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Eine Kindheit zwischen Krieg und Frieden

„Mit der MP im Anschlag“: Gerhard Maier erlebte, wie die Amerikaner Traunreut besetzten

Gerhard Maier und seine Schwester Paula mit einer Schar Hühner vor dem Groß’nhof in Weisbrunn.
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Gerhard Maier und seine Schwester Paula mit einer Schar Hühner vor dem Groß’nhof in Weisbrunn. Das Foto entstand vermutlich kurz nach Kriegsende.

Gerhard Maier wurde im ersten Jahr des Zweiten Weltkriegs in Weisbrunn geboren. Er erzählt, wie er die Besetzung von Traunreut durch Amerikaner erlebt hat.

Traunreut – Gerhard Maier wurde 1939 auf dem elterlichen Hof beim Groß’nbauern in Weisbrunn geboren. Weisbrunn ist der Weiler zwischen Sankt Georgen und der damaligen Muna, dem späteren Traunreut. Heute ist Weisbrunn längst mit Traunreut zusammengewachsen. 1963 erbte Maier das Anwesen „Beim Schmied“ in Hassmoning und baute mit seiner Frau einen Milchviehbetrieb auf. Außerdem war er von 1974 bis 2001 Geschäftsführer des Maschinen- und Betriebshilfsrings Traunstein. 2006 übergab er den Hof an seinen gleichnamigen Sohn. Gestorben ist Maier 2022.

Gerhard Maier hat sein Lebtag lang nicht vergessen, wie die Amerikaner beim Vorrücken auf die Muna Sankt Georgen den elterlichen Hof in Weisbrunn besetzt und seine Familie aus dem Haus vertrieben haben. Seine Witwe Regina Maier schilderte in einem Gespräch mit Chiemgau24, dass er von diesem einschneidenden Erlebnis immer wieder erzählt hat – aber auch davon, wie die Amerikaner zu den Kindern freundlich waren und ihnen Süßigkeiten schenkten. Maier selbst schilderte im Jahr 2013 der Traunreuter Journalistin Susanne Mittermaier, wie er als Bub den Einmarsch der Amerikaner im Hof seiner Eltern in Weisbrunn erlebte. Die lesenswerte Reportage ist in dem 2014 geschriebenen Buch „Traunreut, von der Muna zur Stadt“ erschienen. Es gibt allerdings keine gedruckte Version des Buches. Man kann es nur als E-Book im Internet finden. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin erscheinen hier Teile des Beitrags.

Mit Panzern rückten die Amis zur Besetzung der Muna an

Auf den Dörfern rund um das heutige Traunreut ging es während des Zweiten Weltkriegs vergleichsweise gemächlich zu. Zwar donnerten immer wieder Jagdflieger über die Gegend, doch bis auf das schreckliches Unglück 1944 in Arleting, wo durch eine Splitterbombe drei Menschen starben, blieben die heutigen Ortsteile der Stadt von Kriegshandlungen verschont. Das sollte sich Anfang Mai 1945 schlagartig ändern: Gerhard Maier war sechs Jahre alt, als plötzlich Horden fremder Soldaten über den elterlichen Hof in Weisbrunn hereinbrachen: „Wir waren grad beim Mittagessen: die Eltern, wir Kinder, die Mägde und Knechte, da preschten mehrere Jeeps mit amerikanischen Soldaten in den Hof. Die sprangen, mit ihren Maschinenpistolen im Anschlag, von den Wagen und stürmten durch die offene Haustür in den Hausgang und in unsere Stube. Ein kleingewachsener Amisoldat mit einem roten Halstuch, Stahlhelm und einer dicken Brille schrie immer wieder: „hands up, hands up´ und fuchtelte dabei mit seiner MP herum, bis wir alle vom Tisch aufgestanden waren und die Hände hochhielten. Mir ist dabei ein eisiger Schauer über den Rücken gelaufen“, schildert der ehemalige Geschäftsführer des Maschinenrings Traunstein diese Stunden. 


Die Szene auf dem Hof des Groß’nbauern in Weisbrunn war Teil der Inbesitznahme der Heeresmunitionsanstalt St. Georgen, kurz Muna. Das Areal der berüchtigten Giftgas-Produktionsanlage begann direkt im Anschluss an Weisbrunn. Die meisten Angehörigen der Wehrmacht hatten sich zu der Zeit bereits aus dem Staub gemacht. 

Eine Kindheit im Schatten des Krieges und die unerwartete Freundlichkeit der amerikanischen Soldaten

Mit Panzern und Mannschaftswagen rollte eine lange Kolonne amerikanischer Truppen von Sankt Georgen die Straße hinauf Richtung Muna. Mit ängstlichen Blicken verfolgten die Menschen das Geschehen. Sie hatten ja keine Ahnung, was da jetzt auf sie zukommen würde. Noch waren SS-Leute unterwegs, die nicht zögerten, von ihren Schusswaffen Gebrauch zu machen. „Als die ersten Panzer aufgetaucht sind, hat sich der Pap nicht getraut, eine weiße Fahne aus dem Fenster zu hängen. Wir wussten nämlich, dass sich am Schneckenberg noch irgendwo SSler versteckt hielten. Die hätten womöglich geschossen, wenn sie die weiße Fahne gesehen hätten“, erzählte Maier. Der nächste Schreck folgte, als einer der Panzer aus der Kolonne plötzlich seine Kanone nach links schwenkte und genau auf den Groß’nhof zielte. 

