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FR-Umfrageanalyse
Gegen den rechten Trend: Warum Orbán, Schwedendemokraten und „Finnen“ schwächeln
Europa rutscht vielerorts weiter nach rechts – aber nicht überall. Drei prominente Beispiele für gegenläufige Trends.
Das scharf rechte Lager ist in vielen Teilen Europas weiter auf dem Vormarsch – das zeigt eine Umfrageanalyse der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA: Im Stichproben-Durchschnitt der 29 betrachteten Länder lagen Rechtspopulisten und -radikale im Juni bei 30 Prozent. Knapp zwei Prozentpunkte mehr als Anfang 2024.
Teils legten Parteien explosionsartig zu; in Rumänien etwa. Doch der Trend ist nicht ungebrochen: Just Aushängeschilder der „Illiberalen“ und Migrationsfeinde haben erstaunliche Probleme. Viktor Orbán in Ungarn etwa oder Geert Wilders und seine PVV in den Niederlanden. Und in den nordischen Ländern, deren Rechtsrutsch auf Erstaunen und Entsetzen stieß, haben zwei Parteien plötzlich zu kämpfen. Ein genauerer Blick auf drei Fälle:
Viktor Orbán im Umfragesturz: Der König der Illiberalen muss um seinen Thron bangen
Bei der Ausgabe der IPPEN.MEDIA-Umfrageanalyse im Frühjahr 2024 war Ungarn noch Europas Hochburg der Rechtspopulisten (siehe Karte): Orbáns Fidesz und die teils noch radikaleren Mi Hazank und Jobbik lagen bei 55 Umfrage-Prozent. Nun, in den Daten aus dem Juni 2025, ist der Wert um verblüffende 20 Prozentpunkte gesunken. Skeptische ebenso wie bewundernde Blick wandern zu Orbáns neuem Herausforderer Peter Magyar. Womöglich gilt aber auch einfach: „It‘s the economy, stupid“ – am Ende kommt doch das Fressen zuerst.
Schon seit 2022 sind die Werte der Fidesz mehr oder minder kontinuierlich im (langsamen) Sinkflug. Doch so richtig in Bewegung gerieten die Umfragen Ende 2024: Auf einmal übernahm Magyars Tisza-Partei in mehreren Erhebungen die Führung. Aktuell sehen nur noch mit der Fidesz verbandelte Institute – von denen es in Ungarn mehrere gibt – die Orbán-Partei in Front.
Magyar, einst selbst Fidesz-Strippenzieher und Ehemann von Orbáns Justizministerin, verließ Partei und seine Ämter öffentlichkeitswirksam nach dem Skandal um eine präsidentielle Begnadigung in einem Kindesmissbrauchs-Fall. Mit Anklagen gegen Doppelmoral der Fidesz und Korruption (ein ergiebiges Feld in Orbáns Ungarn) punktet Magyar offenbar bei den Wählerinnen und Wählern – laut einer Umfrage gerade bei jenen unter 40 Jahren. Magyar tourt durchs Land, wo Orbán oft unsichtbar bleibt. Und er schlägt „patriotische“ Töne an. Das gibt Anknüpfungspunkte zur Fidesz-Klientel. Und Kritik: Klára Dobrev, prominente Sozialdemokratin, sieht in Magyars Partei ein inhaltsleeres Konstrukt, nur ein „anderes Namensschild“ auf der Fidesz. In diesem Urteil kann Kalkül stecken – aber auch ein Funke Wahrheit.
Die andere Seite ist die Lebensrealität in Ungarn. Orbán verteilte zwar reichlich Wahlgeschenke – aber Infrastruktur und Schulen sind in betrüblichem Zustand, wie etwa die Autorin Petra Thorbrietz schildert. Die Agentur Reuters wies auf eine Umfrage der anderen Art aus dem November hin: Eine Erhebung des Thinktanks Policy Solutions zeige vor allem große Sorge um Inflation und geringe Löhne im Land. Die Probleme könnten sich verschärfen. Zölle und Druck von Orbáns Buddy Donald Trump könnten Ungarn hart treffen, die Auto- und Zulieferindustrie ist wichtig für Ungarn. Ebenso wie die Kooperation mit US-Kontrahent China.
