Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Vor Abschluss seiner Ausbildung

Von der Straße in die Küche: Pascal (36) aus Waldkraiburg ist kurz vor dem Ziel

Süchte, Erkrankungen, Obdachlosigkeit – für Pascal Hilgendorf war es ein langer Weg: Mit 36 Jahren steht er nun kurz vor der Abschlussprüfung zur „Fachkraft Küche“. Die theoretische Prüfung hat er bereits bestanden.
+
Süchte, Erkrankungen, Obdachlosigkeit – für Pascal Hilgendorf war es ein langer Weg: Mit 36 Jahren steht er nun kurz vor der Abschlussprüfung zur „Fachkraft Küche“. Die theoretische Prüfung hat er bereits bestanden.

Drogen, Obdachlosigkeit, Schizophrenie: Pascal Hilgendorf war ganz unten. Doch der 36-Jährige gibt nicht auf. Jetzt steht er kurz vor dem Abschluss zur Fachkraft Küche und damit einem selbstständigen Leben.

Waldkraiburg – Für Pascal Hilgendorf ist es der vierte Anlauf, eine Ausbildung abzuschließen. Und er ist stolz: Die theoretische Abschlussprüfung zur „Fachkraft Küche” hat er bereits in der Tasche. Im Fach „Zubereiten von einfachen Speisen und Gerichten” hat er sogar mit der Note „sehr gut” abgeschlossen. Für den 36-Jährigen ist das keinesfalls selbstverständlich.

Den ersten Anlauf zu einem Berufsabschluss startet er bereits mit 18 Jahren, verliert sich damals jedoch im Alkohol und bricht die Ausbildung zum Beikoch im dritten Lehrjahr ab. Ein halbes Jahr ist er in Untersuchungshaft, anschließend mehrfach obdachlos und in der Drogenszene unterwegs. „Es war eine schwere Zeit für mich”, sagt Hilgendorf. Erst 2015 fasst er langsam wieder Fuß, zieht in eine Einrichtung in München und startet einen neuen Anlauf, möchte Sozialbetreuer werden.

Dank eigener Wohnung fühlt er sich heute „richtig gut“

Doch ein weiterer Schicksalsschlag lässt nicht lange auf sich warten: Hilgendorf bekommt die Diagnose Hodenkrebs und bricht die neue Ausbildung ab. Nach erfolgreicher Krebstherapie lebt er erneut auf der Straße, wird für drei Monate kokainabhängig, leidet an Schizophrenie. Für ihn sei das die schlimmste Zeit gewesen. „Der Entzug auf der Straße war nicht schön, aber hat mir weitergeholfen”, erzählt er. „Ich hatte kein Vertrauen, wenn mir jemand helfen wollte – das kam auch von der Erkrankung.”

Bergauf geht es erst, als er in Schnaitsee eine Therapie beginnt und 2021 in eine sozialtherapeutische Einrichtung der AWO in Waldkraiburg zieht. Seit drei Jahren lebt er nun in einer eigenen Wohnung. „Seitdem geht es mir richtig gut, die Wohnung gibt mir Stabilität”, betont er. Zuvor habe er in verschiedenen Einrichtungen gewohnt, sich aber nie Zuhause gefühlt.

Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen

Seit mehr als drei Jahren geht er zum Tageszentrum der Diakonie in Waldkraiburg. Menschen mit psychischen Erkrankungen finden dort Anschluss, bekommen Tagesstruktur und eine warme Mahlzeit täglich. „Hier geht es nicht um Therapie – die Diagnose steht nicht im Vordergrund, sondern die Ressourcen, die jemand mitbringt”, sagt der Leiter der Tagesstätte Ludwig Doben. Die Erkrankungen seiner Gäste sind vielfältig: mittlere und schwere Depressionen, Psychosen, Angst- und Persönlichkeitsstörungen, oft kommen zusätzlich Süchte hinzu. „Es sind Menschen, die aufgrund der Art, wie sie geworden sind, nirgends mehr zurechtkommen.”

Pascal Hilgendorf (links) mit dem Leiter des Tageszentrums der Diakonie in Waldkraiburg, Ludwig Doben: Die beiden kennen sich seit mehr als drei Jahren. Doben freut sich, dass Hilgendorf in der Einrichtung Stabilität gewinnen konnte.

