Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Vertrag um weitere fünf Jahre verlängert

„Das ist kein Luxusleben“: So wohnen Flüchtlinge im Waldkraiburger Ankerzentrum

Fabian Stark leitet für die Regierung von Oberbayern das Waldkraiburger Ankerzentrum. Das Gebäude auf dem ehemaligen BFZ-Peters-Gelände ist in die Jahre gekommen – das sieht man den Zimmern auch an.
+
Fabian Stark leitet für die Regierung von Oberbayern das Waldkraiburger Ankerzentrum. Das Gebäude auf dem ehemaligen BFZ-Peters-Gelände ist in die Jahre gekommen – das sieht man den Zimmern auch an.

Trotz Protesten aus Waldkraiburg: Das Ankerzentrum im ehemaligen BFZ Peters bleibt fünf weitere Jahre Erstaufnahmestelle für Geflüchtete. Das hat die Regierung von Oberbayern mitgeteilt. Hausbesuch in einem in die Jahre gekommenen Internat.

Waldkraiburg – Zwei einfache Betten direkt hintereinander, nur der hölzerne Bettrahmen trennt die Füße des einen vom anderen. Gegenüber schafft ein Stockbett mit Metallrahmen zwei weitere Schlafplätze: Bis zu vier Personen teilen sich im Ankerzentrum in Waldkraiburg auf dem Gelände des ehemaligen BFZ Peters ein Zimmer. Zusammen mit einem zweiten Raum bildet er eines von knapp hundert Apartments, in denen Geflüchtete ein erstes Zuhause in Deutschland finden.

Dicht an dicht stehen die Betten im Waldkraiburger Ankerzentrum. Bis zu vier Menschen wohnen in einem Zimmer, bis zu acht in einem Apartment. Sie teilen sich zwei Toiletten und ein Badezimmer.

Davor eine Garderobe, zwei Toiletten, ein Badezimmer. Das Gebäude ist in die Jahre gekommen: Die Fließen mit Blumenmustern, die Wände zum Teil fleckig, in einem Raum ist der Fußboden beschädigt. „Das ist kein Luxusleben”, sagt Fabian Stark von der Regierung von Oberbayern, der die Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber leitet.

Trotzdem befinde man sich mit der spartanischen Einrichtung im Mittelfeld – es gebe sowohl moderne Unterkünfte als auch Kasernen aus den 50er-Jahren mit großen Zimmern und Gemeinschaftsduschen.

Ankerzentrum entlastet Landkreise und kreisfreie Städte

Vor Kurzem entschied die Regierung von Oberbayern, die Anker-Dependance in Waldkraiburg auch in den kommenden fünf Jahren fortzuführen. Bis zu 450 Menschen finden dort eine erste dauerhafte Bleibe in Deutschland. „Das erreichen wir selten”, betont Stark.

Laut Angaben der Stadt waren es in den letzten vier Jahren durchschnittlich 312 Menschen. Früher stammten bis zu 70 Prozent von ihnen aus Nigeria. „Große Einwanderungsgruppen, die dominieren, gibt es heute nicht mehr. Stattdessen haben wir hier derzeit 17 Nationen – allen voran aus Syrien, darauf folgen Uganda und Myanmar.”

Im vorderen Teil des Gebäudes auf dem ehemaligen BFZ Peters Gelände befindet sich das Waldkraiburger Ankerzentrum. Um die 300 Personen finden hier durchschnittlich eine erste dauerhafte Bleibe in Deutschland.

Grundsätzlich seien die Zugangszahlen im Asylbereich zuletzt deutlich gesunken, teilt der Pressesprecher der Regierung von Oberbayern Wolfgang Rupp mit. Asylbewerber würden nur noch aus den Ankerzentren in Unterkünfte in Landkreisen und kreisfreien Städten verlegt, wenn ein gesetzlich vorgeschriebener Grund bestehe.

Das sei insbesondere der Fall, wenn die Höchstverweildauer im Ankerzentrum erreicht ist. Diese beträgt laut Stark für Familien maximal sechs und für Alleinreisende maximal 18 Monate. „Dauerhaft kann dies aber nur gelingen, wenn weiterhin ausreichend Unterkunftskapazitäten im Bereich des ANKER vorhanden sind”, hebt Rupp hervor. Deswegen könne auf den Standort in Waldkraiburg mit seinen bewährten Strukturen derzeit nicht verzichtet werden.