Ob Magyar bei der Wahl 2026 tatsächlich als Sieger durchs Ziel gehen kann, bleibt abzuwarten. Orbán setzte zuletzt auf pro-russische und anti-europäische Gefühle im Land: Die EU und die Ukraine wollten eine „Marionettenregierung“ in Ungarn installieren, behauptete er zuletzt. Neue monetäre Wohltaten könnten ihm ebenfalls helfen. Allerdings könnte eine Wirtschaftskrise diese Option durchkreuzen – und sich final rächen, dass Orbán EU-Gelder oft in die Taschen von Strohmännern und Günstlingen geschaufelt hat. Selbst dann bliebe aber noch das Wahlrecht, das Orbán massiv zugunsten der Fidesz umgestaltet hat.
Auf und Ab im hohen Norden: Skandale schaden den „Wahren Finnen“ kaum – aber das liebe Geld?
Im April 2023 übernahm eine rechtskonservative Koalition in Finnland die Regierungsmacht aus den Händen von Sanna Marin – mit dabei war die „Finnen-“ oder „Wahre Finnen“-Partei. Schnell kamen Nazi-Bande ans Licht. Deutlich unter das Wahlergebnis von 20,1 Prozent rutschten die Partei in den Umfragen aber erst ab Sommer 2024. Jüngst kam der nächste Einbruch. Nun auf gut zehn Prozent.
Die Helsinki Times führt die Probleme auf unpopuläre Sparmaßnahmen der Regierung von Petteri Orpo zurück. Das scheint nicht unplausibel: Gerade „Arbeiter“ sind laut Analysen auf Distanz gegangen. Oder auch überhaupt die arbeitende Bevölkerung: Eine erst Anfang Juli veröffentlichte Umfrage des finnischen Unternehmerverbands sah die „Wahren Finnen“ in dieser Gruppe ebenfalls nur noch bei zehn Prozent – unter arbeitenden Männern bei 15, bei Frauen gar nur bei fünf Prozent.
Größte Umfrageverluste im rechten Lager in 29 europäischen Ländern:
Verluste seit 1/24*
Gesamtwert**
Ungarn - Fidesz, Mi Hazank, Jobbik
-20
35%
Finnland - Wahre Finnen
-9
11%
Niederlande - PVV, BBB, FvD, Ja21
-5
30%
Kroatien - DP
-5
3%
Estland - EKRE
-5
14%
*Angabe in Prozentpunkte; **Umfrage-Stichproben aus dem Juni 2025.
Beim Leib- und Magenthema Migration hatte die Partei dabei reichlich Einfluss geltend gemacht, wie etwa die Bundeszentrale für politische Bildung analysierte. Als Finnland wegen eines mutmaßlich gesteuerten Zustroms von Migrantinnen und Migranten Grenzen zu Russland schloss, seien sich Parteichefin Riikka Purra und ihre Ministerin in den Armen gelegen, erinnert die finnische Politikwissenschaftlerin Minna Alander im Gespräch mit der FR: „Da kann keiner sagen, dass die Freude nur in der nationalen Sicherheit begründet war.“ Den Umfragewerten entscheidend zu helfen scheint diese Art von Politik aber nicht.
Die „Finnen“ kennen die Probleme von Koalitionsregierungen: Schon 2015 waren sie an der Regierung beteiligt – es folgte eine Spaltung, der gemäßigte Flügel verschwand in der Bedeutungslosigkeit. Es scheint, als schade der Schritt in die Verantwortung auch diesmal. Doch zu bedenken ist: Den Diskurs in Finnland hat die Partei wohl ein Stück weit verschoben. Die Partei und ihre extremen Positionen könnten durch die offiziellen Posten ein gutes Stück „normalisiert“ sein. Vor diesem Effekt warnte jedenfalls Populismus-Forscher Vicente Valentim im FR-Interview.