„Ich kriege meinen Alltag inzwischen geregelt”, sagt Hilgendorf. Das Tageszentrum betrachtet er als Sprungbrett und weiß, dass er, auch wenn er scheitert, jederzeit zurückkommen kann. Das hat er bereits erprobt: Hilgendorf beginnt eine Ausbildung zum Hauswirtschafter in Mühldorf, doch das Schulsystem ist nichts für ihn und ein psychotischer Schub lässt ihn auch diese Ausbildung abbrechen. Wieder arbeitet er bei der Diakonie in Küche, Reinigung und an der Theke. „Ich bin jeden Tag pünktlich hier und schaffe alles, was ich früher nicht auf die Reihe bekommen habe”, sagt er.

Extern zur Ausbildungsprüfung zugelassen

Derzeit bezieht er Bürgergeld, doch ein Ausbildungsabschluss ist sein Wunsch. Mitte des letzten Jahres erfährt er, dass man die Ausbildung zur Fachkraft Küche auch extern machen kann, wenn man wie er genügend Praxiserfahrung gesammelt hat. Er besucht einen 12-wöchigen Vorbereitungskurs in München – eine große bayerische Stiftung ermöglicht ihm das finanziell, genauso wie die Teilnahme an der Prüfung.

Schweizer Wurstsalat hat Pascal Hilgendorf für die Besucher des Tageszentrums der Diakonie zubereitet. Bei seiner Abschlussprüfung muss er für vier Personen in jeweils zwei Gängen kochen. Auch dafür darf er sich bei der Diakonie vorbereiten.

„Wenn es gelingt, dass jemand hier Stabilität gewinnt und das sogar mit einer Qualifizierung, ist das ein Highlight”, betont Doben, der Hilgendorf schon seit mehr als drei Jahren kennt. Es sei etwas Besonderes, dass er sich nicht habe abbringen lassen. „Ich ziehe das jetzt durch”, ist Hilgendorf entschlossen, der sich jetzt auf die praktische Prüfung Ende Juni vorbereitet. Bei der Diakonie darf er dafür Probekochen. Er ist dort im Zuverdienst beschäftigt, für 2,50 Euro die Stunde.

Hobbies und Regeln helfen aus einer Krise

Eine feste Betreuung durch einen Sozialpädagogen möchte Hilgendorf aktuell nicht mehr, scheut sich aber nicht, wenn nötig Hilfe anzunehmen. Was ihm neben der Arbeit geholfen hat, ist seine Kunst: Er schreibt Gedichte, Aphorismen und Sinnsprüche. „Das hält mich auf dem Boden”, sagt er. Einmal im Monat fährt er nach München, hat sich dort dem Verein „Poesie-Briefkasten“ angeschlossen. Vor dem Kulturzentrum halten sich regelmäßig auch Leute aus der Drogenszene auf. „Heute stehe ich auf der anderen Seite und finde es furchtbar, wie sie rumgrölen – aber ich will auch niemanden verurteilen.”

Anderen in einer schwierigen Lebenssituation rät er, sich ebenfalls ein Hobby zu suchen. „Es hilft auch, sich ein paar Regeln aufzustellen und daranzuhalten – für sich selbst und nicht für andere.” „Wenn Dinge gelingen, tut das gut und bringt letztlich auch langfristig etwas”, bestärkt Tagesstättenleiter Doben.

Eine richtige Anstellung als Ziel

Vor der praktischen Prüfung ist Hilgendorf nervös. „Aber hier im Tageszentrum in der Küche habe ich noch nie etwas nicht auf die Reihe bekommen”, erzählt er. Die Ausbildung abzuschließen, ist für ihn ein weiterer Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Danach möchte er sich nach einer richtigen Anstellung umschauen. „Wo und wie habe ich noch keinen Plan.” Aber er stellt sich bereits vor, wie er seinen Gesellenbrief einrahmen und aufhängen wird.

Im vierten Anlauf erfolgreich: Stolz teilte Pascal Hilgendorf den OVB Heimatzeitungen am 1. Juli mit, dass er die Ausbildung zur Fachkraft Küche erfolgreich bestanden hat.

Kommentare