80-Cent-Jobs sorgen für Beschäftigung

Im Keller des großen Gebäudes liegen Freizeit- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Dort befindet sich ein geräumiges Spielzimmer, in dem sich zwei afrikanische Kinder unter Aufsicht ihrer Mutter austoben. „Eine Grundausstattung an Spielzeug ist vorhanden, aber wir sind schon sehr auf Spenden angewiesen“, sagt Stark.

13 Kinder leben in der Erstaufnahmeeinrichtung, es waren auch schon 40 bis 50. Einen Anspruch auf einen Kita- oder Krippen-Platz haben Familien im Ankerzentrum nicht.

Ein geräumiges Spielzimmer bietet den jungen Bewohnern des Ankerzentrums Möglichkeiten, zu spielen und toben. 13 Kinder leben derzeit in der Waldkraiburger Erstaufnahmeeinrichtung, zu anderen Zeiten waren es zwischen 40 und 50.

In einem Nähraum passt ein Bewohner gebrauchte Kleidung an die Größen der Besitzer an. „Ich habe das in Afrika gelernt”, erzählt er. Die Arbeit gehört zu den gemeinnützigen Jobs, die vom Landratsamt mit 80 Cent pro Stunde vergütet werden. Gleiches gilt für die Wäscherei: Geflüchtete können getragene Kleidung abgeben und bekommen sie gewaschen zurück. „Wir achten hier sehr auf Eigenverantwortung, es ist nicht so, dass den Menschen alles geboten wird”, sagt Stark.

Arbeiten für 80 Cent pro Stunde: Im Nähzimmer passt ein Afrikaner Kleidung an die Größen der neuen Besitzer an. Ihre getragene Wäsche können die Bewohner in Plastiktüten mit Zimmernummer zum Waschraum bringen.

Einmal täglich in der Unterkunft melden

In der hausinternen Fahrradwerkstatt haben Bewohner die Möglichkeit, sich kostenlos ein vom Fundamt in München gespendetes Fahrrad reparieren zu lassen. Ein anderer Raum, in dem einige Sofas stehen, erlaubt, in Ruhe zu telefonieren. In zwei Klassenzimmern finden Erstorientierungs- und Sprachkurse sowie Berufsschulunterricht statt.

Auch der alte Hörsaal wird genutzt. „Da sind wir froh drum und geben hier beispielsweise den Einweisungsunterricht, bei dem wir Neuankömmlingen die Hausordnung oder Mülltrennung erklären”, erzählt Stark.

In der hausinternen Fahrradwerkstatt können sich Asylbewerber ein gespendetes Fahrrad herrichten lassen. In zwei Klassenzimmern werden erste Deutschkenntnisse vermittelt.

Ein Sicherheitsdienst bewacht den Eingangsbereich. Die Asylbewerber müssen sich einmal täglich in der Unterkunft melden, ansonsten können sie kommen und gehen, wann sie wollen. Über ein Kameraüberwachungssystem behält die Security die langen Flure auf den einzelnen Etagen im Blick. Konflikte könnten so schnell identifiziert werden, allgemein gebe es aber kaum Vorfälle im Ankerzentrum.

Was für viele Deutsche selbstverständlich ist, ist nicht überall auf der Welt Standard: Neuankömmlingen wird in diesem Hörsaal unter anderem Mülltrennung beigebracht.

„Viele haben noch immer Bilder von den Polizeieinsätzen 2018 und 2019 im Kopf, das hat die Stimmung negativ belastet – heute ist es dagegen ziemlich ruhig, aber natürlich ist von hundert Tagen auch mal ein schlechter dabei”, sagt der Verwaltungsleiter. Seit mehr als sechs Jahren arbeitet Stark im Ankerzentrum und versteht, dass die Lage mitten im Wohngebiet manch einen belastet. „Aber es ist nicht so, dass bei uns den ganzen Tag rumgeschrien oder Party gefeiert wird.”

