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Was passiert langfristig mit dem Gelände?

Hoffen und Warten! – Wie Esther und Binta die Zeit im Waldkraiburger Ankerzentrum erlebt haben

Esther Turay und Binta Jalloh (v. l.) aus Sierra Leone haben im Waldkraiburger Ankerzentrum gelebt. So haben sie diese Zeit empfunden und so geht es ihnen heute.
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Esther Turay und Binta Jalloh (v. l.) aus Sierra Leone haben im Waldkraiburger Ankerzentrum gelebt. So haben sie diese Zeit empfunden und so geht es ihnen heute.

Monatelang warten, kaum Privatsphäre – und doch eine Chance auf einen sicheren Start in Deutschland: Wie zwei Frauen aus Sierra Leone auf ihre Zeit im Waldkraiburger Ankerzentrum blicken. Was geht es langfristig weiter mit der Aufnahmestelle auf dem Peters-Gelände?

Waldkraiburg – Erwartungen hatten Esther Turay und Binta Jalloh nicht, als sie von Sierra Leone nach Deutschland gekommen. „Ich wusste nicht viel über Deutschland”, sagt Turay. Ihr erster Eindruck war nicht gut: Für rund zwei Wochen war sie in einer Erstaufnahmeeinrichtung in München untergebracht. Sie erzählt von schlechtem Essen und Ratten. „Dort habe ich nur geweint”, sagt die 37-Jährige.

Esther Turay und Binta Jalloh sind aus Sierra Leone nach Deutschland gekommen. Im Ankerzentrum haben sie gerne gelebt.

Richtig in Deutschland angekommen ist sie erst in Waldkraiburg, als sie ins Ankerzentrum verlegt wurde. „Ab da war ich glücklich über Deutschland, habe mich sicher gefühlt.” Sie mochte die Wohnung dort, war froh, für sich und ihre Familie ein eigenes Bad und Toilette zu haben. Insgesamt elf Monate verbrachte sie auf dem Gelände des ehemaligen BFZ Peters.

Asylverfahren zieht sich oft über mehrere Jahre

„Die Räumlichkeiten sind gut und verglichen mit anderen ist es ein relativ kleines Ankerzentrum”, sagt auch Hans Kurz. Er arbeitet als Asylverfahrensberater bei der Caritas und ist zweimal pro Woche vor Ort. Das Wort Anker steht ursprünglich für „Zentrum für Ankunft, Entscheidung und Rückführung”. „Dieser Plan ging so nicht auf: Wenn die Menschen ankommen, stehen sie meist am Anfang ihres Asylverfahrens, Rückführungen oder Abschiebungen gibt es im Ankerzentrum quasi nicht”, erzählt er.

Denn ein Asylprozess dauere oft ein bis zwei Jahre, teilweise länger. Doch die Höchstverweildauer im Ankerzentren ist für Familien auf sechs und für Alleinreisende auf maximal 18 Monate beschränkt, wie die Regierung von Oberbayern mitteilt. Jalloh wohnte tatsächlich nur für einen Monat dort, Turay erhielt dagegen erst nach fast einem Jahr einen Transfer – also eine Verlegung in eine Gemeinschaftsunterkunft.

Dankbar für die Zeit im Ankerzentrum

„Für manche ist das schon sehr frustrierend, weil sie während der Unterbringung im Anker normalerweise nicht arbeiten dürfen und sie irgendwann das Gefühl haben, es passiert einfach nichts”, sagt Kurz. Dass sich dann Lagerkoller einstelle, sei nicht verwunderlich, die Menschen haben schließlich keine Einzelzimmer. Bis zu vier Personen teilen sich im Ankerzentrum ein Zimmer, bis zu acht leben in einem Apartment mit zwei Toiletten und einem Bad.

Dicht an dicht stehen die Betten im Waldkraiburger Ankerzentrum. Bis zu vier Menschen wohnen in einem Zimmer, bis zu acht in einem Apartment. Sie teilen sich zwei Toiletten und ein Badezimmer.

„Alle wissen, das ist nicht der Ort, wo ich langfristig bleibe und planen kann – wenn es um Ausbildung oder Arbeit geht, wird immer in der Zukunft geredet”, erklärt Kurz. Der Transfer könne in ganz Oberbayern erfolgen. Turay und Jalloh sind froh, dass sie in Waldkraiburg bleiben konnten. An die Zeit im Ankerzentrum haben sie nur positive Erinnerungen. „Ich hätte nie gedacht, dass ein neues Land mich so gut behandelt, die Regierung macht einen guten Job”, betont Jalloh.

