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Ein damals 16-Jähriger erinnert sich

Kanal-Abflussrohr als Luftschutzkeller: So hat Günter Pertl die Luftangriffe auf Traunstein erlebt

Rund um die evangelische Auferstehungskirche Schutt und Trümmer nach den beiden Angriffen
auf den Traunsteiner Bahnhof.
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Rund um die evangelische Auferstehungskirche Schutt und Trümmer nach den beiden Angriffen auf den Traunsteiner Bahnhof. Die historische Aufnahme ist als Kopie im Stadtarchiv Traunstein verwahrt.

Die amerikanischen Luftangriffe kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges verwandelten den Traunsteiner Bahnhof in ein Trümmerfeld. Eine Zeitzeuge erinnert sich 80 Jahre danach an schreckliche Momente, aber auch Lichtblicke in einer schlimmen Zeit.

Traunstein - Dieser Tage jährt sich zum 80. Mal das Ende des 2. Weltkriegs. Am 18. und am 25. April 1945 verwandelten amerikanische Fliegerbomben den Traunsteiner Bahnhof in ein Trümmerfeld. Chiemgau24 hat einen Zeitzeugen ausfindig gemacht, der den Angriff als 16jähriger Bursche hautnah miterlebt hat. Günter Pertl (Jahrgang 1929) ist geistig topfit und erinnert sich noch genau an das Geschehen vor acht Jahrzehnten.

Günter Pertl erlebte als 16-Jähriger das Kriegsende in Traunstein. Als er im Vorjahr seine Erinnerungen für die Heimatzeitung schilderte war er geistig topfit und formulierte druckreife Sätze.

„Sonst wären wir dran gewesen“

Die väterliche Gärtnerei an der Wasserburger Straße war nur wenige Steinwürfe vom Zielgebiet des Bombenangriffs auf den Bahnhof entfernt. „Gottseidank haben die Amerikaner genau getroffen“, sonst wären wir dran gewesen“, sagt er 80 Jahre nach diesen dramatischen Tagen.

Den 18. April 1945, einen sonnigen Frühlingstag, und den 25. April haben die Traunsteiner nie vergessen. Es gibt nur noch wenige, die damals im Kinder- oder Jugendalter waren, und die verheerenden Bombenangriffe auf den Bahnhof miterlebt haben. Zwei Wochen später marschierten die Amerikaner ein und der Zweite Weltkrieg war vorbei. Günter Pertl war damals 16 Jahre alt und erzählte unserem Autor, wie er das Kriegsende in der Stadt erlebt hat, die zu seiner Heimat und seinem Lebensmittelpunkt geworden ist.

Bombeangriffe als Anzeichen für Kriegsende

Er stammt aus Eppenheim im Taunus und verbrachte seine Kindheit in Limburg an der Lahn. 1939 kam er mit seinen Eltern nach Traunstein, weil sein Großvater gestorben war und Günthers Vater die Gärtnerei an der Wasserburger Straße erbte. „Das Kriegsende begann für mich am 18. April mit dem Bombenangriff auf den Bahnhof. Danach wussten wir, dass der Krieg bald vorbei sein wird.“

Wie immer bei Fliegeralarm ging Günter mit seiner Mutter Emma, seiner Schwester Heidi, und einer Ziehtochter, die bei den Pertls lebte, den Hang neben der Straße hinunter und sie stiegen in das gut einen Meter hohe Kanalrohr, das der Entwässerung diente. Der Vater arbeitete weiter auf seinen Gemüsebeeten. Er wäre mit seinem Tagwerk nie fertig geworden, wenn er bei jedem Fliegeralarm in den Kanalgraben gegangen wäre.

Auf der Bank in der Betonröhre

Günter hatte eine kleine Bank zusammengezimmert, auf der man in der Betonröhre gebückt sitzen konnte. Bevor das Inferno begann, stand man noch in der Sonne und harrte mit Bangen der Dinge, die da kommen würden. Auf der Straße ging ein Soldat vorbei, der mit einer Floristin befreundet war, welche bei den Pertls arbeitete. Er zückte die Kamera und machte ein Foto von der Familie, die vor ihrem provisorischen Luftschutzbunker stand.

Dann ging er weiter Richtung Bahnhof, denn er wollte an diesem Tag noch heim nach München. Die Personen, die er fotografiert hatte waren sicher, dass er das Inferno des wenige Minuten später beginnenden Luftangriffes nicht überlebt haben konnte. Unbeschreiblich groß war die Freunde, als er drei Wochen später zurückkam und der Familie stolz die Aufnahme von damals schenkte.

Bild vom Papa

Als er mit dem Autor dieses Beitrags den Gesprächstermin vereinbarte, versprach Günter Pertl, das Bil dherauszusuchen. Einen ganzen Tag habe er damit verbracht, es in den vielen Schachteln mit alten Fotos aber leider nicht mehr gefunden. Stattdessen präsentiert er stolz eine andere Aufnahme, die vermutlich 1945 gemacht wurde und das Traunsteiner Brandschutzkommando zeigt. „Und der Dritte von links, der so lässig auf dem Kotflügel des Feuerwehrautos sitzt, ist mein Papa“, erzählt er stolz.