„Dann erst haben wir die Fahne rausgehängt, und der Panzer hat dann wieder abgedreht.“ Das war noch vor dem Einfall der Soldaten auf dem Hof gewesen. Die Amis befahlen, dass alle innerhalb einer Viertelstunde aus dem Wohnhaus heraus sein müssten. Die Eltern hätten daraufhin dem Captain, der sehr gut Deutsch sprach, erklärt, sie bräuchten mehr Zeit, schließlich müssten sie ja so weiterleben können, dass sie den Hof bewirtschaften können. Der Captain ließ sich erweichen und gab den Maiers eine Stunde, damit sie – unter strenger Bewachung – das Nötigste zum Leben aus dem Haus bringen konnten. Zum Glück hatte sich ein früherer Mieter, der von Beruf Schreiner war, ein Salettl auf der Remise ausgebaut, in dem die Familie samt Gesinde nun Zuflucht fand. Das Holzgebäude gegenüber des Wohnhauses bestand aus vier kleinen Kammern, rundherum mit Balkon und von unten über eine Treppe erreichbar. Weil es im Salettl keine Feuerstelle gab, war es offiziell kein Wohnraum und deshalb auch nicht beschlagnahmt worden. 

Wo sollte die Mutter kochen? Wieder wurde mit dem Captain verhandelt. Der genehmigte schließlich, dass die Bäuerin ihren Waschraum benutzen durfte. Der hatte nicht nur einen Waschkessel, den man beheizen konnte; es stand dort auch eine alte Herdplatte, unter der man Feuer machen konnte. Die Mutter hatte so nicht nur eine Kochgelegenheit, sondern konnte auch die Wäsche und die Kinder waschen. Auch auf selbstgebackenes Brot mussten die Ausquartierten nicht verzichten, denn der Backofen stand ebenfalls in der Waschküche. Die vier Kammern im Salettl waren schnell aufgeteilt: eine für die Knechte, die nächste für die Mägde, eine für die älteren Kinder und das letzte Kammerl für die Eltern und die kleineren Sprösslinge. 

Ein halbes Jahr durfte man das Wohnhaus nicht betreten

Wie den Bewohnern des Groß’nhofs ging es auch allen anderen Bauern in Weisbrunn und Umgebung: Sie mussten ausziehen in Nebengebäude und zum Teil sogar in die Scheunen. „Es war uns absolut verboten, das Wohnhaus zu betreten“, beschrieb Gerhard Maier die Lage, die ein halbes Jahr andauern sollte. Die Amerikaner hatten die Muna besetzt, um dort vorhandene Maschinen und Ausrüstung zu demontieren und abzutransportieren. Außerdem konnte man die dort gelagerten riesigen Mengen Kampfstoff nicht einfach sich selbst überlassen. 

Da für die vielen Soldaten, die für diese Arbeiten gebraucht wurden, Quartiere benötigt wurden, mussten die Einheimischen ihre Häuser räumen. Die Familie des Groß’nbauern hatte dabei noch Glück: Die Mutter verstand ein bisschen Englisch, weil sie vor ihrer Heirat in der Schweiz gearbeitet hatte. Beim Verhandeln mit den Besatzern half auch ihre Schwester Rosa, die Poschmüllnerin, die bald nach dem Krieg in Traunreut das erste Kino eröffnete. Die hatte einige Jahre in New York als Kindermädchen und Haushälterin gearbeitet. 

„Immer wenn es etwas auszureden gab, wurde die Tante Rosa geholt und musste das dann wieder hinbiegen“, berichtete ihr Neffe im Gespräch mit Susanne Mittermaier. Er erinnerte sich an einen Vorfall, bei dem es um nicht abgelieferte Waffen ging, welche die Amis bei Bauern in der Nachbarschaft gefunden hatten. Eine war dem Betreffenden wohl untergeschoben worden, der andere Bauer hatte sein Gewehr behalten, weil er Jäger war. „Da hätte nicht viel gefehlt und die beiden wären standrechtlich erschossen oder zumindest abtransportiert worden.“ Dank der englischen Sprachkenntnisse von Rosa Maier ließen sich die Amerikaner aber besänftigen. 

