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Nicht nur in und um Waldkraiburg

Warteliste statt Therapie: Fachkräftemangel in der Physiotherapie – ein Engpass, der weh tut

Bei Schmerzen am Bewegungsapparat sind Termine bei der Physiotherapie wichtig. Patienten müssen allerdings mit zwei bis drei Monaten Wartezeit rechnen.
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Bei Schmerzen am Bewegungsapparat sind Termine bei der Physiotherapie wichtig. Patienten müssen allerdings mit mehreren Wochen bis Monaten Wartezeit rechnen.

Wochenlange Wartezeiten auf einen Termin, erschöpfte Therapeuten und Nachwuchssorgen: Der Personalmangel in der Physiotherapie bringt Praxen nicht nur in Waldkraiburg an ihre Grenzen. Darunter leiden auch die Patienten.

Waldkraiburg — Ganze elf Wochen muss man bei der Krankengymnastik-Praxis von Walter Bachinger in Waldkraiburg auf einen Termin warten. „Wir haben zu wenig Personal“, sagt der Chef. Die Physiotherapie gehört in Deutschland längst zu den Engpassberufen, wie die Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit beweist. Dieser sperrige Begriff bedeutet, die Lücke zwischen dem Bedarf an qualifizierten Physiotherapeuten und dem Angebot an Fachkräften gefährdet inzwischen eine gute Versorgung.

Physio-Stellen unbesetzt

Im Herbst 2024 hat das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) die Daten ausgewertet. Die größte Lücke im Gesundheitswesen besteht im Bereich der Physiotherapie. Hier fehlen mit 24,5 Prozent rund 11.584 Fachkräfte. Auch Stellen in Zahnmedizin und Krankenpflege bleiben vielfach unbesetzt, da passend Qualifizierte im Arbeitsmarkt fehlen.

Der Engpass entsteht auch durch den demografischen Wandel: Die Menschen werden älter und haben Schmerzen am Bewegungsapparat, zeitgleich werden weniger Kinder geboren. Mehr Physiotherapeuten gehen in Rente als Nachwuchs nachrückt und nicht selten arbeiten weibliche Fachkräfte in Teilzeitmodellen.

Walter Bachinger versucht nach Kräften, dem steigenden Bedarf der Patienten, die mit einer Heilmittelverordnung zu ihm kommen, gerecht zu werden. Er habe zwar noch eine Ergotherapeutin einstellen können, dies spiele aber bei Rezepten für etwa manuelle Therapie oder Krankengymnastik keine Rolle.

Verzicht auf Urlaub

Derzeit verzichtet Bachinger, der die Praxis mit seinem Sohn führt, auf eine Woche Urlaub. „Mein Sohn hat Urlaub und wären wir beide weg, wäre geschlossen. So kann ich wenigstens ein paar Patienten drannehmen“, so der Therapeut.

Händeringend sucht er zusätzliche Spezialisten. Die Praxis sei mit 300 Quadratmetern groß genug, um noch drei Physios einzustellen.

Akkord-Taktung

Etwa acht Wochen dauert es, bis Paul Kreiter, der seine Praxis im Wandingerhaus in Kraiburg betreibt, einen Termin frei hat. „Viele von uns Physios haben Dauerpatienten und sind daher auch dauernd ausgelastet“, so der Kraiburger, der seinen Job liebt. Er bedauert, dass immer weniger junge Leuten den Beruf erlernen wollen, weiß aber auch, wie hart es ist, die Akkord-Taktung zu tragen. Die Krankenkasse vergütet pro Patient 20 Minuten Behandlung, inklusive Dokumentation.

Physiotherapeut Paul Kreiter liebt seinen Job und versucht, den Widrigkeiten des Gesundheitssystems mit Humor zu begegnen.

So behandelt Kreiter im Schnitt 20 Personen pro Tag. „Das ist für die jungen Leute abschreckend“, weiß er. Seine Frau, Christl Schwartz, die sich um den Empfang, die Abrechnung und die Verwaltung kümmert, ergänzt, dass die Ausbildung schmackhafter gemacht werden müsste. „Man besucht drei Jahre eine Berufsfachschule und hat kein Einkommen.“ Alternativ kann man an einer Hochschule studieren.