Das Traunsteiner Brandschutzkommando 1945. Der Zweite von links, der auf dem Kotflügel des Feuerwehrautos sitzt, ist Sebastian Pertl. Und ganz links ein späteres Traunsteiner Original, Franz Schmid, der „Express-Schmid“.

Zurück zum Angriff auf den Bahnhof. Als die ersten Bomben aus großer Höhe fielen – „winzig klein esilberne Punkte am Himmel“ – gingen die Pertls in den etwa zehn Meter langen Kanalschacht. Nur Vater Sebastian rackerte unverdrossen weiter. Obwohl eine Bombe nur ein paar Dutzend Meter von ihm entfernt am Bahndamm auf Höhe der Wasserburger Straße einschlug, blieb er unversehrt.

Französischer Kriegsgefangener hilft

Er hatte sich flach aufs Beet gelegt und der Bahndamm hatte die Druckwelle gedämmt. Die Gewächshäuser der Gärtnerei waren danach aber zu hundert Prozent ohne intaktes Glas. Und auch das Dach des Wohnhauses war stark beschädigt. „Aber wir hatten einen französischen Kriegsgefangenen aus dem Lager Trostberg zugeteilt bekommen, der als erster oben war und alles gerichtet hat“, erinnert sich Pertl.

Die Gärtnerei gehörte zum Reichsnährstand“; sein Vater konnte also als „unabkömmlich“ nicht zum Kriegsdienst beordert werden. Aber zusätzliche Arbeitskraft für den Betrieb wurde benötigt. Den Franzosen aus Trostberg hätte man jeden Abend ins Außenlager nach Siegsdorf bringen und in der Früh zur Arbeit wieder holen müssen –„viel zu viel verplemperte Zeit“, sagte der Vater.

Schließlich bekam man die Arbeitskraft gegen das Versprechen, sie täglich am Abend im Zimmer einzusperren. Das tat der alte Pertl natürlich nicht. Es entwickelte sich ein gutes Verhältnis, der Franzose blieb bis Kriegsende , und er arbeitete, als wäre es sein eigener Betrieb, erinnert sich Günter Pertl. Und wie ist der Schüler Günter durch die Kriegsjahre gekommen? Wie war es in der Schule? Wie waren die Lehrer?

So war es damals in der Schule

Allein das wäre schon eine eigene Geschichte. Als der Zehnjährige 1939 nach Traunstein kam, da musste er gleich in die Oberschule an der Rosenheimer Straße. Mittelschule und Gymnasium, so glaubt er sich zu erinnern, waren damals kriegsbedingt zusammengelegt worden. Nach der Kapitulation gab es ein halbes Jahr gar keinen Unterricht und zuvor einen, der sporadisch, mehr schlecht als recht und bevorzugt in Gasthäusern abgehalten wurde.

Wegen der dadurch entstandenen großen Wissenslücken hieß es, jeder müsse die sechste Klasse wiederholen. Man konnte sich aber zu einer Prüfung melden und, wenn man sie bestand, die „Ehrenrunde“ verhindern,. Günther wollte schnell mit der Schule fertig werden. Er schaffte die Prüfung und mit 18 auch das Abitur. Die Naturwissenschaften hatten es ihm angetan und er wollte studieren. Dazu war er 1947 mit 18 Jahren aber „hoffnungslos zu jung“, wie er schmunzelnd zu Protokoll gibt.

Die Studienplätze an den Universitäten waren beschränkt, Kriegsheimkehrer hatten Vorrang. Chancen auf einen Studienplatz hätte er nur gehabt, wenn er in der Landeshauptstadt ein Jahr Wiederaufbauarbeit geleistet hätte. Dagegen hatte aber Vater Sebastian Pertl etwas. Daheim wurde die Arbeitskraft des Sohnes dringend gebraucht. Und damals war es noch so, dass man sich dem Willen des Vaters beugte.

Ein Jahr bei den „ehemaligen Erzfeinden“

Also absolvierte der Heranwachsende seine Lehre im elterlichen Betrieb – auf zwei Jahre verkürzt, d aer ja Abitur hatte. Nach einem weiteren Jahr besuchte er die „Höhere Gartenbauschule“ in Weihenstephan und durfte sich nach vier Semestern und bestandener Prüfung „Gartenbautechniker“ nennen. Zunächst arbeitete Prtl wieder beim Vater, verdingte sich dann aber für ein Jahr in einer Hamburger Großgärtnerei, verbrachte 1952 ein weiteres Jahr in einer Gärtnerei in England („weil ich sehen wollte, wie es bei unseren ehemaligen Erzfeinden so zugeht“) und bildete sich schließlich in Weihenstephan weiter zum Gartenbauingenieur.