Gemeinschaftsunterkunft nicht unbedingt besser

Inzwischen leben beide Frauen in einer Gemeinschaftsunterkunft des Landratsamtes. „Im Peters war es einfacher”, sagt Turay. Nun müsse sie sich mit sieben Personen eine Toilette teilen – ihre Nachbarn würden nicht putzen und Bad und Küche immer schmutzig zurücklassen. Aber einen Pluspunkt gibt es doch: „Ich kann jetzt mein eigenes afrikanisches Essen kochen”, erzählt Jalloh. Denn im Ankerzentrum werden die Geflüchteten in der gegenüberliegenden Mensa versorgt, erhalten entsprechend weniger Geld für Lebensmittel.

Die Sanitäranlagen im Ankerzentrum sind in die Jahre gekommen: die Fliesen altbacken, die Wände fleckig. Doch der Komfort sei höher gewesen als jetzt in ihrer Gemeinschaftsunterkunft, erzählt Esther Turay.

Dass Geflüchtete auch in den nächsten fünf Jahren in Waldkraiburg ein erstes Zuhause finden können, hat die Regierung von Oberbayern vor Kurzem entschieden. Eine weitere Verlängerung ist im aktuellen Vertrag laut Bürgermeister Robert Pötzsch nicht vorgesehen. „Perspektivisch gilt es aus ökologischen und ökonomischen Gründen den vorhandenen Immobilienbestand bestmöglich zu nutzen”, teilt Maximilian Schirmer, Geschäftsführer der immobilienbesitzenden Gesellschaft BFZ Berufsförderungszentrum Peters GmbH, auf Nachfrage mit. Sowohl für Neubau- als auch Umbauprojekte gebe es Ideen.

Kindertagesstätte auf dem ehemaligen Peters-Gelände

„Eine kombinierte Nutzung des Areals von zum Beispiel Wohn- und öffentlichen Bereichen könnte aufgrund der Größe des Geländes gut realisiert werden”, verrät Schirmer zu den langfristigen Plänen. Mit kurzfristigen infrastrukturellen Veränderungen sei wegen einer Veränderungssperre durch den Stadtrat Waldkraiburg nicht zu rechnen. Denn das Gelände umfasst weit mehr als den als Ankerzentrum genutzten Bereich. „Das aktuelle Bauprojekt, Umbau und Sanierung der Kindertagesstätte Farbenfroh, wird gerade finalisiert und noch im Juli an Stadtverantwortliche übergeben”, führt Schirmer aus. 220 Krippen- und Kindergartenplätze in renovierten Räumen sind dabei entstanden.

Im vorderen Teil des Gebäudes auf dem ehemaligen BFZ Peters Gelände befindet sich das Waldkraiburger Ankerzentrum. Um die 300 Personen finden hier durchschnittlich eine erste dauerhafte Bleibe in Deutschland.

Asylberater Kurz hat den Eindruck, dass sich die Unterbringung im Ankerzentrum inzwischen gut eingespielt hat und den Menschen ein gutes Ankommen ermöglicht. „Aber es ist zu spüren, dass der politische Wille gerade ein anderer wird, insbesondere durch den Regierungswechsel.” Er selbst hat rundum besorgte, aber wohlwollende und nette Menschen getroffen, die versuchen, in Deutschland anzukommen. „Sie sind dankbar, wenn sie Unterstützung bekommen und teilhaben dürfen – freuen sich aber auch, wenn sie selbst die Chance bekommen, sich einzubringen”, erzählt er.

Traum von einer Arbeit und einem guten Leben

Etwas zur deutschen Gesellschaft und Wirtschaft beizutragen, das wünschen sich auch Esther Turay und Binta Jalloh. Sie besuchen Integrations- und Deutschkurse, träumen von einer Ausbildung in der Küche oder Altenpflege. Turay ist momentan bei einem Fastfood-Restaurant in Mühldorf angestellt und froh, ihr eigenes Geld zu verdienen. „Jeder, der fit und gesund ist, sollte für ein besseres Leben arbeiten”, sind die beiden Frauen überzeugt.

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