„Gefährliche Kluft“
Drogen-„Duopol“ überschwemmt Europa – Behörden sind ausländischen Banden kaum gewachsen
Internationale Verbrecherbanden vernetzen sich stärker, wie ein aktueller Index zeigt. Experten warnen vor „ernsten Konsequenzen“.
Berlin – Die organisierte Kriminalität rüstet auf: Internationale kriminelle Banden entwickeln völlig neue Geschäftsmodelle und vernetzen sich weltweit immer stärker. Sicherheitsbehörden beobachten das seit Monaten mit Sorge – haben den Kriminellen aber immer weniger entgegenzusetzen. Das zeigt eine neue Studie, die unserer Redaktion vorab vorliegt.
Konkret geht es eine aktuelle Erhebung der Global Initiative Against Transnational Organized Crime (Gitoc). Für ihren aktuellen Index zur organisierten Kriminalität haben Expertinnen und Experten von Gitoc das weltweite Ausmaß krimineller Märkte und die Widerstandsfähigkeit der Staaten dagegen untersucht, alle zwei Jahre veröffentlichen sie ihre Ergebnisse. Demnach sind mehr als ein Drittel aller 193 UN-Mitgliedstaaten (66 Länder) durch ein wachsendes Maß an Kriminalität, aber eine sinkende Widerstandsfähigkeit, also immer geringere Handhabe durch Polizei und Sicherheitsbehörden, gekennzeichnet (im Vorjahr waren es noch 57 Länder). Für den Index nutzen die Experten eine Skala von 1 bis 10, wobei 1 einer besonders geringen Resilienz und 10 einer hohen entspricht. Deutschland liegt mit einem Resilienzwert von 7,42 zwar noch im oberen Drittel – die Tendenz zeigt aber nach unten. So lag der Wert von 2023 noch bei 7,5.
„Diese Informationen zeigen uns, dass sich organisierte Kriminalität nicht nur ausweitet, sondern sich reorganisiert“, sagte Gitoc-Geschäftsführer Mark Shaw. Das betrifft vor allem auch Europa, wie Daniel Brombacher, Direktor bei Gitoc, im Gespräch mit dieser Redaktion bereits vor wenigen Wochen deutlich machte. Sichtbares Symptom des Phänomens auch hierzulande: eine Schwemme von Kokain und Crack. „Der Suchtdruck der Konsumenten ist extrem groß. Das Phänomen sehen wir vor allem im Westen Deutschlands. Im Osten wird eher mit Meth gehandelt, das liegt vor allem an der Nähe zum Angebot aus Tschechien“, so Brombacher. Nicht zuletzt die Folgen der Corona-Pandemie haben wie ein Katalysator die Geschäfte von Verbrecherbanden beeinflusst, die organisierte Kriminalität digitalisiert. „Heute kann man größere Drogenmengen digital über Zwischenhändler organisieren. Daraus ist eine neue kriminelle Dienstleistungsbranche entstanden“, so Brombacher.
Kokain und Meth: „Duopol“ von Drogen überschwemmt Europa
Laut dem Gitoc-Index sind vor allem synthetische Drogen wie MDMA oder Meth sowie Kokain auf dem Vormarsch, auf den weltweiten Drogenmärkten entwickle sich ein regelrechtes „Duopol“, wie es im Bericht zum Index heißt. Der Einfluss synthetischer Drogen auf die illegalen Märkte sei in 40 Prozent aller Länder weltweit „erheblich bis schwer“, wobei sich die Lage seit 2023 in 77 von 193 Staaten verschlechtert habe. Zweiter großer Faktor: die Finanzkriminalität, die laut Index der weltweit am weitesten verbreitete kriminelle Markt ist und seit 2023 die größte Expansion aller kriminellen Märkte verzeichnet. Auch beobachten die Experten, dass als „eher unsichtbare Form der Kriminalität“ immer mehr in großem Stil Produktfälschungen angeboten werden. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen, weil die Kaufkraft angesichts von Inflation und höheren Lebenshaltungskosten sinke und Verbraucher weltweit billigere Produkte suchten, heißt es.
Recht neu ist: Immer mehr Banden werden zu Handlangern autoritärer Staaten wie Russland. Zwar waren Kriminelle bereits in Zeiten des Kalten Kriegs für Regierungen aktiv, organisierten zum Beispiel Waffenschiebereien. „Aber in dieser Virulenz ist das neu. Das gab es in der Form noch nie“, konstatierte Brombacher jüngst im Gespräch mit dieser Redaktion. Sicherheitskreisen zufolge gibt es hierzulande zahlreiche russische kriminelle Akteure, die für das Putin-Regime arbeiten – etwa als sogenannte Wegwerfagenten, die für Sabotageakte angeworben werden. In 80 der 193 im Index erfassten Länder übten sogenannte staatlich eingebettete Akteure schweren Einfluss aus, das habe „ernste Konsequenzen für die Regierungsführung in diesen Ländern“, heißt es im Bericht zu den Ergebnissen.
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Insgesamt sind laut Gitoc Banden immer öfter auch über Ländergrenzen hinweg aktiv, im Bereich „ausländische kriminelle Akteure“ habe es den stärksten Anstieg seit dem letzten Index von 2023 gegeben. Das deute darauf hin, dass Verbrechergruppen zunehmend mobil seien, und es eine engere transnationale Zusammenarbeit zwischen ihnen gebe. Polizei und Sicherheitsbehörden kämen bei der Bekämpfung der Strukturen allerdings kaum noch hinterher. „Die Widerstandsfähigkeit hält nicht mit der Kriminalität Schritt“, so Laura Adal, Direktorin des Gitoc-Index für Organisierte Kriminalität. Aber: „Die Daten zeigen uns, wo konkrete Schritte unternommen werden können, um diese gefährliche und sich vergrößernde Kluft zu schließen.“
So müssten Staaten ihre Justizsysteme deutlich stärken, und in die Prävention sowie die Hilfe von Opfern und Zeugen investieren. „Die Welt steht an einem Scheideweg im Umgang mit der Schattenwirtschaft“, so Gitoc-Chef Shaw. Es gelte jetzt, den Kurs im Umgang mit „immer größeren Schäden durch das organisierte Verbrechen“ anzupassen. (Quellen: Global Organized Crime Index, eigene Recherchen, Gespräche mit Experten)
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