck in Schweden zwingt die Sozialdemokraten in dem Land zu neuen Maßnahmen. Die könnten auch in Deutschland Schule machen, so ein Politikberater.

Berlin – Der Rechtsruck in Schweden kam schleichend und kontinuierlich. Bei der Parlamentswahl 2014 holten die rechtsnationalen Schwedendemokraten noch 12,8 Prozent – 2022 waren es bereits über 20 Prozent. Als zweitstärkste Kraft im schwedischen Parlament hat die Partei direkten Einfluss: Sie ist Mehrheitsbeschaffer der konservativ-liberalen Minderheitsregierung.

Wohlgemerkt: Die Schwedendemokraten sind ultrarechts. Wer Menschen in Schweden fragt, ob man die Partei mit der in Teilen rechtsextremen AfD vergleichen könne, wird wohl so etwas hören wie: Im Vergleich zu den Schwedendemokraten ist die AfD ein gemäßigter Pastorentöchterverein. Dabei gibt sich die Partei, die in den 90ern aus einer rechtsextremen Kleinstpartei hervorging, nach außen hin freundlich. Das Parteilogo: ein harmloses Blümchen in Blau und Gelb – ein „Wolf im Schafspelz“, sagen Beobachter. Die Sozialdemokraten gehen wegen dieser Entwicklungen nun eine Maßnahme an, die auch in Deutschland Schule machen könnte.

AfD und Schwedendemokraten: Bemerkenswerter Rechtsruck in Europa

Bei der letzten Europawahl verloren die Schwedendemokraten zwar Stimmen, insgesamt ist ihr Aufstieg aber bemerkenswert. Ein drastischer Wandel in dem skandinavischen Land, das für Weltoffenheit und liberale Anschauungen steht. Ein Grund, der – ähnlich wie in Deutschland – immer wieder genannt wird: Frustration.

Die hohe Inflation macht vielen im ohnehin teuren Schweden zu schaffen, und das Vertrauen in die letzten sozialdemokratisch geprägten Koalitionen ist nach ständigen Streitereien und Rücktritten angeknackst. Auch das Sicherheitsgefühl vieler Schweden schwindet: In den Randbezirken der Hauptstadt Stockholm sowie in Vororten eskaliert die Gewalt brutaler Drogenbanden. Die Mordrate in Schweden ist so hoch wie nirgends sonst in Westeuropa.

Hovsjö ist eines von vier sogenannten gefährdeten Gebiete nin der 75.000-Einwohnerstadt Södertälje südlich von Stockholm: Regelmäßig gibt es hier Schießereien zwischen Drogenbanden.

Bandenkriminalität und Drogenkrieg in den Vororten: Versäumnisse in der Migrationspolitik

Das Phänomen Bandenkriminalität hängt auch mit der einst sehr liberalen, aber nicht konsequent durchdachten Einwanderungspolitik Schwedens zusammen. Experten sagen: Über Jahrzehnte haben die Verantwortlichen Einwanderer, die sich die teuren Viertel nicht leisten können, sich selbst überlassen. Die Folge: Ghettoisierung und Kriminalität, weil Perspektiven fehlten.

Jetzt legen die schwedischen Sozialdemokraten sehr umfassend und schonungslos immer wieder ihre Fehler und Versäumnisse der letzten Jahre offen. 2026 wird in Schweden gewählt – und bei vielen kommt die neue Reflektiertheit gut an. Die stünde auch SPD und Grünen gut zu Gesicht, findet Politikberater Johannes Hillje. Die SPD schnitt bei der letzten Bundestagswahl mit einem historisch schlechten Ergebnis ab, auch die Grünen erreichten ihre Ziele nicht. „Die SPD und die Grünen sollten ihre Wahlergebnisse umfassend aufarbeiten“, so Hillje im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Versäumnisse und Fehler sollten im Dialog mit den relevanten Wählergruppen analysiert werden, um Vertrauen wieder aufzubauen, findet der Politikberater.