Die gläserne Decke der Extremen: Die Schwedendemokraten wollen seriös werden – hängen aber fest
Über viele Wahlperioden waren die – trotz des harmlos wirkenden Blümchens im Logo mit teils nazistischen Wurzeln ausgestatteten – Schwedendemokraten auf dem Vormarsch. Zuletzt ging es nur noch marginal voran, trotz einer zwischenzeitlichen Umfrage-Spitzenposition im Mai 2024. Bei der Europawahl gab es sogar einen massiven Dämpfer, wohl auch wegen Skandalen um Diffamierungskampagnen aus der Partei. Und in aktuellen Umfragen liegt die Partei zumindest unter den Werten aus dem Jahr 2024.
Eine mögliche Erklärung für das Austrudeln des langen Aufwärtstrends lieferte Ende 2024 eine Analyse der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung: In den vertretenen Werten, „Gleichheit“ etwa, unterscheide sich der Mainstream in Schweden deutlich vom Klientel der Schwedendemokraten. Womöglich ist das Wählerpotenzial also jedenfalls beim aktuellen Kurs eher ausgereizt. Andererseits meint der schwedische Populismusforscher Niklas Bolin, die Schwedendemokraten seien jedenfalls in Teilen immer noch stigmatisiert. Auch das könne Wähler vom Kreuzchen bei den Rechten abhalten.
Die AfD-Spitze im Wandel der Zeit: von Bernd Lucke bis Alice Weidel
Aktuell dulden die Schwedendemokraten die Mitte-Rechts-Koalition von Ulf Kristersson. Regierungsämter haben sie nicht. Aber durch das für die Koalition überlebenswichtige Gewicht ihrer Stimmen Einfluss: So wurden etwa Integrationsprojekte massiv zusammengekürzt, mit bitteren Folgen, wie etwa eine Arte-Dokumentation aus Südschweden zeigte. „Die Politik ist insgesamt sehr viel restriktiver geworden, vor allem bei der Migrations- und Integrationspolitik. Die Klimapolitik ist zuletzt hingegen ziemlich vernachlässigt worden“, sagte Nordeuropa-Experte Tobias Etzold der FR schon 2024. Schweden sei auch ein Vorbild für die AfD.
Bolin sieht die etablierten Parteien nun in einer Zwickmühle, wie er Anfang 2024 schrieb: Die Schwedendemokraten auszugrenzen gewähre ihnen einen willkommenen Opferstatus. Sie noch stärker einzubinden, normalisiere sie weiter. Eine eher skurrile Randnotiz: Schwedendemokraten-Chef Jimmie Åkesson reiste dereinst schon nach Finnland, um den „Wahren Finnen“ Lektion im Übergang zur seriösen Catch-All-Partei zu geben – und musste sich einen Rüffel der Göteborgs-Posten anhören. Die „Wahren Finnen“ wollten schließlich das Schwedische im traditionellen Zwei-Sprachen-Land Finnland zurückdrängen. Grenzüberschreitende Freundschaft unter Nationalisten bleibt ein Paradoxon.
Polen, Rumänien, UK: „Der rechtsextreme europäische Populismus wird nicht verschwinden“
Ungebrochen ist der Rechts-Trend in Europa also nicht. Aber Patentrezepte bleiben Mangelware. Und ein Umschwung steht wohl nicht in Aussicht, wie der prominente US-Politologe Ian Bremmer meint. Er verweist in einem Beitrag für sein Projekt GZero Politics auf rechtsextreme Erfolge in Rumänien, Polen oder UK. Die bestätigt auch die FR-Analyse. Ungarn könnte künftig weniger ein Dorn im Fleisch der EU sein – „aber wenn europäische Zentristen meinen, das sei ein Ende ihrer Probleme, werden sie ein böses Erwachen erleben“, warnt Bremmer. „Der rechtsextreme europäische Populismus wird nicht verschwinden.“ (fn)