Das „Stibitzen“ der Kinder wohlwollend registriert

Kaum etwas zu fürchten bei den Besatzungssoldaten hatten die Kinder in Weisbrunn. „Die Amis hatten ja meist selbst Familien zu Hause und waren zu uns immer sehr freundlich“ – selbst dann noch, wenn der sechsjährige Gerhard und das Nachbarsmädchen, die Gachtler-Annemie, gemeinsam zum Stibitzen gingen. In Schuppen und Lagerräumen hatten die Soldaten ihre Lebensmittelvorräte eingelagert. Hier stapelten sich Schachteln mit Schokoriegeln, Bananen, Orangen und Konservendosen. Die waren praktischerweise schon mit einem am Deckel befestigten Öffner ausgestattet, sodass der Inhalt gleich an Ort und Stelle geleert werden konnte. Allerdings gab es da anfangs noch einen Haken: „Die Aufschrift war ja in Englisch. Wir Kinder wussten deshalb anfangs gar nicht, was da in diesen Dosen drin war.“

Mit der Zeit bekamen die hungrigen Langfinger aber – ähnlich wie bei heutigen Überraschungseiern – durch Schütteln heraus, was hinter dem Blech an Leckereien wartete. „Wir waren natürlich auf die Dosen mit den Keksen aus, die fanden meist gar nicht den Weg heim“, gestand Gerhard Maier. Seine Mutter, die einen großen Gemüsegarten hegte, den ihr die Amis auch gelassen hatten, freute sich besonders über die eingelegten Tomaten. „Sie hat uns erklärt, dass tomatoes auf Englisch Tomaten heißt, damit wir die Dosen aussuchen konnten, in denen Tomaten drin waren. Das andere Gemüse hatten wir ja selbst.“ 

„Schwebende Fische“ und andere Streiche: Die Kinder von Weisbrunn entdecken die Vorräte der Amerikaner

Praktischerweise hatten die Soldaten auch die Wagenremise unterhalb des Salettls mit Konserven vollgestellt – darunter auch eines Tages eine Kiste mit Heringen. „Die hat die Mutter entdeckt, als sie die Stiege hinuntergegangen ist. Von da hat man einen guten Blick in die Remise und die Kisten sind alle offen dagestanden.“ Auf Höhe des Salettls war eine Fallklappe im Deckenboden, durch die normalerweise Getreidesäcke von der Remise in den „Troadkasten“ hinaufgezogen wurden. 

Diesen Weg sollten nun auch die Heringe nehmen. „Wir hatten uns dazu schon am Tag eine passende Kiste ausgesucht und sie so hingerutscht, dass sie direkt unterhalb der Öffnung stand. Dann haben wir auch noch das Verknoten mit einem Strick geübt, damit wir das im Finstern ohne Licht hinbekommen. Wir konnten den Fisch ja schlecht am helllichten Tag nach oben ziehen. Deshalb mussten wir warten, bis es finster ist. Und außerdem mussten wir sichergehen, dass die Knoten richtig sitzen, denn wenn die Kiste ausgekommen wäre, hätte es ein ziemliches Gescheppere gegeben und das hätten die Amis sicher bemerkt.“ 


Das Manöver „schwebende Fische“ sollte in der Nacht reibungslos anlaufen – als plötzlich ein paar Jeeps mit voll aufgeblendeten Scheinwerfern auf den Hof knatterten. „Uns ist allen das Herz stehen geblieben. Wir haben gedacht, jetzt ist es aus“, erinnert sich Maier. Doch die Gefahr löste sich schnell in Wohlgefallen auf: Die Soldaten in den Jeeps waren nur gekommen, um ein paar Kameraden abzuholen. Sie waren schnell verschwunden, der Hof wieder im Finstern und die Fischdosen fanden dann auch unentdeckt den Weg nach oben ins Salettl und anschließend in die Mägen der hungrigen Maiers und ihrer Bediensteten. 

Zur „Belohnung“ frische Orangen für die kleinen Diebe

An den kleinen Stibitzereien der Kinder hätten die Amerikaner sogar ihre Freude gehabt, erinnert sich der Zweitjüngste von fünf Geschwistern: „Wir hatten ja nur unsere kleinen Hände und Hosentaschen, die Mädchen eine Tasche auf dem Schürzerl. Wenn wir da erwischt wurden, haben uns die Soldaten nur zugezwinkert. Einmal hat uns ein schwarzer Wachposten den Rückzug von einem Dosenlager verstellt. Er hatte sein Käppi so schief auf dem Kopf, riesige Kulleraugen und furchtbar weiße Zähne. Die hat er dann mit einem breiten Grinsen gezeigt und seine Hände vorgestreckt. Die waren innen ganz weiß und in jeder Hand hatte er eine Orange. Wir sind im ersten Moment schon ziemlich erschrocken, die Annemie und ich, aber unsere erbeuteten Dosen haben wir nicht fallen lassen. Der Soldat hat dann gesagt: du Kinder, nicht Angst´ und hat uns die Orangen in die Hand gedrückt.“ 

Im Herbst 1945 zogen die Truppen, die den Hof in Weisbrunn besetzt hatten, wieder ab. Zurück blieben nur etliche Soldaten und das Verwaltungspersonal, also Menschen, die noch in der Muna zu tun hatten. Da sich die Entgiftungsaktion als ziemlich langwierig erwies, wurde diese Arbeit 1947 an eine deutsche Behörde übergeben. Die Muna erstreckte sich damals auf eine Fläche von 242 Hektar. Die Grundstücke gehörten der Stadt Traunstein, den Gemeinden Stein, Traunwalchen, Pierling und Palling. In der Muna waren 2000 Personen beschäftigt. (obk)

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