Keine Spur von Bullerbü: Wo Kinder in Schweden morden

Södertälje in Schweden
Die Straßenzüge wirken recht aufgeräumt. Auf den allerersten Blick würde man nicht darauf kommen, dass sich Drogen-Gangs in Södertälje südlich der schwedischen Hauptstadt Stockholm regelmäßig Schießereien liefern.  © Peter Sieben
Hovsjö in Södertälje in Schweden
Der Bezirk Hovsjö ist geprägt von Arbeitersiedlungen aus den 1970er Jahren. Unternehmen wie AstraZeneca und Scania stampften die Häuser einst aus dem Boden, um die vielen neuen Arbeiter unterzubringen.  © Peter Sieben
Häuser in Södertälje in Schweden
Heute ist Hovsjö eines von vier sogenannten gefährdeten Gebiete in der 75.000-Einwohner-Stadt.  © Peter Sieben
Södertälje
Viele der einstigen Arbeiter sind längst weggezogen. Heute ist der Ausländeranteil hoch in dem Viertel, die meisten Bewohner stammen aus Syrien und Armenien. Inzwischen haben sich vor allem Menschen angesiedelt, die sich die teuren Wohnungen etwa im 30 Kilometer entfernten Stockholm nicht leisten konnten. Experten sehen Versäumnisse der Politik, die über Jahre eine regelrechte Ghettoisierung zugelassen habe.  © Peter Sieben
Straße in Södertälje in Schweden
Seit einigen Jahren kommt es in den Straßen und Hinterhöfen immer wieder zu extremen Gewalttaten: Verfeindete Drogengangs bekämpfen sich mit Schusswaffen und immer öfter auch mit Sprengstoff. Ein Phänomen, das es auch in anderen Teilen von Schweden, etwa rund um Stockholm oder in Göteborg, gibt.  © Peter Sieben
Schweden, Södertälje südlich von Stockholm
Das Zentrum des Viertels wird immer wieder zum Tatort. © Peter Sieben
Tatort Södertälje
Auf diesem Platz gleich hinter dem „Hovsjö Grill“-Imbiss schoss im Juli 2024 ein 16-Jähriger einem 15-Jährigen ins Gesicht, in den Bauch und in die Beine – der Junge überlebte nur knapp. Die Gangs heuern neuerdings immer mehr Kinder und Jugendliche an und drängen sie zu schweren Straftaten.  © Peter Sieben
Einsatzkräfte der Polizei Patrick Torneus und Jessica Edmann.
Die schwedischen Sicherheitsbehörden setzen auf Repression und Prävention: Einsatzkräfte der Polizei patrouillieren regelmäßig in den gefährdeten Gebieten, zeigen Tag und Nacht Präsenz. Zwei von ihnen sind Patrick Torneus und Jessica Edmann.  © Peter Sieben
Polizei in Schweden
Patrick Torneus und Jessica Edman suchen immer wieder auch den Kontakt zu den Jugendlichen und Kindern im Viertel, sind Bezugspersonen für sie.  © Peter Sieben
Polizei Schweden
Viele Bewohner des Viertels kennen und vertrauen den Polizisten.  © Peter Sieben
Bandenkriminalität in schweden
Täglich sind Polizistinnen und Polizisten in dem Gebiet auf Streife. Schwedische Zeitungen nannten die gefährdeten Zonen einst „No-go-Areas“. Bei der Polizei hört man das nicht gern. Dort spricht man von „priorisierten Gebieten“: Bei der Bevölkerung verfange das Signal, stigmatisiert fühle sich niemand, dafür besonders geschützt.  © Peter Sieben
Sicherheitskameras, Bandenkriminalität in Schweden
An vielen Gebäuden sind Kameras angebracht, die hochauflösende Bilder der Gegend liefern. Die Polizisten können mit ihren Smartphones direkt darauf zugreifen.  © Peter Sieben
Polizisten, Bandenkriminalität Schweden
Denn die verwinkelten Hinterhöfe der Plansiedlung sind nicht gut einsehbar, die Wege nicht mit dem Auto befahrbar: Die Polizisten sind zu Fuß unterwegs.  © Peter Sieben
Polizei schweden
Ausgestattet sind die Polizeikräfte mit Schusswaffen, aber auch Tasern. Die nicht tödlichen Waffen kommen immer wieder zum Einsatz.  © Peter Sieben
Schweden: Die Polizisten Jessica Edman und Patrick Torneus in Södertälje
„Im Idealfall verhindern wir aber Verbrechen, bevor sie passieren“, sagt Jessica Edman. Wenn sie bemerken, dass Jugendliche und Kinder sich in der Nähe der Gangs herumtreiben, bringen sie sie im Streifenwagen direkt nach Hause, wo sie das Gespräch mit den Eltern suchen.  © Peter Sieben
Schweden, Bandenkriminalität, Polizei
Als Vorbild für die Präventionsarbeit der Sicherheitsbehörden gilt das deutsche Projekt „Kurve kriegen“ aus NRW.  © Peter Sieben
Herbert Reul in Schweden
Im März 2025 machte sich NRW-Innenminister Herbert Reul ein Bild von der Situation in Schweden.  © Peter Sieben
Patrick Torneus in Södertälje
Gespräch direkt am Zaun: „Na, habt ihr schon Schule aus?“, fragt Patrick Torneus eine Gruppe Kinder.  © Peter Sieben

SPD-Chef Lars Klingbeil kündigte „Generationswechsel“ an

„Das schlimmste Signal wäre ein Weiter so. Die Parteien müssen der Öffentlichkeit glaubhaft versichern, aus den Wahlergebnissen gelernt zu haben“, so Hillje. „Der Abwärtstrend der SPD zeigt sich schon lange, der Wahlerfolg von Olaf Scholz 2021 war eher ein Ausreißer.“ Insbesondere gegen das schlechte Abschneiden im Arbeitermilieu und bei jungen Menschen brauche die SPD dringend eine Strategie.

Eine solche Strategie wollen die Sozialdemokraten jetzt immerhin entwickeln. SPD-Chef Lars Klingbeil hatte noch am Wahlabend einen „Generationswechsel“ in der Partei angekündigt, wenige Tage später legte der Parteivorstand ein Papier für die Erneuerung der SPD vor. Viele an der Basis wünschen sich dabei mehr Tempo. „SPD und Grüne haben Vertrauen verloren, deswegen sollten sie ihren Erneuerungsprozess möglichst offen und inklusiv gestalten“, rät Hillje. „Allerdings darf es dabei nicht nur um den Blick zurück gehen. Die Parteien müssen nun auf die Gesellschaft zugehen und Problemlösungen gemeinsam mit den Menschen entwickeln.“

SPD-Chef Lars Klingbeil am Tag nach der Wahl: Er kündigte einen „Generationswechsel“ in der Partei an.

Anders als die Sozialdemokraten in Schweden ist die SPD wohl an der nächsten Regierung beteiligt. Es sei dann „eine enorme Herausforderung, gleichzeitig zu regieren und sich zu erneuern“, so Hillje. „Den Grünen dürfte die Erneuerung in der Opposition einfacher fallen. Die Partei muss die Chance aber auch nutzen.“ Ratsam sei ein „Projekt 2029“, bei dem sie zusammen mit Wirtschaft und Gesellschaft konkrete Lösungen erarbeiteten, die sie nach der nächsten Wahl in vier Jahren in Regierungsverantwortung umsetzen wollen.

Rubriklistenbild: © Jessica Gow, Michael Kappeler/dpa (Montage)

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