Die schlechte Bezahlung für Berufe im Gesundheitsbereich sei ein vieldiskutiertes Thema, so Schwartz, die 20 Jahre als Diätassistentin und Diabetesberaterin in Kliniken und Arztpraxen gearbeitet hat.

Krankengymnastik am Gerät ist ein wichtiger Bestandteil der Heilung. Physiotherapeut Paul Kreiter behandelt gerade einen Schulter-Patienten.

Burnout-Gefahr

Die Bedingungen im Gesundheitswesen seien oft nicht gut. „Wer in diesem Bereich arbeitet, brennt leicht aus.“ Der Gesetzgeber und die Gesellschaft appellieren an die soziale Ader der Menschen, die in diesem Sektor tätig sind, sei ihr Eindruck. Man müsse lernen, sich selbst zu schützen und Grenzen zu setzen, etwa bei Überstunden. „Ich kenne Physios, die behandeln austherapierte Patienten, die kein Rezept mehr bekommen, in ihrer Freizeit. Es ist eine Gratwanderung zwischen Helfen und Burnout“, sagt die Kraiburgerin.

Das System sei marode, das habe sich schon vor 20 Jahren angebahnt, betont sie. Die Bedürfnisse der Patienten und die Umstände in der Branche passen nicht mehr zusammen.

Sie könne Verständnis aufbringen für die Menschen, die Schmerzen haben, aber keine Termine ergattern. Doch der Ton und die Erwartungshaltung hätten sich generell verschärft. Wer in einer Praxis am Empfang arbeite, bekomme das zu spüren.

Daher müsse ein Umdenken her und ein Miteinander zwischen den Kassen, den Ärzten, die Rezepte ausstellen, und den Physiopraxen. In so einer Engpass-Situation helfe es nicht, den „Schwarzen Peter“ hin und her zu schieben. Das System brauche eine Reform, so Schwartz.

Musiker und Physiotherapeut

„Nur“ vier Wochen wartet man bei Robert Wroblewski auf einen Termin. Im August fängt eine neue Kollegin bei ihm an. Er hofft, den Bedarf damit etwas abfangen zu können. „Wenn jemand akut Schmerzen hat und nirgends drankommen kann, mache ich mal eine Überstunde. Aber das geht nur in Ausnahmefällen“, so Wroblewski, der mit seinem Alter Ego „Benoby“ als Musikkünstler bekannt wurde.

Der singende Physiotherapeut: Robert Wroblewski, bekannt als „Benoby“, hat seine Praxis in Waldkraiburg. Er macht bei Akutfällen schon mal eine Überstunde.

Der Plattenvertrag kam und zwei Wochen später absolvierte er sein Staatsexamen als Physiotherapeut. Corona zwang ihn später, sich auf sein erstes Handwerk zu besinnen und er eröffnete in Waldkraiburg eine Praxis. „Ich bin froh, hier geht es mir sehr viel besser, als in Berlin.“ Dort lebte „Benoby“, bevor er in seine Heimatstadt zurückkehrte.

„Dass junge Leute, egal ob Ärzte oder Physios, aufs Land zurückkehren, ist leider nicht die Regel“, sagt Wroblewski. Die Ausbildung und Praktika finden in größeren Städten wie München statt. „Und dort bleibt der Nachwuchs auch meist. Der landet eher in Starnberg oder kommt aus München nicht weg.“

Trend zur konservativen Behandlung

„Die Leute lassen sich heute nicht mehr gleich spritzen oder schneiden, wenn sie Schmerzen haben. Auf einen Termin beim Neurologen warten sie mitunter bis zu einem Jahr, darum gehen sie lieber zum Physio. Die konservativen Anwendungen sind wieder viel stärker nachgefragt“, sagt Robert Wroblewski.

Sein Tipp an alle, denen eine geplante Operation beim Orthopäden bevorsteht: Den OP-Tag mit dem Physiotherapeuten frühzeitig abstimmen und Termine ausmachen. Die Anwendungen wie Lymphdrainage oder Dehnübungen seien als wichtiger Bestandteil der Rehabilitation zu begreifen; Beweglichkeit und Kraft müssen wieder hergestellt werden. „Eine frisch operierte Schulter oder beispielsweise Hüfte muss wenige Tage nach der OP schon behandelt werden“, so Wroblewski.

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