Nur grundlegende medizinische Behandlung

Frisch zubereitetes Essen gibt es dreimal am Tag. Als die OVB Heimatzeitungen zu Besuch sind, steht Putengulasch mit Pasta auf der Speisekarte. Da alle Religionen im Ankerzentrum vertreten sind, wird prinzipiell kein Schweinefleisch angeboten.

Die Sanitäranlagen sind in die Jahre gekommen: die Fliesen altbacken, die Wände fleckig. Bis zu acht Personen teilen sich ein solches Badezimmer.

Zweimal in der Woche kommt ein Allgemeinarzt in die Einrichtung, dafür gibt es einen Behandlungsraum. „Die Asylbewerber sind nicht krankenversichert, sämtliche Facharzttermine müssen vom Landratsamt genehmigt werden – und das passiert nur in wirklich notwendigen Fällen”, erklärt Stark.

Da die Infrastruktur vorhanden ist, wird für die Bewohner des Ankerzentrums jeden Tag frisch gekocht. Auf der Speisekarte der Kantine steht zum Beispiel Pasta mit Putengulasch.

Kapazitätsbegrenzung könnte mehr Unterkünfte bedeuten

Die Waldkraiburger CSU-Fraktion und der Ortsverband hatten sich gegen eine Fortführung der Erstaufnahmeeinrichtung ausgesprochen – wurden jedoch vor vollendete Tatsachen gestellt. Nun reichten sie einen Antrag im Stadtrat ein, zumindest die Belegung zu begrenzen.

Eine grundlegende medizinische Versorgung erhalten Geflüchtete zweimal wöchentlich durch einen Allgemeinmediziner. Dafür gibt es einen Behandlungsraum direkt in der Einrichtung. Eine Krankenversicherung haben die Menschen, die hier leben, nicht.

Das könnte sich für die Stadt sogar negativ auswirken: Die durch das Ankerzentrum vorhandenen Unterkunftsplätze werden laut der Regierung auf die rechtlich festgeschriebene Erfüllungsquote des Landkreises Mühldorf voll angerechnet – egal ob belegt oder nicht. „Würden diese Kapazitäten wegfallen, müssten zum Ausgleich ggf. weitere Unterkunftsplätze in dezentralen Unterkünften geschaffen werden”, erklärt Regierungssprecher Rupp.

Landrat Max Heimerl möchte zum konkreten Antrag keine Stellung nehmen, das Landratsamt agiere aber bereits im Sinne des Antrags. „Sofern möglich, versucht die Unterkunftsverwaltung derzeit besonders in den überdurchschnittlich belegten Kommunen, zu denen auch Waldkraiburg zählt, Unterkünfte abzubauen”, sagt er.

Landrat Max Heimerl.

Bei der Unterbringung von Geflüchteten sei jedoch nicht allein die Einwohnerzahl entscheidend, sondern ebenso die vorhandene Infrastruktur. „In einer Stadt mit über 25.000 Einwohnern gibt es naturgemäß mehr potenzielle Standorte für Unterkünfte.”

„Menschen, mit denen man hier arbeitet“

Der Außenbereich des weitläufigen Geländes lädt zu Sport und Erholung ein, auch eine Sporthalle gibt es. Schattige Sitzgelegenheiten bietet ein durch einen Zaun abgetrennter kleiner Parkabschnitt. „Einerseits ist es schade, dass unsere Leute nicht gerne im öffentlichen Park gesehen werden, andererseits haben sie so etwas Privatsphäre”, urteilt Stark.

Im Außenbereich steht den Geflüchteten ein eingezäunter Parkabschnitt mit einem kleinen Spielplatz zur Verfügung. Wegen eines umgefallenen Baumes ist die Rutsche derzeit allerdings gesperrt.

Für Kinder gibt es einen kleinen Spielplatz mit einer Korbschaukel und einer derzeit gesperrten Rutsche, dazu eine Boccia-Bahn und steinerne Tischtennis-Platte. Denn eine Sache gelte es nicht zu vergessen: „Es sind Menschen, mit denen man hier arbeitet”, sagt Einrichtungsleiter Stark.

Kommentare