1961 hat Günter Pertl geheiratet, ein Jahr später die Gärtnerei an der Wasserburger Straße vom Vater gepachtet und sie kurz vor dessen Tod 1969 übernommen. 1997 hat er sie seinem Sohn übergeben. Heute steht auf dem Grund, auf dem einst die Gärtnerei angesiedelt war, ein großes Geschäftshaus, in dem unter anderem die Geschäftsstelle des ADAC untergebracht ist.

„Sonst konnte man nach Dachau kommen“

Wie empfanden er und seine Familie das damals mit den Nazis und ihrer Propaganda? „Meine Mutte rEmma hat den Braten bald gerochen und war gegen die Nazis.“ Der Vater habe versucht, sich aus allem weitgehend rauszuhalten. „Keiner hat sich getraut, etwas zu sagen, denn sonst konnte man nach Dachau kommen.“ Er selbst durfte wie der gesamte Jahrgang 1929 in den Großen Ferien ins „Wehrwolflager“ nach Ruhpolding.

Dort wurde man unter anderem damit vertraut gemacht, wie man mit einer Panzerfaust umgeht. Einige Monate vor dem Ende des Krieges musste er beim Wehrbezirkskommando erscheinen, wo ihn ein Offizier befragte und er sich daraufhin als Reserveoffizier bewerben sollte. Günther Pertl bekam aber keinen Einberufungsbefehl mehr, denn das „Tausendjährige Reich“ stand schon kurz vor seinem Ende.

Amerikaner als „Retter begrüßt“

Als die Amis von Siegsdorf her nach Traunstein kamen, „haben wir sie begrüßt als Retter.“ Manche allerdings hätten das bis zum Schluss noch anders gesehen. Am nördlichen Stadtrand habe es wohl noch ein Widerstandsnest gegeben, denn „von dort haben wir nach dem Einmarsch noch mehrere Schusswechsel gehört. Aber mit denen haben die Amis vermutlich kurzen Prozess gemacht…“

Nach der Besetzung seien die Amerikaner meist in kleinen Gruppen durch die Stadt gegangen. Eines Abends klopfte es an der Haustür und zwei dunkelhäutige Soldaten begehrten Einlass. Neben Günter und seiner Mutter war noch eine Floristin im Raum, mit der einer der Männer anbandeln wollte. Günter verwickelte die Männer dank seiner guten Englischkenntnisse, die er sich in der Oberschule angeeignet hatte, immer wieder in ein Gespräch und sie ließen von ihrem Vorhaben ab.

„Aber Eier wollten sie haben“, erinnert er sich. Man hatte aber keine Hühner, sondern nur ein paar Enten. Der junge Pertl wies die Amis eindringlich darauf hin, dass sie die Enteneier vor dem Verzehr unbedingt kochen müssen. Während des ganzen Aufenthalts hantierte einer der beiden Soldaten ständig mit seiner Pistole herum. „Das hat mich aber nicht eingeschüchtert“, sagt Pertl heute.

Pferdefleisch und Mehlsuppe

Obwohl dem „Reichsnährstand“ zugehörig und für den Anbau von Gemüse verantwortlich, war die Versorgung mit Nahrungsmitteln auch im Gärtnerhaushalt bescheiden. Man musste sich halt zu helfen wissen. Wenn man Lebensmittelmarken für ein Pfund Rindfleisch hatte, dann ging man zum Rossmetzger Wagnerberger und bekam dafür zwei Pfund Pferdefleisch. Brot gab es pro Person höchstens eineinhalb Scheiben am Tag und in der Früh gab es meistens Mehlsupp: „Damit wir wenigestens etwas im Magen hatten.“

Hinter dem Haus hielt man ein paar Hasen; die Laufenten waren zunächst tabu, denn die hielt der Vater, um die Schnecken in den Gemüsebeeten zu bekämpfen. Erst als die Watscheltiere von Schnecken auf vegetarische Nahrung umstellten und lieber den Salat fraßen, wanderten auch sie ins Bratrohr. Was ihn am meisten belastet hat während der Kriegsjahre, verrät der trotz seines hohen Alters agil wirkende und ausgezeichnet formulierende Senior gegen Ende des fast zweistündigen Gesprächs: Gegen Kriegsende wurde in Sankt Oswald fast täglich ein Requiem für einen im Krieg gefallenen Mitbürger gefeiert, manchmal auch für mehrere.

Aus einem US-Archiv stammt diese Aufnahme von einem der beiden Bombenangriffe auf den Traunsteiner Bahnhof im April vor 80 Jahren.

„Was der Krieg anrichtet“

Pertls Aufgabe war es, zusammen mit einem Gärtnerlehrling, der kriegsuntauglich war, vor dem Requiem die Blumendekoration aufzustellen und sie hinterher wieder wegzuräumen. Für diese Trauerfeiern wurde in der Kirche jeweils ein Katafalk aufgestellt. Das ist ein besonders gestaltetes Gestell, das eigentlich zur Aufbahrung der Verstorbenen im Rahmen der Trauerfeier gedacht ist. „So bekamen wir täglich mit, was der Krieg anrichtet.“

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